2013-02-02

Der Hessische Dauerbrenner

Eine kleine Statistik

von Dr. Harald Schäfer



Das Reaktionsgefälle

Wolf Schmidt hat seinerzeit bei der Ausstrahlung der Serie im Fernsehen versucht, aus negativen und positiven Zuschriften, Zeitungsartikeln und Kritiken sowie zusätzlichen eigenen Recherchen ein Bild der Zuschauer-Reaktionen zu ermitteln.

Es ergab sich ein Reaktionsgefälle innerhalb des Gebietes der Bundesrepublik. Südlich der Mainlinie wurde die hessisch redende Familie sehr wohlwollend akzeptiert, wobei Bayern eine Ausnahme bildete. Dort stießen die »Hesselbachs« besonders bei der ländlichen Bevölkerung auf Ablehnung. Nördlich der Mainlinie nahm der Beliebtheitsgrad je nördlicher, desto mehr ab und parallel damit die Kritik an der Mundart zu: in Hamburg merklich mehr als etwa in Niedersachsen. Auch hier gab es eine Ausnahme; im Vergleich zu Bayern mit umgekehrtem Vorzeichen: in Westfalen kamen Serie und Dialekt überdurchschnittlich gut an.


Einschaltquoten und Urteilsindex der Hesselbachs im Fernsehen

Wie groß die Wirkungsbreite einer solchen über mehrere Jahre laufenden Familienserie ist, zeigt die damals von den Fernsehanstalten den demoskopischen Instituten infratest-München (Befragung nach der Panel-Methode) und Infratam-Fankfurt (mechanische Messungen mit Kurven der Einschaltungen in Abständen von fünf Minuten) übertragene Auswertung der Zuschauerreaktionen.

Der Urteils-Index von »+10« bis »-10« basiert auf einer Personenstichprobe und den von den Meinungsforschern ermittelten Stellungnahmen der Fernsehteilnehmer, welche die jeweilige Sendung ganz oder teilweise gesehen haben und die in der Lage waren, ein Urteil abzugeben.

Der Ordnung halber muss erwähnt werden, dass das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) seinen Sendebetrieb erst am 1.April 1963 eröffnete. Damit erklären sich die hohen Prozentzahlen der Sehbeteiligung. Von daher gesehen sind auch die starken Einbußen bei der prozentualen Sehbeteiligung während der Ausstrahlung der letzten Teilserie »Herr Hesselbach und « zu verstehen. Dennoch ist stets etwa die Hälfte aller Zuschauer als Hesselbachgemeinde auch dort wieder zu finden. Die Folgen dieser neuen Reihe begannen zudem erst jeweils um 21 Uhr, während die alten Hesselbachs immer direkt nach den Nachrichten der Tagesschau um 20.15 Uhr anfingen.

Von der neuen Serie waren - wie bereits erwähnt - weitere drei Folgen (so beispielsweise »Herr Hesselbach und die Gruppe 67«) geplant, wurden aber wegen des schlechten Starts nicht mehr vom Hessischen Rundfunk produziert, auch wenn lange Zeit hartnäckig das Gerücht in Umlauf war, es gäbe bereits produzierte Folgen, die nur nicht mehr gesendet würden.
Die Folge »Herr Hesselbach und der Windhund« war ursprünglich für den 19. April 1967 um 21 Uhr vorgesehen, musste aber wegen des Todes von Bundeskanzler Adenauer verschoben werden.

