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2013-06-30

Die Familie Hesselbach im Radio

Für die meisten sind die Hesselbachs heute eine Nostalgie-Serie im Fernsehen. Ein hessischer Kult in Schwarzweiß - Sechzigerjahre - Wirtschaftswunder. Doch die Originalfamilie war ein Straßenfeger im Radio - in der kargen Nachkriegszeit und den Fünfzigerjahren - mit einer entsprechenden Werteskala. Es herrschte eine völlig andere Atmosphäre (sowohl im technischen als auch im gesellschaftlichen Sinn) und deshalb sind eigentlich die Hörfunk- und die Fernsehfamilie ganz unterschiedliche Familien. Radioapparat der 1950er JahreFür den Autor Wolf Schmidt bot die Fernsehreihe zwar die Möglichkeit, bereits umgesetzte Stoffe neu - und pointierter - zu realisieren, was in vielen Fällen sehr gut funktionierte. Unter den Hesselbach-Kennern gibt es jedoch auch solche, die der Radioserie den Vorzug geben.

Es sind nicht mehr alle Radiofolgen vorhanden, und die verbleibenden wurden - im Gegensatz zur Fernsehreihe - im hr praktisch nicht mehr wiederholt. Es ist also recht wenig bekannt über die Radio-Hesselbachs. Umso erfreulicher, dass Sabine Hock sich mit diesen "vergessenen" Hesselbachs befasst hat und dabei so einige Besonderheiten herausbekam.

Michael

Übersicht


Familie Hesselbach im Hörfunk


Die Radiofamilie Hesselbach

von Sabine Hock


Am 17. September 1949 stellte sich die Familie Hesselbach vor: „Hesselbachs ihrn Hausschlüssel“ hieß die allererste Folge der Serie, die an jenem Samstagnachmittag im Radioprogramm des Hessischen Rundfunks lief. Die Sendung war eine Live-Aufzeichnung von einem der beliebten „Bunten Nachmittage im Funk“, bei dem sich die Urfamilie vor Publikum am Mittagstisch versammelt und ihre erste Episode aus dem Alltagsleben gespielt hatte. Bei diesem „Probelauf“ sollte getestet werden, wie die Hesselbachs bei den Hörern ankommen würden. Noch war die Stammfamilie nicht gefunden. Die Herren Hesselbach standen zwar von Anfang an fest. Wolf Schmidt, der Autor und geistige Vater der Hesselbachs, spielte die Rolle des leiblichen Babbas selbst. Dieser Karl Hesselbach, „Prokurist einer angesehenen Firma“, wie er bei jeder passenden und auch nicht passenden Gelegenheit betont, ist unbestritten das Oberhaupt der Familie. Den 17-jährigen Sohn Willi sprach von Anfang an der junge Schauspieler Joost-Jürgen Siedhoff. Aber bei den Frauen der Familie, vor allem im Falle der 20-jährigen Tochter, gab es offenbar Besetzungsschwierigkeiten. Zunächst übernahm daher Anny Hannewald, eine beliebte Volksschauspielerin von den Städtischen Bühnen in Frankfurt, den Part der Mamma, obwohl sie mit 67 Jahren eigentlich zu alt dafür war. Auch die 38-jährige Lia Wöhr als Tochter Anneliese war in der ersten Folge ganz und gar nicht alters- und typgerecht besetzt.

Lia Wöhr

Die Probesendung ging nichtsdestotrotz erfolgreich über die Bühne und den Sender. Die Hesselbachs wurden in Serie produziert, ab der zweiten Folge im Studio und in der perfekten Besetzung: Nachdem für die Tochter Sofie Engelke gefunden war, avancierte Lia Wöhr zur Mamma „Marieche“ Hesselbach, zum Urbild der hessischen Mutter in den Medien, das sie übrigens deutlich anders anlegt als später Liesel Christ in der Fernsehfassung. Die Radio-Mamma ist eine Frau, die durchaus in der Lage ist, ihren Mann zu stehen – was sie in den Kriegsjahren, als ihr Karl an der Front stand und sie sich und ihre Kinder allein durchbringen musste, bewiesen hat. Geblieben ist ihr eine gewisse Couragiertheit, die sie auch in den andauernden Streitigkeiten mit ihrem Mann an den Tag legt. Letztlich geht aus diesen Wortgefechten zwar meist der Babba als Sieger hervor. Wenn sich Mamma jedoch gar nicht mit den Gegebenheiten abfinden kann, hat auch sie ihre Mittel und Wege, um ihren Willen durchzusetzen: Sie bekommt in solchen Fällen einfach einen Herzanfall. Der Schlachtruf „Kall, mei Drobbe!“, der heute im Hessischen sogar redensartlich geworden ist, dürfte somit von Lia Wöhr als Radio-Mamma Hesselbach kreiert worden sein. Liesel Christ, der Fernseh-Mamma, der diese Worte gern unterstellt werden, hat sie in der Serie nie gesagt.

Hessische Identität

Auf die Idee des Autors Wolf Schmidt für eine Familienserie im Radio hatte der Frankfurter Sender zunächst zumindest skeptisch, wenn nicht gar ablehnend reagiert. Schmidt hatte seine Serie daher zuerst (ab 1948) als „Die Familie Staudenmaier“ bei Radio Stuttgart angebracht. Dass die Familie Hesselbach beim neu konstituierten Hessischen Rundfunk (hr) fast ein Jahr später doch in Serie gehen durfte, lag an dem identitätsstiftenden Auftrag des jungen Senders. Der Frankfurter Sender, als „Südwestdeutscher Rundfunk“ 1924 gegründet, hatte seinen Sendebetrieb bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, noch im Sommer 1945, als „Radio Frankfurt“ unter alliierter Kontrolle wiederaufnehmen können (siehe hierzu auch Grußwort des hr-Intendanten). Aus „Radio Frankfurt“ war dann der Hessische Rundfunk hervorgegangen, der am 2. Oktober 1948 als öffentlich-rechtliche Sendeanstalt errichtet und am 28. Januar 1949 aus der alliierten Kontrolle entlassen wurde.

Das Sendegebiet entsprach dem Territorium des – erst durch die amerikanische Besatzungsmacht geschaffenen – Bundeslands Hessen, und der hr sollte dazu beitragen, dass sich bei den Hörern dieses Gebiets ein hessisches Bewusstsein entwickelte. In diesem Sinne sollten auch die Hesselbachs wirken, die nicht nur eine Alltagschronik einer typischen hessischen Familie lieferten, sondern auch „hessisch“ sprachen. Durch die Sendeform der Serie wurde zugleich eine Bindung der Hörer an den Sender und somit indirekt auch an ihr Bundesland erreicht. Dass die Hesselbachs ihre Heimat Frankfurt nicht verleugnen konnten und eher in einer südhessischen Regionalsprache „babbelten“, erschwerte allerdings die Identifikation für die nordhessischen Hörer. Immerhin stießen Mamma und Babba ganz am Ende ihres Medienlebens 1967 bis ins oberhessische Schlitz vor, aber bis Kassel kamen sie nicht. An der verzögerten Integration Nordhessens dürften also die Hesselbachs nicht ganz unschuldig sein. Sie trugen dazu bei, dass oft Hessen mit dem Rhein-Main-Gebiet und Hessisch mit Südhessisch assoziiert und gleichgesetzt wurden – und noch werden.

Probenszene


Straßenfeger im Radio

Schon zu ihren Radiozeiten war „Die Familie Hesselbach“ ein echter Straßenfeger, wenn auch noch – anders als in ihrer späteren Fernsehzukunft – durch das Sendegebiet regional begrenzt. Die Episoden aus dem Alltag der hessischen Familie, die seit dem Serienstart im Herbst 1949 mindestens einmal monatlich (außer in der Sommerpause) auf dem Programm standen, erzielten Spitzen-Einschaltquoten von 75 % und mehr in Hessen. Bis zum Frühjahr 1953 liefen 47 Folgen der „Familie Hesselbach“ im Radio. Danach wollte sich der „Vater“ (im doppelten Sinne) in den Ruhestand verabschieden. Auf massiven Druck der Hörer wurde die Serie doch fortgesetzt, zunächst mit einer Staffel „Prokurist a. D. Hesselbach – Büro für Lebensberatung“ in zwölf Folgen 1953/54, dann mit der Anschlussserie „Hesselbach GmbH“ in 18 Folgen 1954-56. Mit dem „Konkurs“ der Firma am 11. März 1956 verabschiedeten sich die Hesselbachs nach insgesamt 77 Folgen endgültig von den Radiohörern.

Bis heute ist die Radioserie ein Hörgenuss. Als das Erfolgsgeheimnis der Hesselbachs wird immer wieder die Qualität der Dialoge in ihrer absurden Realitätsnähe angesehen, die durch die brillante Authentizität der Sprecher, ja selbst der kleinsten Stimmcharge unterstützt wird. Überraschenderweise erinnerten sich viele zeitgenössische Hörer, vor allem der jüngeren Generation, an eine ganz andere Faszination, die das Leben der Radiofamilie auf sie ausübte. Sie erzählten, wie sie als Kinder oder Jugendliche in der Nachkriegszeit voller Bewunderung und auch Neid vor dem Radio saßen – weil es den Hesselbachs so gut ging. Während sie selbst zu viert und mehr in einem einzigen Zimmer beengt hausen mussten, hatten die Hesselbachs eine eigene Vier-Zimmer-Wohnung, also eigentlich ein Zimmer für jedes der vier Familienmitglieder! Gerade in Frankfurt, wo die Hesselbachs der Radioserie offenbar lebten, war die Wohnungsnot nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs noch bis in die Sechzigerjahre hinein eines der drängendsten Probleme.

Radiorealitäten

Den Hesselbachs geht es besser als vielen, wenn nicht gar den meisten deutschen Familien in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die vierköpfige Familie lebt in einer größeren hessischen Stadt, die namentlich nicht genannt wird, aber leicht als Frankfurt erkennbar ist. Sie hat eine Vier-Zimmer-Wohnung (mit einem Elternschlafzimmer, einem Wohnzimmer, Annelieses Zimmer und Willis – wenn auch kleiner – Kammer) gemietet, die mit ihren Vorkriegsmöbeln eingerichtet ist. Dennoch bricht auch in dieses kleinbürgerliche Idyll immer wieder die Realität des Alltags in der unmittelbaren Nachkriegszeit herein, die für die Hörfunkfolgen der Hesselbachserie prägend ist. Schon in der allerersten Szene am Mittagstisch sind die schlechten Zeit in einer Diskussion um das Essen präsent: Es entfacht sich ein Streit um die Eier in der Grünen Soße, nach denen Willi und Babba „fischen“ – was aus heutiger Sicher eher harmlos komisch wirkt, damals aber den ganz handfesten Hintergrund hatte, dass Eier oder gar Fleisch aus Kostengründen nur relativ knapp und selten auf den Tisch kamen.

Auch das Glück der eigenen vier Wände können die Hesselbachs in Zeiten der Zwangsbewirtschaftung von Wohnraum nicht immer unangefochten genießen. So wird ihnen zu Weihnachten 1949 kurzfristig eine Vertriebenenfamilie einquartiert. Die Hesselbachs nehmen diesen Umstand schon wegen der damit verbundenen Ungelegenheiten zunächst sehr übel auf und kommentieren das Ereignis in einer ihrer üblichen Debatten mit den gängigen Vorurteilen, bis sie die einquartierte Familie mit zwei kleinen Kindern näher kennenlernen, angesichts von deren Not doch mitleidig gestimmt werden und helfend eingreifen. Diese Hesselbach-Episode ist jedoch mehr als ein Plädoyer für die Nächstenliebe und damit eine echte Weihnachtsgeschichte. Sie ist ein offener Appell für die Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen. Damit erfüllt sie den erzieherischen Anspruch der Alliierten an das Medium Radio in dem neu geschaffenen demokratischen Staat der Bundesrepublik Deutschland, der auch und gerade für Unterhaltungssendungen galt.

Offenbar hielten die Rundfunkverantwortlichen die Weihnachtssendungen für besonders geeignet, auf Versöhnungen aller Art hinzuwirken. In einer späteren Weihnachtsgeschichte der Hesselbachs löst ein „Weihnachtsgast“ aus Frankreich, gesprochen von dem damals schon beliebten Schauspieler und Moderator Hans-Joachim Kulenkampff, bei Hesselbachs die Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit und die Versöhnung mit Frankreich aus (1951).


Die klassische Vaterfigur im Wandel

Ziemlich zeitgleich mit dem neuen Staat der Bundesrepublik Deutschland starteten die Hesselbachs in ihre Geschichte. Sie repräsentierten eine typisch (west)deutsche Kleinfamilie. Dank der wirtschaftlichen Position des Vaters, eines mittleren Angestellten, ist zunächst das kleinbürgerliche Milieu gewahrt. Der Babba ist anfangs noch ganz als traditioneller Familienpatriarch angelegt, dessen uneingeschränkte Autorität vor allem von Mamma den Kindern gegenüber vertreten wird. „Der Babba ist ein solider Mann“ (und immer vor zehn Uhr daheim), sagt Mamma in der allerersten Hörfolge, weshalb er niemals den Hausschlüssel brauche – was der Gepriesene dann höchstselbst konterkariert, indem er keinen Augenblick später in Hut und Mantel auftritt und den Hausschlüssel fordert. Überhaupt ist es oft Babba selbst, der durch sein teils kleinbürgerliches, teils stures Verhalten seine Vormachtstellung bei seiner Familie ebenso wie bei den Hörern ins Wanken bringt.