1. Staffel: Firma Hesselbach
01. Das Dokument 80% +4* 22. 1. 1960
02. Das Techtelmechtel 94% +4 5. 2. 1960
03. Der Kriminalfall 86% +4 19. 2. 1960
04. Die Spezialistin 90% +5 18. 3. 1960
05. Der große Kunde 90% +5 11. 4. 1960
06. Sabotage 81% +5 13. 5. 1960
07. Die Panne 82% +4 10. 6. 1960
08. Der schwarze Freitag 74% +5 15. 7. 1960
09. Das Gerücht vom Dienst 76% +5 19. 8. 1960
10. Die Gehaltserhöhung 84% +5 23. 9. 1960
11. Der Betriebsausflug 78% +6 14. 10. 1960
12. Ein Minister kommt 66% +5 25. 11. 1960
13. Ein gewisses Gewissen 76% +4 23. 12. 1960
14. Der Anbau 85% +6 20. 1. 1961
15. Mehr Frauen in die Politik!? 78% +3 17. 2. 1961
16. Das Tüchelchen 75% +4 17. 3. 1961
17. Der Familienbetrieb 69% +6 14. 4. 1961
18. Das Sparschwein 72% +5 17. 5. 1961
19. Modernisierung 68% +4 23. 6. 1961
20. Das Gewitter 72% +4 21. 7. 1961
21. Geheimsachen 76% +6 11. 8. 1961
22. Das Dreckrändche' 72% +3 15. 9. 1961
23. Der röhrende Hirsch 69% +3 13. 10. 1961
24. Das Zimmer 76% +3 17. 11. 1961
2. Staffel: Familie Hesselbach
25. Simulanten 70% +3 15. 12. 1961
26. Die Erbschaft 83% +4 12. 1. 1962
27. Telefonitis 78% +4 16. 2. 1962
28. Die Festaufführung 73% +4 16. 3. 1962
29. Allergia maritalis 72% +4 13. 4. 1962
30. Die Hochzeit 78% +5 11. 5. 1962
31. Der Dieb 76% +2 22. 6. 1962
32. Die Party 73% +4 13. 7. 1962
33. Der Urlaub 78% +4 10. 8. 1962
34. Das Jubiläum 74% +4 21. 9. 1962
35. Fernmassage 79% +3 19. 10. 1962
36. Der Wahrsager 72% +4 16. 11. 1962
37. Der Kinderwagen 80% +5 14. 12. 1962
38. Die Erpressung 81% +4 11. 1. 1963
39. Die Rücksichten 79% +2 15. 2. 1963
40. Die Ehemaligen 74% +2 15. 3. 1963
41. Der Kongress von Tokio 80% +5 24. 4. 1963
42. Wertsachen 84% +2 29. 5. 1963
3. Staffel: Herr Hesselbach und ...
43. der Film 67% -2 19. 10. 1966
44. der Feind 52% +-0 23. 11. 1966
45. das Mündel 67% +2 29. 12. 1966
46. Graf von Hesselbach 41% +1 25. 1. 1967
47. die Kunst 48% -2 22. 2. 1967
48. das Juwel 59% +-0 22. 3. 1967
49. der Windhund 29% +3 19. 4. 1967
50. das Festival 49% -1 17. 5. 1967
51. der Ball 52% +-07. 6. 1967


Fasst man die vorliegenden Test-Ergebnisse zusammen, so zeigt sich ein für die Jahre 1960 bis 1963 gleichbleibender Zuschauerkreis, während dann die Index-Ziffern langsam nach unten gleiten und deutlich eine Ermüdungserscheinung sichtbar werden lassen.

1960 13 Sendungen 81,31 % +4,7
1961 12 Sendungen 73,50 % +4,2
1962 12 Sendungen 76,33 % +3,9
1963 5 Sendungen 79,60 % +3,0
1966/67 9 Sendungen 50,44 % +-0

Die Wiederholungen

Zur Vervollständigung mögen die infratest-Ergebnisse für die Wiederholungssendungen, die erstmals 1969 erfolgten, aufgelistet werden. Sie waren nunmehr an Samstagnachmittagen angesetzt, wo zudem im ZDF attraktive Kontrastprogramme liefen, eine mögliche Erklärung der relativ geringen Sehbeteiligung (in Klammern die Index-Zahlen der Erstausstrahlung).