Im Regieraum beim Hessischen Rundfunk


Im Lauf der Serie öffnete sich der Vater zunehmend der Nachkriegswelt, deren Wandel er nun mit Neugier, Toleranz und Pragmatismus begegnete. Die humanistische Bildung, die er offenbar genossen hat, nützte ihm anfangs wenig: Auch wenn er nächtliches Hundegebell metrisch zu analysieren vermochte, so verhalf ihm das nicht zu äußerer und innerer Ruhe. Erst im Laufe der Serie entwickelte dieser Karl Hesselbach aufgrund seiner humanistischen Grundhaltung eine gewisse Souveränität. Allmählich wurde er zum Verfechter einer Alltagsphilosophie des gesunden Menschenverstands, der vielen seiner Zeitgenossen, seinem Publikum, aus dem Herzen sprach. Diese Entwicklung der Babba-Rolle schlug sich bereits in der Handlung der Hörfunkfolgen ganz direkt nieder, als die „Familie Hesselbach“ 1953 ihren Abschied nahm und Vater Hesselbach kurz darauf ein „Büro für Lebensberatung“ eröffnete. In der Fernsehserie hat der Vater das Kleinbürgerliche endgültig abgeschüttelt; nun war er Chef eines mittelständischen Druckereibetriebs und Verleger der regionalen Wochenzeitung „Weltschau am Sonntag“ und durfte als solcher frei über alle möglichen Fragen des Lebens monologisieren.

Probenszene


Dramaturgische Kniffe im Familienleben

Die beiden Hesselbach-Kinder, Tochter Anneliese und Sohn Willi, anfangs 20 und 17 Jahre alt, wurden im Laufe der Serie erwachsen. Anneliese, die als Büroangestellte in einem Modesalon arbeitet und dadurch zum Familieneinkommen beiträgt, fügt sich meist in die Rolle der braven Tochter und tritt, im Gegensatz zu ihrem eher „leichtsinnigen“ jüngeren Bruder, sehr „vernünftig“ auf. Gleich in der allerersten Folge muckt sie allerdings doch einmal auf, als Mamma sie abends nicht fortgehen lassen will: „Du warst erst vorig Woch im Kino!“ Die komische Übertreibung birgt auch hier ein Körnchen Wahrheit. Selbstverständlich waren bei Hesselbachs die gutbürgerlichen Gebote von Sitte und Anstand einzuhalten. Dementsprechend durften Jugendliche nicht so oft ausgehen, und wenn es ihnen einmal gestattet wurde, so mussten sie beizeiten wieder daheim sein, damit nicht der Eindruck entstünde, sie würden sich „herumtreiben“. Selbst wenn Anneliese schon 21 und damit nach damaligem Recht volljährig gewesen wäre, hätte sie wohl kaum mehr Freiheit genossen. Insbesondere junge Mädchen mussten schließlich auf ihren guten Ruf achten. Viele verlobten und heirateten auch deshalb so früh, um dadurch eine gewisse Unabhängigkeit (von den Eltern) zu erlangen.

Auch Hesselbachs Tochter verlobt sich schon in der 9. Radiofolge, was dem Autor Wolf Schmidt die Gelegenheit gab, die familiären Folgen des Frauenüberschusses in der Nachkriegszeit in Szene zu setzen. Allzu schnell durfte Anneliese ihren Hans jedoch nicht heiraten. Denn noch brauchte der Autor die Tochter als Figur in seinen Familiengeschichten. Deshalb wurde der Bräutigam erst einmal zu einem Auslandsaufenthalt nach Frankreich geschickt, wo er sich nicht nur beruflich bewähren, sondern auch finanziell verbessern sollte. Anneliese bleibt solange bei den Eltern wohnen und weiterhin berufstätig, um ebenfalls für ihren späteren Hausstand sparen zu können. Hansens Frankreichaufenthalt brachte zugleich Stoff für neue Geschichten, in denen es um Liebeskummer und Eifersucht geht.

Erst nach fast dreijähriger „Verlobungszeit“, in der 42. Folge vom 1. Februar 1953, heiratet Anneliese endlich ihren Hans. Die Eltern Hesselbach, die inzwischen nicht vom allgemeinen Wirtschaftswunder ausgeschlossen blieben, können sich nun zusammen mit dem jungen Ehepaar ein eigenes Häuschen leisten („Das Häuschen“, 46. Folge vom 26.4.1953). Als Anneliese schließlich Zwillinge erwartet, gibt Babba sogar seine geliebte Stellung als „Prokurist einer angesehenen Firma“ auf und lässt sich pensionieren, um sich künftig ganz seinem neuen „Beruf“ als Großvater widmen zu können („Der neue Beruf“, 47. Folge vom 10.5.1953). Damit, so wollte es der Autor Wolf Schmidt, sollte die Geschichte der Familie Hesselbach eigentlich enden. Die FAZ berichtete am 1. Mai 1953 über seine neuen Pläne: Im Herbst erscheint dann eine neue Sendung, von der bisher nur der Arbeitstitel ‚Die kleine Stadt’ zu erfahren gewesen ist. Ehrlich gesagt, weiß Wolf Schmidt selbst noch nicht, was er in der neuen Sendung im einzelnen produzieren will. Nur die große Linie liegt fest: Alltagsgeschichten im bekannten ‚Exporthessisch’, die in diskreter Form einen kleinen Schuß Moral enthalten.
Auf vielfachen Hörerwunsch griff Wolf Schmidt dann doch wieder auf die Hesselbachs zurück. Möglicherweise hat er einfach das Personal aus der alten in die bereits grob geplante neue Serie verpflanzt. Schon wenige Monate später, ab dem 25. Oktober 1953, ging es jedenfalls mit einer neuen Staffel weiter, die den Titel trug: „Prokurist a. D. Hesselbach – Büro für Lebensberatung“. Darin betätigt sich Babba, den sein neuer Beruf als Großvater doch nicht ausfüllte, als „Lebensberater“, der – ähnlich wie ein Briefkastenonkel in den Illustrierten – seinen Mitmenschen bei allen möglichen Problemen des alltäglichen Lebens (von Nachbarschaftsstreitigkeiten bis zu Ehekrächen) mit Rat und Tat zur Seite steht. Aber schon nach zwölf Folgen 1953/54 hatten sich die Stoffe dafür erschöpft.

Personalfragen

Sofie Engelke und Wolf Schmidt

Zur weiteren Fortsetzung der Serie in einer dritten Staffel musste der Serienschreiber Wolf Schmidt mehr als einen kühnen Griff tun. Zunächst sorgte er für neue Stoffe, indem er die „Hesselbach GmbH“ gründete und den Babba ins Berufsleben zurückschickte („Die neue Firma“, 60./1. Folge vom 28.11.1954). Dieser Schritt wurde den Hörern mit der Begründung „verkauft“, dass Babba eigentlich noch viel zu jung und zu fit fürs bloße Rentnerdasein sei, sich deshalb eine neue Aufgabe gesucht und eine eigene Firma (eine Verlagsdruckerei, die auch eine eigene Wochenzeitung herausgibt) erworben habe.

Um das richtige Personal für seine Firma zu kriegen, musste sich Schmidt aber noch viel mehr einfallen lassen. Zunächst musste er die Tochter Anneliese loswerden. Sie wird mit ihrer Familie einfach nach Frankreich geschickt, wo Hans seine Karriere als Ingenieur fortsetzt. Und dadurch wird es dem vitalen Babba natürlich noch langweiliger, weil er seinen „neuen Beruf“ als Großvater gar nicht mehr ausüben kann. Der eigentliche Grund für den Ausstieg der Tochter war aber ein ganz „serienpraktischer“: Die Sprecherin der Anneliese, die Schauspielerin Sofie Engelke, wurde für die Rolle der Firmenangestellten Frieda Lahrmann gebraucht, zumal nur ein eingeschränktes Kontingent an Sprechern, die des Hessischen mächtig waren, zur Verfügung stand.

Umso lieber wollte Schmidt den Sohn Willi zurückholen, da er als Juniorchef und Prokurist zahlreiche Handlungsmöglichkeiten mitbringen würde. Willi Hesselbach, der bei Serienbeginn noch als hessischer Halbstarker die „Maschinebauschul“ besucht hatte, war inzwischen mit seiner jungen Frau Angelika nach Stuttgart gezogen, um dort Karriere zu machen. Den Willi heim in die väterliche Firma zu locken, war für einen Serienprofi wie Wolf Schmidt kein Problem, zumal Willis Sprecher, Joost-Jürgen Siedhoff, gerne wieder zu den Hesselbachs kommen wollte. Doch für Willis Frau war kein Platz im Betrieb; ihre Sprecherin, die Schauspielerin Irene Marhold, wurde dringender für die Rolle der kleinen Angestellten Fräulein Pinella gebraucht.


Schmidt, Marhold, Engelke


Kurzerhand musste Willi sich scheiden lassen. Ohnehin hatte es in seiner Ehe schon länger gekriselt, was seinem Vater in der vorangegangenen Serienstaffel ausreichend Stoff zur Lebensberatung in der eigenen Familie geliefert hatte. Das Erstaunliche daran ist natürlich nicht, dass es die Ehescheidung auch in den prüden Fünfzigern schon gab, sondern dass die Ehescheidung in einer unterhaltenden Familienserie im Radio thematisiert wurde. Die Hörer mussten einfach schlucken, dass bei Hesselbachs nicht nur geheiratet, sondern auch geschieden wurde. Allerdings wäre es ein Unding gewesen, wenn Willi, was nach damaligem Recht noch möglich gewesen wäre, „schuldig“ geschieden worden wäre. Ausdrücklich gibt Willi selbst keinem der Beteiligten die Schuld („Wir haben eben viel zu jung geheirat!“), obwohl er – ganz großzügiger Verlierer – erwähnt, dass seine geschiedene Frau sich anderweitig verheiraten will. So kann er als strahlender hessischer Held in die Serie zurückkehren. Seine Beliebtheit bei den Hörern blieb ungebrochen; vielmehr werden vor allem manche Hörerinnen sogar Mitleid mit dem sympathischen Hesselbach jr. gehabt und ihm eine neue, bessere Liebesbeziehung von Herzen gegönnt haben.

Tatsächlich findet Willi in der neuen Firma bald die Richtige, seine Sekretärin Helga Schneider (Julia Costa), die er aber natürlich erst nach allerhand serientypischen Verwicklungen, wie sie zu jener Zeit wiederum nur ein unverheirateter Prokurist provozieren kann, „kriegt“. Nach zehn Folgen stieg Joost-Jürgen Siedhoff, wie später in der Fernsehfassung auch, aus der Firmengeschichte aus. Seinen Job als Prokurist überließ er einem Herrn Daisendorf, gesprochen von dem Schauspieler Otto Stern, der dann in der Fernsehfirma als Herr Zimmermann die Setzerei leitete.


Familienbild


Vom Radio ins Fernsehen

Am 11. März 1956 lief die 77. und letzte Folge der Hesselbachs im Radio. Damals war es nicht unüblich, erfolgserprobte Sendungen aus dem Hörfunk in das Fernsehen zu übernehmen. Unter dem Intendanten Eberhard Beckmann, der an der Gründung der ARD (1950) maßgeblich beteiligt war und die Entwicklung des Fernsehens in Deutschland entscheidend förderte, hatte sich auch der Hessische Rundfunk verstärkt diesem neuen Medium zugewandt. Am 7. November 1953, ein halbes Jahr nach dem Anschluss des hessischen Sendegebiets an das Gemeinschaftsprogramm der westdeutschen Rundfunkanstalten, bestritt der Frankfurter Sender sein erstes vollständiges Abendprogramm im Deutschen Fernsehen. Im Mittelpunkt des Abends stand das Städtequiz „Wer gegen wen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff, das bereits aus dem Radio bekannt und beliebt war.

Den Sendeplatz der Familienserie im Fernsehen hielt seit 1954 jedoch die vom NWDR produzierte „Familie Schölermann“ besetzt. Da das Deutsche Fernsehen noch bestrebt war, jegliche „Wiederholung“ zu vermeiden, fanden die Hesselbachs erst ein paar Jahre später ihren Weg auf den Bildschirm, wo sie zunächst auch nicht als Familie, sondern als Firma auftreten durften. Im Fernsehen ging es im Januar 1960 also eigentlich mit dem Schluss der Radioserie los. Ansonsten hat es alles, was die Hesselbachs nun bundesweit zum Kult machte, schon vorher im Radio gegeben, den röhrenden Hirschen ebenso wie das Dreckrändche an Mammas Milchdippche.

Dr. phil. Sabine Hock arbeitet als freie Autorin und Journalistin.
www.sabinehock.de



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2013-03-07

Die Erna-Monologe

»Mein Erwin ist so wirtschaftlich«


Erna

Erna bekommt den Hirsch (schwäbisch)
Erna behält ihn (schwäbisch)
Erna bekommt den Hirsch (hessisch)
Erna behält ihn (hessisch)
Erna bekommt den Hirsch (Fernsehen)
Erna behält ihn (Fernsehen)


Der Satiriker Pit Knorr bezeichnete sie als "Erna-Monologe", die "wahrscheinlich in die Geschichte der komischen Literatur eingehen werden, jedenfalls sollten".

Es sind die Passagen in der Episode "Der röhrende Hirsch", in denen Mammas Nichte Erna zu Besuch kommt, und als Verlobungsgeschenk eine vermeintlich wertlose Bronzeplastik bekommt, und dann später nicht mehr zurückgeben will, als der Wert des Bronzehirschs - wiederum vermeintlich - doch viel größer ist als angenommen.

Den "röhrenden Hirschen" gibt es in vierfacher Ausfertigung: Einmal auf schwäbisch als 47. Hörspielfolge der "Familie Staudenmaier" mit Anne Andresen als Erna, dann als Hesselbach-Hörspiel (Nr. 32) mit Else Knott, dann als Fernsehfolge (Nr. 23) und schließlich in Buchform (siehe unten).

Alle Varianten haben ihren Reiz, allerdings hat das scharf gerollte "rr" der genialen Fernseh-Darstellung Gudrun Geweckes einen ganz besonderen.

Viel Spaß beim Genuss der Erna-Varianten!

Michael



Erna-Monologe im Buch

aus Die Hesselbachs. "Babba"

von Wolf Schmidt


Babba (Buch)

[...]

»Soooo, hier bringe ich euch unsere liebe Erna: ihr könnt ihr gratulieren! Denkt mal an, sie hat mir eben erzählt, sie hat geheiratet, in aller Stille...« Großes Händeschütteln, keine Küsse. Der Verwandtschaftsgrad war für Küsse zu entfernt, und Erna war auch nicht gerade verlockend. Weiß der Himmel, was dieser Erwin an ihr finden mochte! »No, siehste Erna, haste also auch noch einen gefangen«, sagte Babba, weil ihm nichts anderes einfiel. Und Peter ergänzte: »Ist ja auch kein Wunder, dass er so einem leidenschaftlichen weiblichen Wesen so bedingungslos verfallen ist...«, und Erna quietschte. Denn nun war sie verheiratet und durfte bei so was quietschen. Sie liebte Zweideutigkeiten, besonders die eindeutigen.

»Peter!« rief Mamma ihn zur Ordnung.

»Mein Erwin sagt manchmal auch so Sache, wo sich unsereins erscht garnix Böses dabei denkt. Aber direkt leidenschaftlich is er direkt net. Mein Erwin is so en ganz Ruhiger. Wenn mir e Viertelstund spazierngehn, da schläft dem schon der Arm ein.« Mamma zeigte den mitgebrachten halben Kuchen herum, der schon etwas antiquiert wirkte, und stellte ihn auf einen Kuchenteller — bitte zuzugreifen! Die Spenderin dankte, Mamma hatte heute schon so viel ..., Babba konnte beim Rauchen nicht, Heidi musste an ihre Linie denken (und daran, wie fabelhaft schlank dieser Fred Lindner war), und so war Peter der einzige ohne ästhetische und sonstige Bedenken und futterte den Kuchen allein.

»Soso, also Erwin heißt er«, sagte Babba, um das Gespräch im Gang zu halten.

»Ei ja, un der is halt net für große Hochzeitsfeiern, gell, wo sich fremde Leut auf eim seine Kosten de Ranze vollschlage, sagt er. Dafür soll mer lieber Möbel anschaffe, sagt er. Er is ewe sehr wirtschaftlich, de Erwin, gell.« »So. Aha.« »Also gefeiert hammir schon, gell, bloß im kleine Kreis, gell. Mein Erwin war ganz scheen blau. Der hat sogar mei Mamma geküßt.« »Soo blau?« staunte Peter.

»Ja, da is er direkt emal aus sich herausgegange. Aber er is lieber blau im kleine Kreis, sagt er, un nicht, wenn so viel Verwandtschaft dabei is. Dann sin die womöglich auch blau, und das is ihm wieder zu blau. Weil er verträgt des nicht, wenn annere blau sin, das verträgt er nicht. Wenn er selber blau is, des verträgt er schon, des ja, aber bei annere nicht, er ist ebe sehr eigen. Und sehr wirtschaftlich, gell. Und deswege wollt er auch lieber im kleine Kreis feiern, weil's ewe wirtschaftlicher is. Und meine Mamma wollt's ihm auch net direkt abschlage, denn es macht ja auch net soviel Arbeit, un vom wirtschaftliche Standpunkt ...«

Erna fuhr in diesem Sinne fort. Alles im selben Tempo, auf derselben Tonhöhe, ohne Punkt und ohne Komma, wie ein verschlammter Dorfbach mit einem halben Prozent Gefälle.

Peter erwog, sie mit dem großen Blumenkrug zu erschlagen, und schwang ihn drohend hinter ihrem Rücken. Heidi verstand aus der Schule die Kunst, den Lehrer mit starren Augen anzusehen und höchste Aufmerksamkeit zu simulieren, während sie ungestört an etwas ganz anderes dachte. Und jetzt, in Ernas Angesicht, dachte sie an Fred Lindner: ob er Sport trieb und einen Wagen hatte, ob diese inoffizielle Verlobung mit Fräulein Schneider noch lebe, ob er immer so nett sei, wie er vorhin zu ihr war, ob ihm ihr Kleid gefallen habe, ob er gestaunt habe, dass ihr Busen schon so groß ist, ob er versuchen werde, sie zu küssen, ob sie dann weglaufen oder zurückküssen werde, und dergleichen Wichtigkeiten mehr.

»Mein Erwin wollt ewe auch deswege im kleine Kreis feiern, weil ewe dann der Kreis auch kleiner is, gell, un da hat mer mehr davon, un weil es natürlich auch wirtschaftlich is ...« Erna brauchte nicht aufgezogen zu werden. Sie lief und lief und lief, bis man sie abstellte.


[...]


Im Schatten dieser Geräuschkulisse konnte Mamma ihrem Mann unauffällig den eingetretenen Notstand melden: Man hatte kein Geschenk für Erna. Als höflicher Mensch, der wusste, was sich gehört, würde Erna auch niemals ein Geschenk erwarten und es zunächst sogar mit allen Zeichen des Erstaunens als viel zu wertvoll ablehnen.

Andererseits würde sie aber auch diese Wohnung nicht verlassen, bevor sie nicht ihr Geschenk hatte. Würde man ihr aber klar sagen, dass man keins hatte, dann war Ernas Sippe beleidigt und die restliche Verwandtschaft auch, weil sie zähneknirschend Geschenke gekauft hatten, während die reichen Hesselbachs (ha!) mit ihrem Millionenunternehmen (haha!) sich drückten.

Nun hatte Babba, wie das bei Männern schon vorkommt, wenig Interesse an seiner eigenen Verwandtschaft und noch weniger an derjenigen seiner Frau. Verwandte haben ständig Geburtstage, es gibt Verlobungen und Hochzeiten, Konfirmationen und Kommunionen, zu denen man kommen oder mindestens schreiben muss. Und das auch noch mit der Hand, so dass man nie einen Durchschlag in den Akten hat, den man beim nächsten Fall als Muster verwenden kann. Entlobungen und Scheidungen werden zwar nicht gefeiert (obwohl dafür oft viel einleuchtendere Gründe vorlägen), jedoch führen sie meistens zu neuen Verlobungen und Hochzeiten, die man längst nicht mehr befürchtet hatte.

Auch die Beerdigungen wiegen nichts mehr auf, denn die Weltbevölkerung ist dabei, sich in den nächsten drei Jahrzehnten auf 6 Milliarden zu verdoppeln, und darunter sind dann auch garantiert doppelt so viel Verwandte! Ernas dicklicher Redefluss wälzte sich noch immer träge dahin, ohne Hoffnung auf ein Anhalten, geschweige denn sein vollständiges Versiegen. Denn wenn Erna nichts mehr einfiel, was sie noch nicht gesagt hatte, so wiederholte sie ohne Scheu und Unterbrechung alles von vorne.

Babba verstand, dass sie ohne Hochzeitsgeschenk von diesem Stuhl nicht weichen würde. Könnte man es ihr aber geben, hier und jetzt, so wäre sie in zwei Minuten draußen.

Babba hatte eine verwegene Idee. Mit plötzlicher Wut zischte er Mamma plötzlich ins Ohr: »Wie kannst du nur dieses Geschenk vergessen?! Wie stehen wir jetzt da vor der Familie!? Unerhört, was du mir da wieder eingebrockt hast! Jetzt bleibt mir wahrhaftig nichts anderes übrig ...« Und er stand mit einer gewissen Förmlichkeit auf und hielt eine Glückwunschrede an Erna, die aus reinem Zucker und Öl bestand. Große Freude für uns alle — mögest du auf dem gemeinsamen Lebenswege — Freuden der Ehe — der Mensch nicht allein sei — möge es auch an Nachwuchs nicht mangeln — möge dies und möge das ...

»Nun sind wir aber nicht ganz so unvorbereitet, wie du vielleicht annimmst, liebe Erna, und wir haben uns ein Geschenk für euch ausgedacht...« Mamma sah ihn ahnungslos an, die Kinder spitzten die Ohren, und Erna zeigte einen Ausdruck abgrundtiefer Skepsis, nachdem ihr Erwin die Geschenkresultate von sechs vorangegangenen Verwandtenbesuchen bereits herb kritisiert hatte.

»Es ist kein Geschenk für den Augenblick«, fuhr Babba fort, »es ist ein Geschenk, das euch begleiten möge durchs ganze Leben.«

Doch kein Elektroquirl, hoffte Erna: sie hatte bereits drei bekommen. »Ein nicht ganz kleines Geschenk!« Um Himmels willen, er wird ihr doch nicht unser Klavier schenken, durchfuhr es Mamma. Denn er hatte neulich dieses Klavier als das sinnloseste aller ihrer Möbelstücke bezeichnet und zugleich auch als das lästigste, weil niemand in der Familie Klavier spielen konnte, aber jeder unerträglich darauf herumklimperte.

»Möge dieses Geschenk inmitten all der schönen und mehr praktischen Geschenke, die du sicher auch bekommen hast...«

Mamma und die Zwillinge durchforschten ihr Gedächtnis nach unpraktischen goldgeprägten Alben, kamen dann auf den gesammelten alten Goethe, der nicht weniger als dreimal vorhanden und garantiert unbenutzt war. »... möge es ein Symbol der Kraft und des Lebenswillens für dich und die deinen sein und euch auf eurem ferneren Lebensweg begleiten!«

Schnaps, dachte Mamma und entspannte sich. Sie hatten im Keller eine ganze Kiste sehr repräsentativer Flaschen, die der Firma gehörten und als übliches Geschenk für fünfzigjährige Angestellte, für langgediente Betriebsjubilare, Ehrengäste, Auftragsbringer und prominente Besucher verwendet wurden.

Der röhrende Hirsch

Das medaillengeschmückte Etikett versprach dem regelmäßigen Genießer Kraft und Energie. — Eine sehr gute Idee. Dass sie nicht selber darauf gekommen war! » — So überreiche ich dir denn diese wundervoll lebensechte Bronzeplastik von keinem Geringeren als Oskar Deubel!« schloss Babba und zog Erna von den grinsenden Kindern und der tiefbeleidigten Mamma zum Blumenfenster, wo Lindner den Hirsch vorhin zwischen Philodendron- und Gummibaumblättern hingestellt hatte.

Mamma sah mit dem Vorwurf einer Verratenen wortlos zu ihrem Mann, aber der blickte sie vorsichtshalber nicht an.

Mamma hatte die Hirsch-Partie verloren. Wenn sie jetzt protestierte, gab es einen Familienskandal, und wenn sie den von Münzenberger geschätzten Kurswert des Hirsches von 7 Mark 5o preisgab, dann konnte der Skandal nur noch ärger werden.

Die Zwillinge grinsten zu Mamma hinüber, aber sie blickte so traurig drein, dass Heidi sie spontan küsste und Peter ihr durch beruhigendes Streicheln die Frisur zerdrückte.

Babba hatte den Hirsch inzwischen auf den Arm genommen wie eine Katze und ließ Erna nicht zu Worte kommen.

»Du musst wissen, dass uns dieses bedeutende Werk seinerzeit von einem berühmten Sammler moderner Bronzekunst anvertraut wurde, genauer gesagt der Mamma, also deiner Tante Mariechen, die sich daher auch gar nicht leichten Herzens davon trennt. Aber dennoch soll dieses Werk von dem zu seiner Zeit berühmten Oskar Deubel ...« »Wald«, sagte Peter.

»Was für'n Wald?« »Wald! Oswald Deubel, Babba!« »Naja, ob Kar oder Wald, jedenfalls ein allgemein bekannter Künstler, der in seiner Bronzeplastik das Röhren dieses Hirsches so recht lebensnah und gekonnt, aber doch symbolisch überhöht und in genialer Linienführung gewissermaßen vergeistigt und so weiter und so weiter — mit einem Wort; da hast du ihn!« Und er legte ihn Erna in den Arm wie einen Säugling.

Die Kinder schrien »Bravo!« Mamma sah Babba an und sagte tonlos: »Kall.«

Erna fand die Sprache wieder: »Aber das kann ich doch garnet annehme, Onkel Kall. Dass ihr euch von so einem Wertstück trennt. Das is doch viel zu teuer. Hätt' doch gelangt, wenn ihr mir irgendwas für meine Wirtschaft gegeben hättet — Toaströster hab' ich zum Beispiel noch keinen — weil nämlich mein Erwin, der denkt ja auch mehr wirtschaftlich, gell.«

Aber Babba ließ sich den Sieg nicht mehr nehmen: »Deine Bescheidenheit in allen Ehren, liebe Erna, aber geschenkt ist geschenkt. Geschenke nimmt man nicht zurück.«

»Am wenigsten diesen Hirsch«, pflichtete Peter treuherzig bei, und Heidi gab ihm einen gezielten Tritt gegen den Knöchel.

»Also keine falsche Bescheidenheit, Erna. Bist du mit dem Auto da?« »Ei ja, mit unserm Lieferwage, mer weiß ja nie, was die Leut' eim als für sperriges Zeug schenke, gell.«

»Sehr praktisch! Peter, du trägst den Hirsch zum Lieferwagen, und du, Heidi, gibst deiner Kusine das Geleit bis auf die Straße. Hopphopp, Bewegung! Schad', dass du nicht noch ein bisschen bleiben kannst, Erna, aber wir wissen ja, dass du weiter musst mit deinem Lieferwagen, und wir müssen ja auch weiter !«

So schwätzte er Erna, Kinder und Hirsch hinaus, holte dann tief Atem und stellte sich Mamma zu dem nach allen Verhaltensgesetzen Hesselbachschen Lebens jetzt fälligen großen Krach.