Folge/Titel/Sehbeteiligung/Index/Sendedatum
1 Das Dokument 11 % +4(+4) 03.08.1969
2 Das Techtelmechtel 13 % +3(+4) 31.08.1969
3 Der Kriminalfall 19 % +4(+4) 26.10.1969
4 Die Spezialistin 16 % +5(+5) 23.11.1969
5 Der große Kunde 11 % +2(+5) 28.12.1969
6 Sabotage 10 % +4(+5) 25.01.1970
7 Die Panne 11 % +3(+4) 22.02.1970
8 Der schwarze Freitag 10 % +4(+5) 12.04.1970

Die Wiederholungen der Folgen 1 - 8 haben demnach eine durchschnittliche Sehbeteiligung von 12,62 % und einen durchschnittlichen Urteilsindex von +3,62. Beides sind alles in allem erstaunlich hohe Werte, wobei die äußerst positive Index-Bewertung auffällt.

Inzwischen sind sämtliche 51 Folgen mehrmals - meist in den verschiedenen Dritten Programmen der ARD - wiederholt worden und erfreuen sich auch nach fast vier Jahrzehnten ungebrochener Popularität, gemischt oft mit wehmütig-nostalgischen Erinnerungen oder von einer jungen Generation neu entdeckt als schwarz-weiße Fernseh-Historie.


Auszüge aus Harald Schäfer: "Die Hesselbachs. Erinnerungen an eine erfolgreiche Familien-Serie aus den Anfangszeiten des Fernsehens", R. G. Fischer, 1996.
Mit freundlicher Genehmigung: Erben Harald Schäfer.


2013-02-01

Harald Schäfer: In eigener Sache

Der Mann am Regiepult

Wolf Schmidt war ein Multifunktionskünstler, der nicht nur die Stücke entwarf und schrieb, sondern auch noch das Drehbuch dazu anfertigte und die Hauptrolle selbst spielte. Doch damit nicht genug: Die künstlerische Leitung übernahm er auch - besser gesagt: Er machte dies zur Bedingung. Einerseits, weil es ihm Spaß machte, und andererseits, weil er sich nicht gerne "reinreden" ließ.

Man braucht nicht vom Fach zu sein, um sich vorstellen zu können, dass diese Konstellation eine Machtkonzentration bedeutet, die bei kleineren Projekten durchaus Sinn macht, bei der Produktion von Fernsehfilmen aber schnell zu einem Problem wird. Denn ein Stab mit bis zu 100 Mitarbeitern gleicht einem Riesenschiff, das sich langsam bewegt, aber schwer zu bremsen ist.

Studio-Team der Hesselbachs


Dabei ist praktisch jeder Beteiligte ein Spezialist auf seinem Gebiet, dem nichts vorgemacht werden kann, so dass aus kleinen Blößen schnell riesige Fallstricke werden.

Harald Schäfer neben Lia Wöhr und Wolf Schmidt

Der Regisseur im Zentrum aller künstlerischen und technischen Entscheidungen muss deshalb in jeder Hinsicht mit allen Wassern gewaschen sein. Wolf Schmidt hatte zwar Regie geführt - aber hauptsächlich im Radio und bei seinen Kinofilmen (die mit geringstmöglichem Aufwand realisiert wurden, und technisch völlig anders als Fernsehproduktionen im Studio abliefen).

Den Produktionsverantwortlichen beim Hessischen Rundfunk war jedoch schnell klar, dass da noch jemand her musste, der mit der Studiotechnik vertraut war und es gleichzeitig verstand, die Schmidtschen Wünsche in die technische Sprache des Aufnahmeteams zu übersetzen. Und das möglichst, ohne Schmidt spüren zu lassen, dass ihm jemand - reinredete.

Der Mann, der dieses Kunststück fertigbrachte, war der damals 28-jährige Harald Schäfer, der nicht nur die Hesselbachs als Co-Regisseur (und später als alleiniger Regisseur) "machte", sondern danach ein gesuchter und vielbeschäftigter Fernsehregisseur wurde, wobei er mit seiner "Augsburger Puppenkiste" ein weiteres Stück Fernsehgeschichte geschaffen hat.