[...]

Es klingelte an der Wohnungstür. Und Mammas Programm lief an. Erna war gebeten worden, noch einmal vorbeizukommen.

Zum Kaffee.

»Siehst du, Ernachen, das hab' ich doch gleich gefühlt, dass dir unser Hochzeitsgeschenk nicht so richtig gefallen hat«, brachte Mamma bei der ersten Gelegenheit an, und Erna widersprach ihr nicht. »Der Babba hat mich da richtig überfahren.

Ich hab' nur deswegen nichts gesagt, damit du nicht etwa denkst, ich gönn' dir den Hirsch nicht. Aber einen Erinnerungswert hat er für dich natürlich nicht. Aber für mich hat er schon einen ...« »Ist das eigentlich wahr, dass du damals mit dem Kommerzienrat Hoxhohl was gehabt hast?« fragte Erna dazwischen, und Mamma wurde dunkelrot bis violett.

»Ei Erna!! Ei, wie kommst du denn dadrauf?« Sie zitterte so, dass sie beinahe das Stück Obstkuchen fallen ließ, das sie auf Ernas Teller legen wollte.

»Ei, weil meine Mamma hat mir erzählt, du wärst bei ihm im Büro gewesen, im wenn der nix mit dir gehabt hätt', dann wär des direkt en Wunder, weil der's doch bei jeder probiert hätt.« »Wenn deine Mamma das weiß, dann wird's wohl stimmen.

Deine Mamma war ja dort beschäftigt! Wenn sie solche Erfahrungen gemacht hat — ich jedenfalls nicht! Ich war ja nicht fest beschäftigt, nur Volontärin, um so mal den Betrieb kennenzulernen, weil meine Eltern doch mit Hoxhohls befreundet waren, während meine Kusine Hedwig — also deine Mamma — eine richtige Angestellte war.« »Noja, is ja auch wurschtegal.« Erna war entschlossen, diesen Obstkuchen nicht überleben zu lassen, und kaute aus vollen Backen am fünften Stück.

»Aber weil wir grad von dem Hirsch reden, Erna — ich meine, den vom Onkel Hoxhohl ... Ich durfte ja immer Onkel zu ihm sagen, und der Hirsch war ja auch sein Hochzeitsgeschenk ...«

»Ja, da hat sich meine Mamma auch drüber gewundert, dass mer so was verschenkt, weil's ja auch noch hinte draufsteht, auf dem Täfelche — von wem's is un deß es ewe e Hochzeitsgeschenk is, un auch noch von so eme Kerl, der's bei jeder probiert hat!«

»Also bei mir jedenfalls nicht, Erna, aber ich muss dir insofern recht geben, als die Idee, dir diesen Hirsch zu schenke, nicht von mir ist, sondern der Onkel Karl hat da ganz spontan, ohne mich zu fragen, dir was Gutes tun wollen. Und hat gar nicht so bedacht, dass das eigentlich kein geeignetes Geschenk ist, weil es doch mehr eine persönliche Erinnerung von mir ist. Aber das hat er halt nicht so bedacht, weil er ja auch die Zusammenhänge nicht so kennt.«

»Ja, des hat meine Mamma auch gesagt. Der Onkel Kall, der dät bestimmt die Zusammenhäng nicht kenne, sonst hätt' der dich bestimmt net geheirat.«

»Erna!« Mamma war hart im Nehmen, aber eine derartige Unverschämtheit! Doch dann dachte sie an die 5 000 Mark für zwei Hirsche und riss sich zusammen. »Jedenfalls hab' ich mir gedacht, es wär vielleicht in deinem Sinn und auch von deinem Erwin, wenn wir euch lieber was anderes zur Hochzeit schenken würden als ausgerechnet einen Hirsch. Und jetzt hätt' ich hier also dieses reizende Kaffeekännchen: das ist doch viel praktischer für einen jungen Haushalt. Ist das nicht goldig?«

»Noja. Halt so e Kännche ...«

»Und diesen alten Hirsch, den darfst du mir ruhig wiederbringen, das nehm' ich dir überhaupt nicht übel, Erna. Das war doch nur so eine typische Männerdummheit vom Onkel Karl, gell?«

»Ja, also, das Kaffeekännche, des nemm' ich schon, gell. Dankeschön auch, Tante Marieche. Viel Wert hat das ja nicht, gell. Ich hab' auch schon vier Kaffeekännchen zur Hochzeit gekriegt, no, und da kommt auch noch allerhand nach.«

»Ach, Kaffeekannen kann man gar nicht genug haben, Ernachen !«

»Die andern sind zum Teil auch besser als das da. Und übrigens, mein Erwin trinkt sowieso kein' Kaffee, der is so ...«

»Wirtschaftlich, ich weiß!«

»Nein, der ist so gegen aufpeitschende Getränke, sagt er. Aber ich tät das Kaffeekännche schon behalten, gell. So was kann mer ja immer brauche, zum Verschenke. Dankeschön auch, Tante Marieche. Aber den Hirsch will ich natürlich auch behalte.«

Das fehlte gerade noch, dachte Mamma. Jetzt bloß keine Panik und sie nicht verärgern! »Du verstehst mich nicht ganz, Ernachen. Diese Kaffeekanne geb' ich dir ja als Ersatz für den Hirsch. Den Hirsch hätt' ich halt ganz gern wieder. Weil's eben doch eine persönliche ideelle Erinnerung ist, die ja für Euch verständlicherweise keinen rechten Wert hat.«

»Ja, des hab' ich mir auch glei gedacht, dass der Hirsch kein' Wert hat. Un wie ich heimgekomme bin, da hab' ich auch gleich zu meim Erwin gesagt: Die Hesselbachs, die hawwe mir da vielleicht en ganz schöne Dreck angehängt. Und mein Erwin sagt auch: Jaja, die lieben Verwandten... Mußt schon entschuldige, Tante Marieche, aber des is die Wahrheit, und da kann mer sie ja auch sage. Aber dann hat mei Mamma gesagt: Dieser Hirsch is gut seine fünfhundert Mark wert.«

»Deine Mutter? Woher will die das denn wissen?«

»Ei, weil mei Mamma doch uff deiner Hochzeit war, und du hast ihr damals selber gesagt, der Hirsch wär' vom Hoxhohl un vierhundert Mark wert.«

»Nein, dreihundert!« warf Mamma hitzig ein.

»Siehste, un meine Mamma wollt's net glauwe, wie ich ihr gesagt hab: No, da wird die Tante Marieche die Hälft' dazu geloge hawwe. Jedenfalls mein Erwin, der hat dann gesagt, das is natürlich was anneres, da kann mer dann nix gege den Hirsch sage.«

»Ich möchte aber, um's noch mal ganz klar zu sagen, den Hirsch gern zurückhaben!«

Erna kaute und dachte nach. So etwas war ihr noch nicht passiert. »Ja, also des glaub' ich net, dass mein Erwin des mache dut. En Hirsch für vierhundert Mark gege so e Kaffeekännche, des wahrscheinlich im Ausverkauf für vier Mark fuffzig ...«

»Diese Kaffeekanne ist echtes Markenporzellan, meine liebe Erna, und sie ist ja auch, sozusagen und gewissermaßen, nur als Muster gedacht, nicht wahr. Um zu wissen, ob's dir gefällt. Und dann wollte ich dir selbstverständlich ein Essservice schenken — oder auch das Kaffeeservice, je nachdem, was du gern hättest.«

»Ach, was kann mer dann mit so e paar Sache anfange, wenn des Service net komplett is?!«

»Ich will ja grad damit sagen, dass es möglichst komplett sein soll«, sagte Mamma und rechnete fieberhaft aus, was das kosten würde. »Jedenfalls möchte ich eben aus gewissen persönlichen Gründen meinen Hirsch wiederhaben !« (Ja, es rentierte sich immer noch haushoch, fand sie kopfrechnend heraus).

Erna liquidierte das letzte Stückchen Obstkuchen. »No, des hab' ich aber auch noch net gehört, dass eins kommt un will seine Geschenke wieder! No, da weiß ich net, ob mein Erwin da seine Zustimmung erteile tut. Was soll das überhaupt für ein Service sein, für sechs oder zwölf Persone?. Weil ja ein Sechs-Persone-Service is ja natürlich net so viel wert wie ein Hirsch, wo schon vor vierzig Jahrn vierhunnert Mark gekost hat, haste ja selber gesagt — weil des ja ein Kunsthirsch is. Un Kunst steigt ja alsfort im Preis, sagt mein Erwin. Also bei einem Zwölfpersone-Service, da dät der vielleicht schon mit sich rede lasse — er ist ja garnet so — nur halt wirtschaftlich.«

[...]


aus: Die Hesselbachs. Babba. S. Mohn, Gütersloh, 1967




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2013-03-05

Ich war der »Kulissenschieber«

Anläßlich des 100. Geburtstages von Wolf Schmidt kommen in mir längst vergessene Erinnerungen hoch: Ich habe als Junge im Alter von etwa 13 oder 14 Jahren Wolf Schmidt und sein Filmteam in meiner Heimatstradt Friedberg kennen gelernt. Damals drehte er in seinem Elternhaus, dass sich in der Straße "Am Taubenrain" befindet, seine Filme über die "Familie Hesselbach".


Dreharbeiten in Friedberg


Ich kenne heute nicht mehr die näheren Umstände, wie Wolf Schmidt meinen Vater Oskar Heimburger, selbstständiger Zimmermeister mit einem kleinen Sägewerk und einem Zimmergeschäft in Friedberg, kennen lernte. Mein Vater und Wolf Schmidt wurden sich auf jeden Fall handelseinig, dass mein Vater die Filmkulissen für die im Taubenrain zu drehenden Produktionen herstellen sollte.

Die Kulissen, die damals entstanden, würden heute jeden Produzenten zu Tränen rühren: Wände, Türen, Fenster oder Treppen wurden als "kunstvolle" Imitationen unter anderem aus Polyäthylenfolien und Holzlattenrahmen hergestellt. Für meinen Vater eine ernst zu nehmende Herausforderung, da er mit solchen Arbeiten bis dahin noch nie zu tun hatte. Die Beteiligten müssen aber ganz zufrieden damit gewesen sein.

Ich weiß heute nicht mehr wie lange damals gedreht wurde, aber gut kann ich mich noch an das Procedere erinnern, wenn auf einem kleinen Anhänger, der gezogen wurde von einem 24-PS starken, schwarzen VW-Käfer in unserer Werkstatt in der Frankfurter Straße die Kulissen verladen wurden, um in den Taubenrain transportiert zu werden.

Mein Vater hat mich immer mitgenommen, quasi als "Kulissenschieber". Ich habe meine Arbeit selbstverständlich sehr ernst genommen.

Für mich war das natürlich alles furchtbar aufregend: An den Kameras befanden sich seitlich die großen runden Filmbehälter. Als Beleuchtung dienten Lampen, die ich heute mit Baustrahlern vergleichen würde.

Am Taubenrain war während der Dreharbeiten ein ständiges Kommen und Gehen, Geräuschkulissen aus Stimmen- und Gerätegeklapper, mal lauter, mal leiser und mitten drin Wolf Schmidt, der immer sehr nett zu mir war.

Unvergesslich auch die Produzentin Lia Wöhr aus Frankfurt, die jeden duzte; so auch meinen Vater, der sich hin und wieder über den Fortgang des Filmens, wahrscheinlich sehr unqualifiziert, äußerte, bei einer solchen Gelegenheit in echtem Frankfurter Dialekt zurief: "Oskar, redd net so'n Mist".

Irgendwann waren die Dreharbeiten in Friedberg beendet, und ich wartete gespannt darauf, in einem der (damals) drei Kinos die "Familie Hesselbach" zu sehen.

Dann war es soweit. Ich sammelte meine Freunde und Klassenkameraden, um zu verkünden, dass wir heute ins "Pali" gehen müssten; da gäbe es doch einen Film von einem berühmten Friedberger. Ich konnte den Vorspann kaum abwarten, bis dann schließlich unter "Bauten" stand: Oskar Heimburger.

Stolz verkündete ich in die Runde: "Mein Vadder"! - Ich weiß nicht mehr, wie das bei den Freunden ankam. Ich weiß aber noch, wie stolz ich als Junge war, unseren Familiennamen auf der Leinwand eines Kinos zu sehen.

Mein Vater, der "Kulissenbauer", ist schon lange tot.

Für mich war das damals ein großes Erlebnis, und diese Erinnerungen lösen auch heute noch große Freude bei mir aus.

Gunter Heimburger

2013-03-01

Der Entertainer

Am 8. Mai 1945 wurden nicht nur die Deutschen vom Nationalsozialimus befreit, sondern auch ihr Humor. Ein guter politischer Witz, der kurz zuvor noch die Hinrichtung zur Folge haben konnte, war nun geeignet, das Überleben zu sichern. Denn politische Satire war eine von den (westlichen) Besatzungsmächten geförderte Unterhaltungsdisziplin, die die Entnazifizierung durchaus geschickt und effektiv flankierte und deren Betreiber bevorzugt entsprechende Gewerbelizenzen erhielten. Lizenz Nummer 5023 ging an – Wolf Schmidt.

Die Zeitgenossen (Kabarett)

Der Kabarettist

Wolfs gute Englischkenntnisse waren in der Stunde Null Gold wert. Das Friedberger Elternhaus sollte wie viele andere unzerstörte Gebäude für die Besatzer requiriert werden, doch Wolf konnte den amerikanischen Colonel davon überzeugen, wegen der fehlenden Zentralheizung, das Haus wieder von der Liste zu streichen.

Der geknüpfte Kontakt führte darüber hinaus zu einer Anstellung in der amerikanischen Kantine und kurze Zeit darauf zu der Lizenz für eine „Theater- und Konzertagentur“. So wurde aus dem losen Zusammenschluss versprengter Künstlerfreunde ein Ensemble mit dem Motto „Tausend Takte Heiterkeit“, in dem auch Wolfs 18jährige Schwester Eva als Geigerin auftrat. Etwas später im Jahre 1946 entstand das politische Kabarett „Die Zeitgenossen“, die sich Themen wie den Amtsschimmel, die Lebensmittelknappheit und den Schwarzmarkt, die Wohnungsnot und das gerade überstandene Nazideutschland vornahmen. Die Währung, in der bezahlt wurde, war bei den Amerikanern Chesterfield und freies Essen, und beim deutschen Publikum nahezu wertlose Reichsmark, aber viel Applaus.

Auf der Suche nach einer geeigneten Partnerin für seine Sketche stieß Wolf auf die sudetendeusche Schauspielerin Gretl Pilz, die, aus dem Osten evakuiert, in Holzhausen mit ihrer Familie zwangseinquartiert worden war.

Die Zeitgenossen (Kabarett) Gretl Pilz, Wolf Schmidt





Die Zeitgenossen (Kabarett)- Das Vierte Reich
Mit dem achtköpfigen Ensemble tingelten die Zeitgenossen unter schwersten Nachkriegsbedingungen durch die zerstörten deutschen Großstädte und die Provinz. Von der Mausefalle in Stuttgart, über den Tatzelwurm in Berlin und die Wespe in Dortmund, zogen sie in den Jahren 1946, 47 und 48 landauf landab. Von Plettenberg und Unna, nach Gießen und mehreren Orten im Allgäu ins völlig zerstörte Hamburg, wo im Bunker des Heiligengeistfeldes gespielt und auf der St. Louis im Hamburger Hafen gewohnt wurde.

Die Zeit der Flitterwochen und des kleinen Schlagabtauschs frisch Verliebter bildete die Grundlage der Sketche „Sie & Er“, während das Eheleben danach unter dem Titel „Immer diese Ella“ humoristisch verarbeitet wurde.

Mit diesen erfolgreichen Sketchen eroberten Wolf & Gretl dann auch eine breite Zuhörerschaft über die Sender Stuttgart und Frankfurt und beendeten kurz nach der Währungsreform 1948 die Kabarettzeit.

Für Theater und Kabarett hatte niemand mehr Geld übrig, waren doch die Läden plötzlich wieder mit Waren gefüllt, die mit der neuen D-Mark zu haben war. Und Radios konnte sich bald jeder leisten.



Der Conférencier

Wolf Schmidt als Conférencier
Wolf Schmidt war durch „Die Zeitgenossen“ und seine Mitwirkung an zahlreichen bunten Abenden mit einer weiteren Kunstart der Unterhaltung in Berührung gekommen – der Conférence. Die geschicktesten Conférenciers, die das Publikum am unterhaltsamsten durch das Programm führen konnten, holte sich das Radio, und von dort übernahm sie später das Fernsehen. Hier sind vor allem Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff zu nennen, die sich in einer sehr ähnlichen Situation befanden, und mit denen Wolf Schmidt eine kollegiale Freundschaft verband.

H.-J. Kulenkampff, Peter Frankenfeld und Wolf Schmidt in Heiß oder kalt


Er musste jedoch schnell einsehen, dass seine Stärke nicht die Moderation, sondern die Textgestaltung war, zum Conférencier fehlten ihm die phänomenale Bühnenpräsenz eines Frankenfeld und der schlagfertige Wortwitz eines Kulenkampff. Das reine Ghostwriting von Conférencen war natürlich weniger lukrativ.

Mit den Hörfunkreihen, deren Höhepunkt die Hesselbachs und deren Adaption für Film und Fernsehen bildeten, hatte er den größten Erfolg. Alle Versuche, in einer anderen Form der (Fernseh-)Unterhaltung Fuß zu fassen, scheiterten. Das signifikanteste Beispiel hierfür war der 1962 zusammen mit Kulenkampff unternommene Versuch einer Unterhaltungsreihe namens „Die Sonntagsrichter“. Dieses „gutbürgerliche Fernsehgericht“ wurde bereits nach vier Folgen wieder abgesetzt.

Eine andere Showidee war einfach nur ihrer Zeit voraus: Das 1966/67 entworfene Konzept einer Voting-Show („Für wen stimmen Sie?“). Die Abstimmung sollte durch Betätigung des Lichtschalters in den Fernsehzimmern der Deutschen erfolgen – das Abstimmungsergebnis durch Messen des dadurch geänderten Stromverbrauchs. Die Idee mit diesem sogenannten „Lichttest“ darf man ruhig belächeln, aber der eigentliche Mangel lag woanders: Die fehlende kommerzielle Ausbeutbarkeit des Voting-Vorgangs. An jeder Stimme per Bezahlanruf oder kostenpflichtiger SMS zu verdienen – für die Produzenten der Voting-Unterhaltung heute ein beträchtlicher Profitfaktor – das war damals noch nicht möglich.

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2013-02-27

Die Musik der Hesselbachs

Übersicht


Einleitung: Die Hesselbachs im Polkatakt

Jeder Hesselbach-Fan kennt sie, die slapstickhafte (Fast-)Stummfilmsequenz im „Schwarzen Freitag“, in der die Belegschaft der Firma Hesselbach verzweifelt nach einem Ersatz-Rock für Babbas große Rede sucht. Oder die, in der Babba dauerlaufend zwischen den unversöhnlichen Damen Hesselbach, Siebenhals und Frau Dr. Tritschel im Kasus „Dreckrändchen“ vermittelt. Diese Szenen verdanken einen Großteil ihrer Komik der Inspiration von Willy Czernik, der die bekannten Hesselbach-Themen für jede Fernsehfolge variiert und – nach der Stoppuhr - meisterlich für Orchester arrangiert hat. Das Gleiche gilt, wenn auch in einem ganz anderen, sehr eigenständigen 50er-Jahre-Sound, für die Kompositionen Wolfram Röhrigs, die in den Hesselbach-Kinofilmen so manches bildtechnische Defizit wirkungsvoll ausgleichen halfen.


Die Musik in den Hörspielen

von Kai S. Knörr


Bei den Hörspiel-Hesselbachs kam der Musik zunächst eine andere Funktion zu. Ganz wichtig war sie natürlich für die Atmosphäre in Traumsequenzen, etwa, wenn Babba in stampfenden Fortschrittsfanfaren kraft beharrlicher Arbeit vom „Prokuristen einer angesehenen Firma“ zum Weltpräsident emporsteigt, und dann im nächsten Moment wegen Mammas penetrantem Beharren auf Senkung der Frankfurter Eierpreise wieder auf den harten Boden der Hesselbachschen Eherealität aufschlägt (Folge 19: Neujahresträume).

Außerhalb dieser Szenen, in der Intimität der eigenen vier Wände, wie auch der irgendwie immer ungemütlich wirkenden Straßenszenen, spielte Musik bei den Hörspiel-Hesselbachs eigentlich keine große Rolle. Die Musik findet sich stattdessen in der tonalen Qualität der Texte, im unverwechselbaren Sprachgroove, der von den vier „Hesselbachs“ Wolf Schmidt, Lia Wöhr, Sofie Engelke und Joost Siedhoff und häufigen Gästen wie Else Knott, Carl Luley und Fritz Saalfeld in perfekt eingespielter und intuitiv funktionierender Teamarbeit hevorgezaubert wurde.





Anfangs wurden die Radiofolgen offenbar trocken angesagt bzw. waren in Unterhaltungssendungen wie den „Bunten Samstagnachmittag“ eingebettet, bis ab Folge 23, „Der Einbrecher“, Josef Rixners „Feierabendpolka“ als Erkennungsmusik vorgespannt wurde.

Seitdem wurden die Hörer mit den klingenden Worten „…von und mit Wolf Schmidt“ auf die „hessische Alltagschronik“ eingestimmt. Während der ganzen Hörfunkära, auch im Kinofilm „Herr Hesselbach und die Firma“ und später im Fernsehen begrüßten die Hesselbachs ihr Publikum im Polkatakt.

Nach dem vorläufigen Ende der Fernseh-Hesselbachs 1963 kehrte Herr Hesselbach mit seinen späteren Stadtrat-Kollegen in fröhlicher Diskussionsrunde ins Radio zurück. Die Titelmusik des „Stammtisch Hesselbach“ sollte, auch weil die Sendungen nicht nur vom Hessischen Rundfunk sondern z.B. auch vom Sender Freies Berlin ausgestrahlt wurden, an die Radio- und Fernsehtitelmusik anknüpfen. Zu Beginn erklang ein subtiles wie kurioses Gemisch aus beiden bekannten Erkennungsmusiken.


Notenmaterial

Die Musik in den Filmproduktionen

von Kai S. Knörr



Als besonderer Glücksfall für Schmidt erwies sich die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Wolfram Röhrig (1916-1998), der in sehr individueller Weise Musiken für alle fünf Spielfilme Schmidts schrieb.

Originelle und tragfähige Kompositionen wurden für die Filme schon deshalb so wichtig, weil sich damit in erstaunlichem Maß technische und damit optische Schwächen kompensieren ließen, die Schmidt aufgrund der sparsamen Produktionsweise in Kauf nahm. Insbesondere die durch die Playback-Technik entstehenden Probleme konnten vielfach durch geschickten Musikeinsatz gemildert werden.

Natürlich hat sich die technische Qualität infolge der Erfahrungen, die er und sein Team sammelten, im Laufe der Zeit verbessert. Aber wenn man sich die erhaltene Filmfragmente bzw. den komplett erhaltenen Film Familie Hesselbach im Urlaub (1955) ansieht, wird die Bedeutung Wolfram Röhrigs für den Erfolg des ganzen Projekts deutlich.




Beim Hessischen Rundfunk hatte Röhrig von 1953 bis 1955 als Produktionsleiter Musik der Unterhaltungsabteilung gearbeitet, wo er und Schmidt sich vermutlich kennen lernten. Danach wechselte er als Leiter der Abteilung Unterhaltungsmusik zum Süddeutschen Rundfunk. Sein größtes Interesse galt dem Jazz. Dreißig Jahre lang hatte er den Vorsitz des größten Verbandes der deutschen Jazzszene, und bis kurz vor seinem Tod organisierte er Veranstaltungen mit internatonalen Künstlern und Nachwuchsmusikern.

Auch die Hesselbach-Filmmusiken sind durchdrungen von Jazz-Elementen. Man muss insgesamt die Intensität und Eigenständigkeit bewundern, mit der Röhrig arbeitete. Leider ist nichts über die Vertragskonstellation zwischen Schmidt, Röhrig und dem Union Filmverleih bekannt. Vielleicht wäre dann mit Sicherheit zu klären, warum Röhrig bei den Filmmusiken unter dem Pseudonym Wolf Droysen arbeitete.







Die Musik in den Fernsehsendungen

von Dr. Harald Schäfer



Die Musik spielte in der Hesselbach-Serie eine wichtige Rolle.

Willy Czernik (1901-1996), Sachse, Komponist (»Willst du mit mir in die Sonne geh'n?«) und ehemaliger Theaterkapellmeister, hatte für Vor- und Nachspann ein aus der musikalischen Umkehrung der seinerzeitigen Hörfunkmelodie signifikantes Leitmotiv entwickelt, das man als Erkennungsmelodie bald allenthalben kannte und nachpfiff. Diese Melodie wurde öfters auch als musikalische Brücke bei Szenenübergängen angewendet. Czernik war ein Quell immerwährender Freude. Lange Zeit hatten wir uns über seine unerklärlichen Musik-Stoppzeiten gewundert, die sich hinterher immer als falsch erwiesen. Dann fanden wir den Grund: Willy Czernik hatte die Minute stets mit 100 statt mit 60 Sekunden zusammengezählt.

Normalerweise setzte nach dem Zusammenschnitt der einzelnen Folgen eine musikalische Nachbearbeitung ein. Außer dem bereits erwähnten Vor- und Nachspann wurden besonders die Brücken -das sind zeitliche oder räumliche Szenenwechsel -und Montage-Musiken im Zeitrafferstil mit Sorgfalt behandelt und dem Zuschauer musikalisch-leitmotivische Hilfe angeboten. Ein Musikteppich zur Untermalung von Dialogen oder Handlungsabläufen, zur atmosphärischen Unterstützung von Stimmungen wurde so gut wie nie verwendet; Musik hatte innerhalb der Szenen eine funktionelle Bedeutung und wurde keinesfalls vordergründiger Selbstzweck.

Ausnahmen waren die von Wolf Schmidt präferierten pantomimischen Einlagen, die mit ausgeklügelt synchronen Musikeffekten in meist fugaler Form kontrapunktisch oder kommentierend Unterstützung fanden.




Die vom Komponisten ständig wieder angebotene orchestrale Besetzung mußte von Produktion und Regie jeweils auf ein erträgliches Maß kammermusikalischen Arrangements herunterdebattiert werden, was freilich manchmal nicht gelang. Dadurch kamen für die Familienserie zu monumentale Töne und Überfrachtungen vor; die illustrativ-untermalende konnte gegenüber der dramatisch-unterstützenden Funktion überhand nehmen.