Schäfer verstarb leider 2001. Ich freue mich aber, dass ich ihn hier - dank der Mitwirkung seiner Tochter Tanja - durch einen von ihm 1996 geschriebenen Text zu Wort kommen lassen kann.

Michael

Harald Schäfer beim Dreh für die Hesselbachs


In eigener Sache

von Dr. Harald Schäfer


80 Prozent der Regiearbeit geschieht, bevor man in das Atelier geht. Dort bestehen dann weitere 19 % in der psychologischen Kriegsführung, im Ausgleichen der Schauspieler und des recht umfangreichen Stabes und im behutsamen Angleichen der am grünen Tisch erarbeiteten Vorstellungen an die gegebenen Realitäten. Das verbleibende kleine, feine eine Prozent ist im Glücksfall der Glücksfall eines Funkens von Genialität. Dabei müssen dann aber - wie es eben nur bei einem Glücksfall sein kann - mehrere Faktoren kongruent werden; auf deutsch: Buch, Regie, Szenenbild, Schauspieler und Publikum müssen in hohem Maße zusammenfinden.

Die Vorarbeit

Halten wir uns zunächst an die 80 % Vorarbeit. Hier muss der Regisseur erst einmal all die zahlreichen Komponenten einer Produktion unter einen, am besten seinen, Hut bringen. Das fängt mit dem Buch an. Es muss - roh vom Autor kommend - gewissermaßen paniert werden. Da die Hesselbach-Folgen vorproduziert wurden und nicht direkt - »live« heißt der Fachausdruck (der sich wirklich mit »v« schreibt, obwohl er wie »life« ausgesprochen wird, weil er wahrscheinlich von »alive« abstammt) - zur Sendung kamen, mussten die einzelnen Bücher - und gewöhnlich wurden drei Folgen gleichzeitig in einem Produktionszeitraum hergestellt - in sogenannte Pensen und Takes eingeteilt werden.

Das Pensum für drei Tage bestand aus etwa 25 Buchseiten, was 15 bis 20 Minuten entspricht. Dieses Pensum unterteilte sich seinerseits in mehrere Takes, die den Gegebenheiten des Buches Rechnung trugen. Diese Einteilung war aber nur ein kleiner Anfang.

Die Kamereinstellungen

Harald Schäfers Buch
Zudem wurden jetzt schon fast haargenau die Kameraeinstellungen festgelegt. Da die - in der Regel drei, manchmal mehr - elektronischen Kameras mit Kabeln versehen sind, die sich ihrerseits im Studiobetrieb leicht verheddern können und dann schwer zu entwirren sind, gilt es diesen Punkt besonders sorgfältig zu bedenken. Jede Riesel-Iko-Kamera hatte anfangs zwei Aufnahmeoptiken. Das waren in der Regel die Brennweiten 75 für Großaufnahmen, 25 für den Nahbereich und 16 für die Totalen. Sie wurden vorab den einzelnen Kameras zugeteilt und auch zwischen den Takes oft ausgewechselt. Die anfängliche Riesel-Iko-Technik war in einem schmalen, relativ kleinen Gehäuse zuhause, und mit einem einzigen Hebel holte man die eine oder andere der beiden Linsen und regulierte damit gleichzeitig parallel die Schärfe.

Jeder Schuss - so heißt noch heute oft eine Kameraeinstellung - bekam bereits während dieser Vorarbeiten sein Objektiv zugeteilt. Natürlich bleiben im Studio noch genügend Gründe, diese erarbeiteten Resultate wieder umzuwerfen.

Das nennt man dann Probe.