Im Verlauf der 51 Folgen wurde die musikalische Umrahmung und deren identifizierende, unterstützende oder steigernde Wirkungsweise immer weiter beschnitten und ihr Einsatz eingeengt, die Übergänge rein optisch gestaltet, und schließlich blieb lediglich die eingeführte Titelmusik übrig.

Auszug aus Harald Schäfer: "Die Hesselbachs. Erinnerungen an eine erfolgreiche Familien-Serie aus den Anfangszeiten des Fernsehens", R. G. Fischer, 1996.
Mit freundlicher Genehmigung: Erben Harald Schäfer.




2013-02-25

Die Hesselbachs in Schlitz

Hesselbach in Schlitz

Brigitte März und Freundin

Erinnerungen, eingesendet von Brigitte März


Legendär waren die Filmaufnahmen im oberhessischen Schlitz (die Tochter von Frau Christ war ja dort verheiratet), wir Kinder (ich bin Jahrgang 1957) haben mit Fähnchen am Bahnhof die Ankunft der Bahn in Steintal bejubelt , im Trachtenfestzug bin ich mit meiner inzwischen 54 jährigen Freundin als Trachtenmädchen zu sehen. Es war toll.

In Erinnerung ist mir auch Lia Wöhr als ebenso resolute Aufnahmeleiterin, ich kannte sie als Frau Siebenhals mehr schrullig, aber Schauspieler schauspielern ja und hier am Bahnhof hatte sie das Kommando und wir mussten immer wiederholen, sie war sachlich und so gar nicht lustig :--)).

Viele Schlitzer haben sicher noch Fotos, denn wenn die Prominenten dort am Trachtenfest erschienen, war immer was los!

Nach Schlitz kam die Produktion glaube ich durch Harald Schäfer, der stammte aus der Nähe.

In dieser Zeit gab es noch viele Frauen die Tracht trugen, die Kinder in Tracht zu stecken war noch am Anfang, heute trägt die Arbeit des Schlitzerländer Trachten- und Volkstanzkreises Früchte und diese sind zahlreich.

Als wir damals Anfang der 60er - 1965 glaub' ich - 8 bis 10 Kinder waren , war das etwas Neues. In der Altstadt bekam ich von Liesl Christ eine oder zwei Mark fürs Karusell und sie bewunderte mich. Das hab ich noch in Erinnerung.

Viele Grüsse und danke für Ihre Arbeit.

Ihre Brigitte März geb. Wink
früher Schlitz-Hutzdorf

PS: Es gibt eine Szene vom Festzug im Film da laufen meine Freundin und ich vor den Burgen in der Hainbuche, im Hintergrund die Burg.

Wir werden uns bemühen, die erwähnte Szene vom Festzug im Archiv ausfindig zu machen und dann hier zu zeigen.
Wir würden uns auch über weitere Leserzuschriften aus Schlitz freuen, wenn Sie Bildmaterial und/oder Erinnerungen an die Hesselbach-Produktion dort haben...


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Aus dem Archiv des "Schlitzer Boten"


2013-02-24

Die Familie Hesselbach

Eine Kurzvorstellung

von Dr. Harald Schäfer


Familie Hesselbach


Geschildert wird »eine hessische Alltagschronik der hauptsächlichsten Nebensächlichkeiten«: »Babba Hesselbach« ist das Oberhaupt einer Familie, die neben ihm aus Mutter und vier Kindern besteht. Gleichzeitig ist er der Chef der »Firma Hesselbach«, einer kleinen Verlagsdruckerei, deren Haupterzeugnis das Lokalblatt »Die Weltschau am Sonntag« ist. Die Druckerei befindet sich in Privatbesitz und »Vater Hesselbach« stellt die idealtypische Personalunion von Firmen- und Familienchef kleinbürgerlicher Provenienz dar.

Seine Frau Marie Mathilde Eleonore wurde in der Fernsehreihe von der Schauspielerin Liesel Christ gespielt. Die dominierende Stellung von »Vater Hesselbach« wird deutlich durch die Tatsache, daß die Rolle der Mutter in der jeweiligen Medienpräsentation mit einer jeweils anderen Schauspielerin besetzt wurde (im Funk: Lia Wöhr; im Film: Else Knott; im Fernsehen: Liesel Christ), während Wolf Schmidt stets als Vater auftrat.

Lia Wöhr, Else Knott, Liesel Christ


Von den beiden erwachsenen Kindern wohnt Tochter Anneliese mit ihren drei Kindern (darunter Zwillingen) weit weg in einer anderen Stadt, ist glücklich verheiratet und dient dramaturgisch lediglich dazu, hin und wieder Vater und Mutter Hesselbach in Großelternsituationen schlüpfen zu lassen.

Der älteste Sohn Willi ist Prokurist in der väterlichen Firma. Er wurde in vielem die unmittelbare Fortsetzungsfigur der Hörfunkfolgen, in denen Wolf Schmidt als Hauptdarsteller noch selbst der »Prokurist einer angesehenen Firma« war, wie der damalige Serien- Slogan hieß. Dieser kleine Schritt vom Arbeitnehmer zum Arbeitgeber beim Wechsel von Hör- zu Fernseh-Funk ist sicher nicht unerheblich und verdient Beachtung.

Familie Hesselbach


Sohn Willi spielte in den ersten Folgen der Fernsehserie eine bedeutende Rolle, die im Laufe der Zeit immer mehr vom Autor beschnitten wurde, je mehr sich ein eigener Kristallisationspunkt um diese Sohn-Figur ergab. Autor Wolf Schmidt schickte Hesselbachsohn Willi kurzerhand nach Amerika, ließ ihn heiraten, und fortan wurde nurmehr durch Briefmitteilungen von ihm gelegentlich geredet.
Gleichzeitig damit verlagerte sich der Akzent der Serie von der »Firma Hesselbach« auf die »Familie Hesselbach«.

Die beiden jüngeren Kinder im Teenager-Alter, Heidi und Peter, werden mit ihren Problemen nun weitgehend zu Handlungsträgern.

Familie Hesselbach


Schon in der sechsten Folge der Familienreihe wird Tochter Heidi verheiratet, und zwar mit dem zukünftigen Prokuristen der Firma, der sich vom »Windhund« und einstmaligen Liebhaber der nachmaligen Frau des Sohnes Willi zum respektablen Kronprinzen gemausert hatte. Nicht lange danach wird auch Sohn Peter dem Ehestand zugeführt.

Auch in diesem Falle handelt es sich um ein Mädchen aus dem eigenen Betrieb, und so bleibt eigentlich alles in der Familie...

Familie Hesselbach


Auszug aus Harald Schäfer: "Die Hesselbachs. Erinnerungen an eine erfolgreiche Familien-Serie aus den Anfangszeiten des Fernsehens", R. G. Fischer, 1996.
Mit freundlicher Genehmigung: Erben Harald Schäfer.



2013-02-15

Planet Babba

Die Hesselbachs als Medienphänomen

Eine Einführung in den Hesselbach-Kosmos von Kai S. Knörr



Radio-Almanach: Hesselbach - Nicht totzukriegen

Die Hesselbachs haben als langlebigste Familienserie der Nachkriegszeit Mediengeschichte geschrieben. Als die erste Folge am 17. September 1949 während einer Live-Radioshow ausgestrahlt wurde, begann für Wolf Schmidt ein Abenteuer, dessen Dimension und Dynamik er selbst kaum voraussehen konnte. Fast 18 Jahre lang, bis zum 7. Juni 1967, stand er im Mittelpunkt eines immer größer werdenden Geschichtenkosmos, als Autor, der zugleich seine eigene Hauptfigur verkörperte, zog er alle Fäden.

Anderthalb Generationen später sind die Hesselbachs noch immer „in den Medien“ und finden in televisionärer Endlosschleife ihr Publikum. Unbeabsichtigt, aber unübersehbar erfüllen sie für uns heute eine Kommentarfunktion zur Mentalitätsgeschichte der „Adenauer-Ära“.

Wolf Schmidt hat mit eigens entwickelten Verfahren als erster bewiesen, dass sich das ur-amerikanische Konzept von Radio-soaps und Film-Serials auch in Deutschland umsetzen ließ. Dies geschah gegen Widerstände, denn die Traditionen des Rundfunks wie auch des Films waren einem – im Grunde diskreditierten – künstlerischen Ethos verhaftet und standen der (Endlos-)Serie skeptisch bis ablehnend gegenüber.

1950 Familie Staudenmaiers


Als die Hesselbachs starteten, war Schmidt schon Serienspezialist. Dem ehemaligen Zeitungsjournalisten war klar, daß die Serie in den Produktionsprinzipien der Massenmedien selbst schlummert. Er wußte um die Beschaffenheit von „Formaten“, und er hatte sich jahrelang mit Dramaturgie beschäftigt. Wie ein Jurist (der er ja auch einmal kurz werden wollte) die Komplexität von Erzählungen in eine logisch-kausale Ordnung nüchterner Gesetzmäßigkeiten bringt, brach Schmidt den „Inhalt“ literarischer Werke auf knappe, klare Formeln herunter, die untereinander kombiniert und transformiert werden konnten.

Dass aus solch kühlen, harten Gesetzmäßigkeiten des Zettelkastens dann wieder so etwas Lebendiges entstehen konnte wie die Hesselbachs, ist Teil des Phänomens, und dazu gehört auch die Spekulation um die Betriebsgeheimnisse des Schriftstellers. Einem guten Produkt sieht man die technischen Umstände seiner Herstellung nicht ohne weiteres an, und wenn doch, dann mit Absicht.

1950 Familie Hesselbach


Die Anziehungskraft der Hesselbachs speiste sich nicht zuletzt aus der einzigartigen Mischung, die die persönlichen Qualitäten aller an der Produktion Beteiligten zur Geltung brachte. Und diese Mischung funktionierte in fast allen denkbaren Settings – mit Babba Hesselbach alias Wolf Schmidt als einziger Konstante.

1955 Familie Hesselbach im Film


Die Hesselbachs wandelten sich in diesen knapp zwei Jahrzehnten mit den Lebensbedingungen ihrer Zuschauer. Dazu gehörte, dass sie den Vorlieben des Publikums bei der Wahl des beliebtesten „Treffpunktes“ treu folgten – ob im Radio, auf der Kinoleinwand, in verschiedensten Buchformaten, auf Schallplatte oder im Fernsehen – noch bevor es diesen Begriff überhaupt offiziell gab, waren die Hesselbachs ein „Straßenfeger“.

1961 Familie Hesselbach im Fernsehen


Und im Gegensatz zu ihren Fernseh-Vorgängern, den „Schölermanns“, hatten die Hesselbachs von Anfang einen Fernseher im Wohnzimmer stehen – der freilich so gut wie immer ausgeschaltet blieb.

Wohnzimmer der Familie Hesselbach im Fernsehen



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2013-02-14

Hinter den Kulissen

Einblicke in die Fernsehdreharbeiten aus Darstellersicht

von Sabine Hock



Im Oktober 1959 begann der Hessische Rundfunk mit den Dreharbeiten für „Die Firma Hesselbach“. Bereits einige Monate zuvor hatten die Darsteller die Drehbücher für die anstehenden Folgen erhalten, damit sie ihren Text gründlich vorlernen konnten. Sonst hätte die angestrebte Schnelligkeit der Produktionsweise gar nicht durchgehalten werden können.

Auch hinter den Kulissen: Eine Familie

Drehbuchseite

„Krach haben wir in unserem Ensemble nie gehabt“, gab Wolf Schmidt der Frankfurter Rundschau zu Protokoll. Der Co-Regisseur Harald Schäfer und die „Mamma“ Liesel Christ bestätigten, dass die Dreharbeiten eher harmonisch abliefen und allenfalls die üblichen Verstimmtheiten wegen Lappalien vorkamen. Es ging also auch hinter der Kamera zu „wie im werklische Lebe“, so Christ in einem Interview: „Da gauzt mer sich an un versöhnt sich widder, un mei Fernseh-Kinner hawwe die gleiche Mucke wie mei eichene.“

Ernste Auseinandersetzungen zwischen Wolf Schmidt und Liesel Christ habe es während der gesamten Produktionszeit eigentlich nie gegeben, betonte Harald Schäfer später. Liesel Christ selbst lobte rückblickend ihre „großartige Zusammenarbeit“ mit Schmidt, die wohl auch darin begründet gewesen sei, dass sie und ihr Fernsehgatte „privat nichts miteinander zu tun hatten“. Aus der Erinnerung pries sie die insgesamt harmonische Atmosphäre, die Schmidt bei den Dreharbeiten zu schaffen verstanden habe: Es war nie eine Spannung im Studio, es ist Heiterkeit von ihm ausgegangen; er hat es gehaßt, wenn er es mit Menschen zu tun hatte, die penetrant waren. Er hat – bei aller Annehmlichkeit der Zusammenarbeit – eine große äußere und auch künstlerische Disziplin vermittelt; wer da nicht hineinpaßte, dessen Rolle war plötzlich gestrichen.
Andererseits baute Schmidt als Autor die Parts der Darsteller aus, die einmal ihre Qualitäten unter Beweis gestellt hatten. Dazu gehörte auch die Rolle der Mamma Hesselbach, die in den ersten „Firmen“-Folgen etwas hinter denen der Herren Hesselbach sen. und jun. zurückstehen musste.

Die langen Takes

Die in einer Einstellung abgedrehten Takes waren sehr lang, oft bis zu 20 Minuten, was nicht nur in Problemen mit der damals noch nicht so hoch entwickelten Schnitttechnik begründet lag. Die Länge der Takes war auch dramaturgisch gewollt, um dadurch die Handlung in einem Gesamtablauf zu fixieren und einen schauspielerischen Bogen zu erhalten.

War ein Take als Ganzes geglückt, wurden oftmals sogar kleine Versprecher in Kauf genommen, was das Geschehen nur noch authentischer erscheinen ließ. Gerade wegen des Abdrehens von langen Takes in kurzer Zeit empfand der Schauspieler Joost Siedhoff, der Darsteller des Sohnes und Prokuristen Willi Hesselbach, die Dreharbeiten als „sehr stressig“: „Da war jede Aufzeichnung eine kleine Premiere.“

Dreharbeiten


Auch Dieter Henkel, der als Sohn Peter später in die Serie einstieg, gab zu, dass trotz des insgesamt guten Arbeitsklimas nach einiger Zeit in der zweimonatigen Drehphase doch „ein gewisser Streß“ einsetzte: „Die Schauspieler wurden nervös und abgespannt – da hat Wolf Schmidt mit seinem Humor und seiner legeren Art den notwendigen Ausgleich geschaffen.“

Trotz oder gerade wegen des hohen Drucks konnte das Team Ende November 1959 die erste Produktionsstaffel mit vier Stunden „Verfrühung“ abschließen, wie der Sender stolz an die Presse meldete. Zugleich musste sich der Hessische Rundfunk für die gewählte Form der Vorproduktion einer Serie rechtfertigen, die damals noch nicht selbstverständlich war: Die „Schölermanns“, die erste deutsche Fernsehfamilie und direkte Vorgänger der Hesselbachs, waren weitgehend live ausgestrahlt worden. Der Frankfurter Sender erklärte nun, dass eine Aufzeichnung der „Hesselbachs“ wirklich „unumgänglich“ gewesen sei, „weil ein so vielköpfiges Team wegen der anderweitigen Verpflichtung seiner Mitglieder nicht über einen so langen Zeitraum zusammenzuhalten ist“.

Stress durch Doppelbelastung

Ohnehin hatten sich einige der Darsteller, vor allem die Schauspieler mit einem festen Engagement am Theater, für die Zeit der Dreharbeiten nicht völlig frei halten können. Liesel Christ zum Beispiel musste „nebenbei“ ihren Verpflichtungen am Stadttheater Mainz nachkommen, wie sie in einem Interview mit der Heilbronner Stimme beschrieb: Ich hatte jeden Morgen von 10 bis 12 Uhr Probe in Mainz. Punkt 12 Uhr verließ ich die Bühne, weil ich zum Zug mußte. Am Bahnhof in Frankfurt wartete ein Auto, mit dem ich ins Studio gebracht wurde, und um zwei Uhr begannen wir [dort] zu probieren. (...) Um sechs Uhr mußte die letzte Klappe fallen, denn dann brachte mich ein Wagen ganz schnell wieder nach Mainz zum Theater. Die Garderobiere stand schon da mit dem Kostüm und die Maskenbildnerin mit der Perücke, und um halb acht ging der Vorhang hoch.
Manchmal, etwa wenn beim Drehen plötzlich technische Probleme auftauchten, klappte das Pendeln zwischen Bühne und Studio allerdings nicht so reibungslos. Die Schauspielerin Ursula Köllner, die Chefsekretärin der „Firma Hesselbach“, die zugleich bei der Landesbühne Rhein-Main auftrat, erinnerte sich, dass die Produzentin Lia Wöhr dann die Studiouhr zuhängte, damit die Darsteller nicht nervös wurden.


Überarbeitete Auszüge aus „Liesel Christ / Volksschauspielerin. Eine Biographie“, Frankfurt am Main, Kramer 2004.
Dr. phil. Sabine Hock arbeitet als freie Autorin und Journalistin.
www.sabinehock.de




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FAZ, MAZ und Studio 8

Die Produktionstechnik für die Aufzeichnung der Hesselbachs

von Dr. Harald Schäfer


Das Studio 8 war eine große Halle, die später in den Werkstattkomplex des Hessischen Rundfunks eingebunden wurde. Sie war etwas abseits gelegen, und monatelang durch Bauarbeiten nur in beherzten Sprüngen durch Morastflächen erreichbar. Das Dach war so dünn, dass jedes Flugzeug die Aufnahmen nachhaltig störte. Bei Regen entstand ein prasselndes Geräusch, das zu Zwangspausen führte. Dass wir dennoch bei der ersten Produktionsphase ganze vier Stunden »Verfrühung« hatten, war Anlass zum Feiern.

FAZ und MAZ

Die Folgen wurden von Anfang an aufgezeichnet und nicht live ausgestrahlt. Zunächst geschah das in der damals üblichen Film-Halbbild-(dann Vollbild-)Aufzeichnung, abgekürzt: FAZ genannt; später im magnetischen Verfahren, MAZ genannt.

Es erscheint nicht unerheblich, auch die Produktionsweise einer solchen Familienserie einmal aufzuzeigen. Üblicherweise wurde etwa ein Drittel einer Folge an einem Tag im Studio mit den Kameras «heiß« gestellt, das heißt, die genaue Bildabfolge mit Gängen und Aktionen festgelegt. Abends schloss sich daran eine sogenannte »kalte« Dialogprobe ohne Kameras, aber ebenfalls in der Originaldekoration, an. Am nächsten Tag wurde, auf den Vortagsproben aufbauend, der Gesamtablauf von etwa 15 bis 20 Minuten durchgehend probiert, der Abend war frei. Lernfrei. Der dritte Tag war der Aufzeichnungstermin.

Dreharbeiten

Selten wurden sogenannte »Pick-ups«, also verbessernde nachträgliche Einschübe hergestellt, sondern immer versucht, den Gesamtablauf zu fixieren, was den Vorteil hatte, einen schauspielerischen Bogen zu erzielen, von allen Akteuren vor und hinter der Kamera allerdings erhöhte Konzentration erforderte.

Zudem bereitete die damalige Schnitt-Technik erhebliche Probleme.

Das Produktionstempo: Eineinhalb Wochen für eine Folge

Die enorme Schnelligkeit der Produktion hatte den Vorzug, eine ursprüngliche Frische in die Serie einzubringen; außerdem war es für den einzelnen Schauspieler fast unmöglich, eine Rolleninterpretation zu entwickeln, sondern lediglich eine Selbstdarstellung durchführbar. Dabei wurden kleinere Fehler - Versprecher etwa - in Kauf genommen, die wiederum beim Zuschauer die Glaubwürdigkeit des Geschehens unterstützten.

In eineinhalb Wochen konnte auf diese Weise eine Folge von 45 - 60 Minuten Länge, beginnend mit der ersten Stellprobe bis zur sendefähigen Aufzeichnung, hergestellt werden. Die Endbearbeitung der abgedrehten Folgen geschah dabei parallel zu den Produktionen der weiteren Folgen, so dass kaum ein Terminüberhang verblieb.

Bei der intensiven Arbeit im Studio und der permanent »familiären « Situation auch über die eigentliche tägliche Produktionszeit hinaus war nach diesen sechs Wochen angespannten Beisammenseins eine längere Regenerationspause für alle Beteiligten dringend erforderlich.

Dreharbeiten

Die Kameraführung

Bei den »Hesselbachs« wurde bewusst Wert auf eine unauffällige Kameraführung gelegt, artifizielle Spielereien traten lediglich bei den von Wolf Schmidt so heißgeliebten Montagen auf, um deren Wert intern während der Produktion immer erbittert gekämpft wurde. Die optische Auflösung war in der Hesselbach- Serie auf sachliche Beobachtung reduziert, was unter anderem sichtbaren Ausdruck in überlangen - und damals keineswegs üblichen - Kameraeinstellungen fand. Handlung geschah vor der Kamera, nicht mit der Kamera. Eine hektische Schnittfolge oder auch eine stark stilistisch geprägte Regiehandschrift hätte den Intentionen der Alltagswelt entgegengewirkt, den Zuschauer eher verwirrt und die glaubhafte Wirkung geschmälert.

Auch die Anwendung von Optikwechseln wurde behutsam gehandhabt, der Zuschauer stets kontinuierlich von der Totalen über eine Halbtotale und Naheinstellung zur Großaufnahme geführt. Selten wurde dieses Prinzip als dramaturgischer Überraschungseffekt durchbrochen. Die später eingeführte »Gummilinse«, der Zoom, existierte zu Beginn der Hesselbachproduktionen noch nicht und konnte daher nicht zu den - oftmals sinnlosen - Distanzüberbrückungen führen.

Wichtig war auch die optische Orientierungshilfe einer langen Totalen zur Eingewöhnung an einen Raum, bevor die Kamera zu wandern begann. Ruhe in der Bildabfolge, keine unnötigen Mätzchen aus Gründen des Selbstzwecks im Bildinhalt gaben dem Zuschauer die Möglichkeit des Zurechtfindens.

Dreharbeiten

Die Schlusspointe unter dem Abspann

Ein wesentliches Merkmal der Hesselbach-Produktion war die Einführung einer Schlusspointe nach den Abspanntiteln, die jeweils über eine fortführende Handlungs-Pantomime liefen.

Durch diesen einfachen Trick wurden die Zuschauer bis zum letzten Bild an den Fernsehapparat gefesselt. Mein damaliger Vorschlag fiel bei Wolf Schmidt sofort auf fruchtbaren Boden.

Diese Form, Neugierde bis zum letzten Bild zu erzeugen und gleichzeitig damit trailerhaft die nächste Folge anzureißen, war, heute fast standardisiert, seinerzeit überraschend neu.



Auszug aus Harald Schäfer: "Die Hesselbachs. Erinnerungen an eine erfolgreiche Familien-Serie aus den Anfangszeiten des Fernsehens", R. G. Fischer, 1996.
Mit freundlicher Genehmigung: Erben Harald Schäfer.



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2013-02-12

Pit Knorr über Wolf Schmidt

Pit KnorrIch war und bin ein großer Verehrer von Wolf Schmidt.

Er hat ein Werk hinterlassen, das offensichtlich viel länger Bestand hat, als man zu seinen Lebzeiten ahnte. Seine Hesselbachs sind aus vielerlei Gründen bis heute so nachdrücklich bei einem großen Publikum bekannt und beliebt. Und ein wesentlicher dabei ist, daß sie auf eine oft verblüffende Weise komisch sind.

Auf dem Höhepunkt seines Schaffens, in den gelungensten seiner Stücke erreichte Wolf Schmidt in der Situationskomik, in der Pointendichte seiner Dialoge, in den überaschenden Volten seiner Handlungen und in extremen Charakter-Karikaturen ein bemerkenswertes komisches Niveau.

Und da Komik sich am prächtigsten in Widersprüchen entfaltet und dort gedeiht, wo hohe Theorie, hehrer Anspruch, verbindliche Moral und niedere Alltagspraxis auseinanderklaffen, gibt es bei Hesselbachs reichlich was zu lachen.

Zu wieviel Bosheit, hinterhältigem Tratsch, Verleumdung, Intrige, Simulantentum und die Tatbestände auf den Kopf stellenden Schutzbehauptungen selbst die im Grunde anständigsten und ehrenwertesten Mitglieder der Großfamilie Hesselbach imstande sind, das schafft die Komik und entspringt der satirischen Weltsicht des hochmoralischen Autors Schmidt.

Und mal ganz abgesehen vom ewig Hessischen seines Werkes – für mich erklang durch ihn, lange bevor ich Groucho Marx und seine Brüder kennenlernen durfte, die frohe Botschaft: Anarchie ist machbar, Herr Nachbar!

Pit Knorr


Pit Knorr, Mitglied der Neuen Frankfurter Schule, Mitbegründer und Herausgeber der Satirezeitschrift TITANIC und langjähriger Texter von Otto Waalkes
www.pitknorr.de




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2013-02-07

Fluch der Berühmtheit

Manche Schauspieler genießen es, viele fürchten es: So mit einer Figur verknüpft zu werden, dass man vollkommen mit ihr identifiziert wird.

Von wildfremden Leuten auf der Straße angesprochen zu werden, dürfte dabei noch die geringste Nebenwirkung sein, die natürlich individuell als erfreulich oder lästig empfunden werden kann.

Ganz anders jedoch der in allerhöchstem Grad existenzbedrohende Effekt, wenn ein Schauspieler nur in einer bestimmten Rolle „akzeptiert“ wird. Die Existenzbedrohung beginnt genau in dem Augenblick, in dem diese Rolle am Theater oder bei Film und Fernsehen nicht mehr fortgesetzt wird und daher keine Gage mehr damit verdient werden kann. Die Besetzungsbüros, Agenturen und Castingverantwortlichen scheuen sich, einen bestimmten Schauspieler zu besetzen, wenn die Gefahr besteht, dadurch bei den Zuschauern falsche Assoziationen zu wecken. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Rollenfigur keine klassische – wie Macbeth – ist, sondern eine vielleicht sogar auf den Leib geschneiderte – wie Mamma.

Die Zuschauer sind sich dieser Tragik nur selten bewusst. „Sissi“ Romy Schneider ging nach Frankreich und musste mit dem deutschsprachigen Publikum brechen, um weiter ihren Beruf ausüben zu können.

Es ist also nicht weiter erstaunlich, dass es sich die meisten Schauspieler gut überlegen, eine Rolle in einer Serie anzunehmen, bei der ihnen zwar für gewisse Zeit ein Einkommen gesichert ist, aber die Aussicht auf die „Zeit danach“ umso ungewisser wird.

Als die Hesselbachs im Radio erfolgreich waren, bestand dafür keinerlei Gefahr. Eine Stimme hat nur selten einen solchen Identifikationseffekt wie das Aussehen. Mit den Kinofilmproduktionen begab Schmidt sich allerdings schon auf ein gefährliches Terrain – und war sich dessen bewusst. Als dann aber die Hesselbachs ins Fernsehen kamen, und das als vielteilige Serie, begann für den Babba – und besonders die Mamma – eine tückische Reise in die Berühmheit.