Aus dem vorliegenden Buch erwachsen ganze Alpträume von Vorarbeiten. Da gilt es das Szenenbild zu besprechen, die Requisitenliste aufzustellen, Kostümabsprachen zu treffen, die Statisterie anzufordern, Filmaufnahmen festzulegen, Produktionsbesprechungen abzuhalten und last but not least die Rollen zu besetzen. Eine gute Besetzung ist die halbe Inszenierung.

Das Casting

Da viele Stammrollen für eine ganze Serie zu engagieren waren, mussten damals vor Produktionsbeginn zahlreiche Schauspielertests durchgeführt werden. Das war eine notwendige, wenn auch für beide Teile unangenehme Aufgabe. Wer hört es schon gerne, wenn man ihm sagt, er sei schließlich doch nicht der geeignete Typ für diese oder jene Rolle? Ich erinnere mich noch genau, wie ein erlauchtes Gremium - es bestand aus Wolf Schmidt, dem Hauptabteilungsleiter Fernsehen/ Unterhaltung Hans-Otto Grünefeldt, unserem Ausstattungschef Rudolf Küfner, dem damaligen Chefdramaturgen Helmut Krapp und mir - in der Regieloge zum Beispiel über Wohl und Wehe der Hesselbach-Kinder abstimmte.

Das Szenenbild

Das Szenenbild entwarf seinerzeit Rudolf Küfner, kurze Zeit später trat Hartmut Schönfeld an seine Stelle. Neben der damals recht altmodisch etablierten Wohnung im anzunehmenden ersten Stock über der Druckerei erstand das Sekretariat, das Chef- und Prokuristenzimmer, die Buchhaltung und die Setzerei. In der 19. Folge wurde die Wohnung renoviert und wesentlich moderner eingerichtet. Mit der neuen Serie »Herr Hesselbach und ...« sind dann Vater und Mutter Hesselbach sogar in ein eigenes Häuschen am Stadtrand gezogen, nachdem sie die Druckerei verkauft hatten.

Als der Inbegriff Hesselbach'schen Traditionsbewußtseins wanderte ein Möbelstück immer mit, bis es schließlich in der »gut Stubb« von Putzfrau Siebenhals landete: das alte, reichlich mit Schnitzwerk versehene, irrsinnig schwere und unbequeme, unmoderne, unpraktische und innig geliebte Buffett, das schon in den Kinofilmen als voluminöser Staubfänger gedient hatte. Dieses Buffett aus Schmidt'schem Privatbesitz stand also mit etwas Dekoration drumherum im Oktober 1959 im Studio 8 des Hessischen Rundfunks und wartete - mit vielem und vielen anderen zusammen - auf den Produktionsbeginn.

Die Doppelregie bei den Hesselbachs

Wissen Sie, was »Bunraku-za« ist? Ein japanisches Marionettenspiel, wobei die Puppen die Größe des menschlichen Körpers haben und jeweils von drei schwarz vermummten Männern geführt werden. Der eine bewegt den Kopf und den rechten Arm, der zweite den linken Arm, der dritte die Füße.

Doppelregie ist eine Art Bunraku-za. Jeder Vergleich hinkt. Auch dieser, denn beispielsweise ist der dritte Mann überzählig.

Dieses Spiel der vermummten Männer (sprich: Regisseure) erzielt erst dann einen gewinnbringenden Nutzen, wenn beide nach längerer Gewöhnung fast automatisch synchron arbeiten. Dann nimmt jeder dem anderen einen Teil der Arbeit und einen Teil der Verantwortung ab.

Im konkreten Fall der Hesselbachs sollte Wolf Schmidt die Dialogregie übernehmen und ich die Bildregie. Das klingt vortrefflich, kann aber in der Praxis verteufelt sein.

Harald Schäfer und Wolf Schmidt beim Dreh für die Hesselbachs


Man braucht eine längere Anlaufzeit, und ich gestehe offen: Anfangs gab es viele Reibereien. Gewitzte Schauspieler haben sich das in den ersten Produktionstagen oft geschickt zu Nutzen gemacht. Naturgemäß war ich in einer misslichen Lage, wenn es zu heimlichen oder gar - wenn auch sehr seltenen - offenen Auseinandersetzungen kam: mein Partner war der Autor, der Hauptdarsteller, der Co-Regisseur und der Ältere. Da ich als Steinbock eine ehrgeizige Mimose bin, muss es anfangs für Wolf Schmidt mit mir nicht immer angenehm gewesen sein. Es wäre ihm damals ein Leichtes gewesen, mich kurzfristig loszuwerden, aber eine unverbrüchliche Treue vom ersten Tag des gemeinsamen Kampfes an war eine der persönlichen Eigenarten von Wolf Schmidt. Vielleicht lag diesem Wetterauer Dickkopf und Besserwisser (geboren in Friedberg) dieser Vogelsberger Dickkopf und Besserwisser (geboren in Schotten). Ich kann nur in umgekehrter Richtung feststellen, dass unser Verhältnis sich damals in atemberaubendem Tempo verbesserte.

Nach wenigen Tagen bereits und nach einigen gemeinsamen Mittagessen bei Seppl Holler im nahen Marbachweg entstand eine prächtige, bis zuletzt währende Harmonie - privat wie beruflich.

Immerhin: wir haben auf Anhieb - nicht zuletzt dank der Doppelregie - die 45 bis 60 Minuten einer Folge in neun Tagen von der ersten Stellprobe bis zur sendefähigen Aufzeichnung bewältigt. Das war durchaus neu und keineswegs selbstverständlich. Der Samstag war übrigens noch ein voller Arbeitstag.

Das Studio

Erschwerend hinzu kamen die primitiven Verhältnisse eines Behelfsstudios. Studio 8 war der ein wenig zu groß geratene Name dafür. Man zitterte, wenn man über die baustellensumpfige Grabenlandschaft auf dieses Studio zusteuerte. Damals fing der Hessische Rundfunk damit an, die neuen Studios zu bauen und daneben und vor allem sein imposantes Fernseh- Verwaltungsgebäude, das sogar den berühmten »Hundehimmel« mit seinen goldenen Säulen überragt.

Dieser sogenannte Hundehimmel ist die Eingangshalle des Hessischen Rundfunks, die - der Wahrheit die Ehre - ursprünglich unserem Bundesparlament zugedacht war. Das zog allerdings nach Bonn, der Hessische Rundfunk dafür aus der Innenstadt zum Dornbusch. Und Hundehimmel heißt die Eingangshalle, weil jeder Hund davon träumt, einmal an goldenen Säulen - sie sind tatsächlich mit echtem Blattgold beschichtet - seine Notdurft verrichten zu dürfen.

Gigantisch waren die damaligen Bauarbeiten rundum, und wir armen Würstchen, die wir ja nur ein Programm machen wollten, waren dabei recht unbequeme Störenfriede. Zeitweise versuchte man uns den Zugang zum Studio abzuschneiden, und wir mussten in Selbsthilfe mit Bohlen mühsam einige Geheimpfade bauen, mit denen wir Gräben, Löcher, Baumaterialien und Abbruchgerümpel umständlich umgehen konnten.

Harald Schäfer mit Hesselbachs, Grzimek und dem Affen


Der Produktionsbeginn

Dennoch: der Start gelang. Die denkwürdigen ersten drei Folgen (»Das Dokument«, »Das Techtelmechtel« und »Der Kriminalfall«) wurden produziert.

Termingerecht. Zunächst befremdete, ja schockierte sogar viele Schauspielerkollegen das vorgelegte Arbeitstempo. Tempogeladene Arbeit muss aber nicht notwendigerweise unkünstlerisch sein. Sie kann vielmehr im Gegenteil gerade bei dem zur Sprache stehenden Sujet nutzbringend wirken. Tempo konzentriert, komprimiert und hält frisch. Zudem macht es die Grenzen zwischen Schauspielern verschiedener Perfektionsgrade fließend, was dem Gesamteindruck zugute kommt. In nuce sah das Hesselbach-Schema, das sicherlich vieles gegen sich, aber ganz bestimmt noch mehr für sich hatte, so aus:

Am ersten Tag wurden mit den Schauspielern, die ihren Text gut vorgelernt haben mussten, und mit den Kameras die einzelnen Takes durchgestellt. Jedes Bild eines Pensums von etwa 30 Seiten wurde genau festgelegt, jeder einzelne Schritt, jede Stellung eines Schauspielers, jede Position von Kamera und Mikrofon. Das hing dann aber doch immer irgendwo im Bild. Oder wenigstens der Mikroschatten verirrte sich störend in die Bildkomposition.

Es war dies ein Tag, der nur der Technik gewidmet wurde. In der Regel fanden bereits an diesem ersten Abend Schauspielerproben statt, manchmal auch erst am folgenden Abend nach einem Tag, der nur aus Durchlaufproben bestand. Dabei wurde jeder einzelne Take unzählige Male durchexerziert. Solange, bis er allen vor und hinter der Kamera in Fleisch und Blut übergegangen war. Allerdings galt an diesem Tag bereits das Hauptaugenmerk mehr dem Schauspieler als der Technik, die von Durchlauf zu Durchlauf perfektionierter vonstatten ging. Fehler gab es am dritten, dem Aufzeichnungstag, noch genügend.

Die Dreharbeit

Wir schluderten zwar nicht, aber wir waren auch nicht pedantisch. Wichtig war niemals etwa ein lächerlicher Mikrophonschatten, wenn dadurch wichtigere Komponenten, wie etwa eine spürbar gelungene Gesamtatmosphäre, hätten zurücktreten müssen. Am Ende des Aufzeichnungstages war ein Abschnitt des Stückes fertig produziert und entweder auf einem Filmstreifen oder einem Magnetband fixiert. Der Abend des dritten Tages gehörte gleichermaßen der Zerknirschung und der Vorbereitung auf den nächsten Tag, wo mit neuen heißen Stellproben - also mit Kameras - ein neuer Abschnitt einer Folge inszeniert werden musste.

Harald Schäfer und Wolf Schmidt beim Dreh für die Hesselbachs


Die Nachbearbeitung

Am Ende einer Produktionsperiode fuhren die Schauspieler nach Hause oder zu neuen Taten, der Stab zerstreute sich, der Regisseur aber begann nun mit den sogenannten Nacharbeiten. Die einzelnen Takes mussten zu einer Folge zusammengeschnitten, die Musik aufgenommen und schließlich zur Sprache gemischt, eventuelle Kürzungen vorgenommen werden.
Dann folgte - nach mehreren halbfertigen Vorführungen - die Endabnahme durch den Fernsehdirektor, der dann schließlich die Sendung zur Sendung freigab. Wenn sie ihm gefiel. Dem Regisseur gefiel sie in der Regel zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Die Sendetermine

Aber unerbittlich näherten sich die festgesetzten Sendetermine. Am 22. Januar 1960 lief die erste Hesselbach-Fernsehsendung über die Bildschirme. Die folgenden Tage schlich ich mich immer in und durch den Sender - aber: der Start glückte. Bereits bei der zweiten Folge zeigte sich ein Phänomen. Von uns als etwas schwächere Sendung angesehen, kam gerade sie - das »Techtelmechtel« - besonders gut bei den Zuschauern an. Die ersten drei Folgen wurden zum Auftakt in einem 14tägigen Rhythmus ausgestrahlt, danach ging es dann in einen monatlichen Turnus über.


Auszug aus H. Schäfer: "Die Hesselbachs. Erinnerungen an eine erfolgreiche Familien-Serie aus den Anfangszeiten des Fernsehens", R. G. Fischer, 1996.
Mit freundlicher Genehmigung: Erben Harald Schäfer.


Harald Schäfer als Regisseur




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