Michael

Erste Klappe


Wie Mamma Hesselbach in ihrer Rolle stecken blieb


von Sabine Hock



Die Besetzung für die Mamma scheint im Nachhinein so ideal und selbstverständlich. Doch die Richtige zu finden, war gerade bei dieser Rolle schwierig gewesen. Für das Fernsehen brauchte Babba Hesselbach, natürlich wie in Funk und Film gespielt von Autor Wolf Schmidt selbst, eine neue – seine vierte – Frau. Nach einem Versuch mit Anny Hannewald als „Urmutter“ in der allerersten Folge war Lia Wöhr zur (durchaus beliebten) Mamma der Hörfunkfamilie avanciert. Doch schon bei der Verfilmung der „Hesselbachs“ wurde diese Schauspielerin „aus optischen Gründen“ durch Else Knott ersetzt. Aber auch die „Filmmamma“ war in ihrem Aussehen und Typ nicht stimmig, passte nicht so recht zu Schmidt als Babba, den sie – ebenso wie die Wöhr – „überragte“.

Bei den Vorbereitungen zur Fernsehproduktion wurde laut Erinnerungen von Harald Schäfer, der zusammen mit Wolf Schmidt die Regie übernahm, um die anstehende Neubesetzung der Mamma viel diskutiert. Die Wahl fiel schließlich auf Liesel Christ.

Bevor die Verpflichtung beim Hessischen Rundfunk perfekt gemacht werden konnte, musste Liesel Christ selbstverständlich Rücksprache halten mit ihrem Intendanten Siegfried Nürnberger am Städtischen Theater in Mainz, wo sie ab der kommenden Spielzeit 1959/60 (also wenn die Dreharbeiten beginnen sollten) engagiert war. Nürnberger riet der eher noch zögernden Schauspielerin sogar zu: „Sie werden nie die Macbeth spielen! Haben Sie den Mut, und machen Sie die Mamma Hesselbach!“, soll er gesagt haben.

Vielleicht dachte Liesel Christ auch daran, dass ihr eine Wahrsagerin einmal prophezeit hatte, sie würde mit 40 berühmt. Also entschloss sie sich, in dem Rollenangebot eine Chance zu sehen, und nahm an. Pro Sendefolge erhielt sie das stattliche Honorar von 1.200 Mark. Dafür musste sie sich verpflichten, „während der Laufzeit der Sendereihe in keinem anderen Programm des Fernsehens als Darsteller aufzutreten“. Sie sollte exklusiv die Mamma Hesselbach sein.

Ganz die Mamma

„Von den vier ‚Müttern Hesselbach‘, die ich hatte“, bekannte Wolf Schmidt einmal, „war Liesel Christ diejenige, die am stärksten alle Elemente gehabt hat, die für diese Figur nötig sind. Sie ist eine hervorragende Schauspielerin. Man braucht ihr nur den Bruchteil eines Satzes zu sagen – sie erfaßt es sofort.“ In späteren Folgen, zumal als Joost Siedhoff als Sohn Willi aus der Serie ausschied und zur Fortsetzung allmählich auf „Die Familie Hesselbach“ übergegangen wurde, hat Schmidt daher die Rolle der Mamma wesentlich erweitert und der Christ regelrecht auf den Leib geschrieben.

Liesel Christ mit Wolf Schmidt


Neben den Dreharbeiten musste Liesel Christ ihren Verpflichtungen am Stadttheater Mainz nachkommen, wo sie gerade erst zum Saisonbeginn im Herbst 1959 ein neues Engagement angetreten hatte. Aber bei aller Disziplin und Professionalität wurde die Doppelbelastung von Theater und Fernsehen auf Dauer zu viel. Nach erheblichen gesundheitlichen Problemen musste sie ihren Vertrag in Mainz vorzeitig zum 1. November 1960 lösen. Nun war sie endgültig ganz die Mamma Hesselbach.

Mammas Typ - Leitbild und Identifikation

Für die Rolle musste Liesel Christ sich älter machen, und ihre Kostüme sollten auf die eher biedere Garderobe einer Hausfrau mit Schürze, die sich nur gelegentlich einmal „fein rausputzen“ durfte, beschränkt sein. Aber nicht nur im äußeren Erscheinungsbild, sondern auch im Charakter wurde sie auf den Typ der Mamma Hesselbach festgelegt – ein „Ehefrauenimage“, das sie – entgegen ihrem Familienstand im wirklichen Leben – schon auf der Bühne so selbstverständlich ausstrahlte.

Liesel Christ in der Maske


Die Christ kreierte mit dieser Rolle den „Prototyp der deutschen Hausfrau und Mutter“, wie ihr Seriensohn Joost Siedhoff einmal sagte , oder auch das „Urbild der hessischen Mamma“. Diese Marie Hesselbach, Ehefrau des Druckereibesitzers Karl Hesselbach, wird getrieben von einer übersteigerten Sorge für und um ihren Mann und die schon erwachsenen Kinder. Sie ist im Kleinen penetrant bis zur totalen Uneinsichtigkeit und immer leicht beleidigt, im Großen aber naiv ihrem Mann ergeben, den sie im Grunde ihres Herzens doch liebt und bewundert. Im stolzen Standesdünkel der „Frau Direktor“ erhebt sie sich über das Kleinbürgerliche, das sie selbst nicht allzu weit hinter sich gelassen hat. Eigentlich spielte Liesel Christ die Mamma Hesselbach als meist gar nicht so „liebenswerte Nervensäge“ , was durchaus im Sinne des Autors war. In einem Interview von 1963 bekannte sich Wolf Schmidt ausdrücklich zum „negativen Leitbild“, das er mit seinen Figuren geben wollte: Die amerikanischen Kollegen geben Leitbilder. Ich stehe mehr auf dem Standpunkt des negativen Leitbilds. Ich sage mir: Leute, die immer nur gut und freundlich und nett sind, mögen eine Zeitlang auch nett auf die Zuschauer wirken. Auf die Dauer aber sind sie unerträglich. Wir leben in einer Gesellschaft von unvollkommenen Menschen. Ich halte es für sinnlos, den vollkommenen Menschen darzustellen, den wir ja doch nie erreichen. Es ist viel interessanter, die Ursachen der Unvollkommenheit, die großen und kleinen Mißverständnisse zu zeigen. Allerdings: Ich will darstellen, ohne erziehen zu wollen. Ich möchte lediglich, daß sich die Zuschauer mit der Familie Hesselbach identifizieren können; daß sie spüren: Was wir da auf dem Bildschirm sehen, das hat auch etwas mit uns zu tun. Auch in dem „negativen Leitbild“ konnte (und sollte) sich ein Zuschauer demnach wiederkennen. Lieber dürfte er allerdings einen anderen, ihm entfernt oder auch näher bekannten Menschen in einer der Figuren wiederentdeckt haben. Dieses Phänomen hat Liesel Christ gern so beschrieben: Wolf Schmidt hat immer gesagt: ‚Die Ehemänner vorm Fernsehapparat müsse sage könne: Die hab’ ich newe mir sitze. Un die Fraue müsse sage: O Gott, der sitzt newe mir.‘Liesel Christ selbst identifizierte sich nicht gern mit ihrer Rolle. „Ein furchtbares Weib“ nannte sie Mamma Hesselbach oft, wenn auch „irgendwo liebenswert“. Tatsächlich war die Mamma im Laufe der Serie zur „Seele der Familie und der Sendung“ geworden, wie die Fernsehkritik erkannte.

Liesel Christ mit Wolf Schmidt


Der Rest ist: Mamma...

Im Oktober/November 1962 wurden die letzten sechs Folgen der „Hesselbachs“ gedreht. Auf Wunsch von Wolf Schmidt sollte die Serie mit der 42. Folge enden. Er sah „die Möglichkeiten“, die er als Autor mit den gegebenen Figuren im hergebrachten Milieu „durchspielen“ konnte, „erschöpft“ und wollte lieber auf dem Höhepunkt des Erfolges aussteigen, um sich und den anderen Mitwirkenden damit den unausweichlichen Niedergang zu ersparen. Am 29. Mai 1963 wurde die letzte Folge („Wertsachen“) der „Familie Hesselbach“ gesendet. Zum Schluss verabschiedete Wolf Schmidt als Babba sein Publikum mit den tröstenden Worten: Das Familienleben endet normal durch Gründung neuer Familien. Der Rest ist: Mamma – kein Schweigen also. Aber falls sie im Laufe der nächsten 30 Jahre noch irgendwas sagen sollte, was keine Wiederholung darstellt, so wird Sie darüber das Deutsche Fernsehen in einer Sendung am 29. Mai 1993 kurz orientieren.

Letzte Klappe


Schluss ohne Ende

Damit waren die Schauspieler Christ und Schmidt sowie die aller anderen Rollen berühmt, aber arbeitslos. Und dies, obwohl – oder gerade weil – Mamma und Babba Hesselbach gar nicht von der Bildfläche verschwanden. Dazu waren sie und ihre Darsteller in der Medienöffentlichkeit viel zu präsent. Nicht nur die inzwischen (1963) 7,7 Millionen Besitzer von Fernsehgeräten kannten die „Hesselbachs“. Als echte Fernsehstars hatten Wolf Schmidt, Liesel Christ und ihre „Serienkinder“ etwa auch von den farbigen Titelblättern sämtlicher Illustrierten deren Lesern zugelächelt.

Immer und überall wurde die Christ „erkannt“, nicht allein in Frankfurt, wo sie bis in ihre letzten Jahre beispielsweise beim Einkaufen oft mit „Frau Hesselbach“ angesprochen wurde. In Düsseldorf „drehten sich die Rheinländer um und sagten: ‚Dat ist die Alt vom Hesselbach!‘“ In Bielefeld fragte sie ein kleiner Junge: „Bist du nicht die Mutti vom Fernsehen?“, und auf ihr freundliches Ja bot er ihr an, dass sie einmal an seiner Eiswaffel schlecken dürfe. Sogar im Ausland, etwa in Spanien oder in den USA, riefen Leute auf der Straße hinter ihr her: „Da ist ja die Mamma Hesselbach!“ Dieser Verlust der Anonymität in der Öffentlichkeit infolge ihrer ungeheuren Popularität habe sie anfangs „natürlich ein bißchen gestört“ , gab Liesel Christ einmal zu: „Daran mußte man sich erst gewöhnen.“

Ganz und gar negativ, geradezu existenzbedrohend wirkte sich ihre Fernsehvergangenheit im nächsten Jahrzehnt auf ihre weitere Karriere als Schauspielerin aus. Die Christ schien zu einem dauerhaften Dasein als Mamma Hesselbach verdammt, wovon sie nach Absetzung der Serie 1963 aber nicht leben konnte. In den Köpfen von Programmmachern wie Publikum war sie jedoch so sehr auf diese einzige Rolle festgelegt, dass sie keine anderen Fernsehangebote mehr bekam. Selbst auf der Bühne wurde ihre Leistung immer wieder an ihrem Mitwirken bei den „Hesselbachs“ gemessen. „Wenn Sie das [d. i. die ‚Hesselbachs‘] machen, sind Sie danach tot!“, hatte schon HR-Fernsehspielchef Rolf Hädrich den Schauspieler Dieter Henkel gewarnt, bevor dieser das Engagement als Seriensohn annahm.

Viele Zuschauer setzten die Darsteller mit ihren Rollen gleich: Für sie war Liesel Christ einfach die Mamma. Sie begriffen die Darsteller nicht als Schauspieler, sondern als „Menschen wie du und ich“, die im Leben seien wie auf dem Bildschirm. Die durchaus beabsichtigte authentische Wirkung des Fernsehens und insbesondere einer Serie wie „Hesselbach“ zeigte somit gerade in jener Frühzeit des Mediums die fatale Folge, dass viele nicht mehr zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden konnten.

Liesel Christ und Wolf Schmidt


Ein tückisches Comeback

Angesichts ihrer persönlichen Situation dürfte Liesel Christ es begrüßt haben, als die „Hesselbachs“ doch fortgesetzt werden sollten. Mit der bereits ab März 1965 gedrehten Nachfolgereihe „Herr Hesselbach und...“ wollte Autor Wolf Schmidt allerdings ein neues Serienkonzept verwirklichen. Er nutzte zwar den eingeführten Namen im Titel, befreite sich aber von dem alten, dramaturgisch ausgereizten Milieu von Firma und Familie. Nach Babbas Pensionierung wohnen Herr und Frau Hesselbach nun allein in einem modernen Häuschen mit Garten in dem fiktiven Städtchen Steintal.

Liesel Christ mit Dreckrändche am Milchdippche

Der Erfolg der Serie blieb jedoch aus verschiedenen Gründen aus. Daran war nicht nur die inzwischen erstarkte Konkurrenz durch das Zweite Deutsche Fernsehen schuld. Vor allem kam das veränderte Konzept nicht an. Angesichts enttäuschender Einschaltquoten entschloss sich der Hessische Rundfunk ziemlich schnell, die Serie vorzeitig einzustellen. Statt der geplanten zwölf wurden nur neun Folgen produziert und gesendet.

Doch wieder einmal sollte es mit den „Hesselbachs“ nicht ganz aus und vorbei sein. Auf vielfachen Zuschauerwunsch wurden schon ab 1969 alle 51 Folgen wiederholt, einmal monatlich am Sonntagnachmittag. Selbst Liesel Christ sah sich die Wiederholungen an und amüsierte sich nach eigener Aussage „königlich“ darüber.

Dabei haderte die Schauspielerin gerade in jener Zeit mehr und mehr mit ihrer „Abstempelung“ als Mamma Hesselbach. In zahlreichen Zeitungsinterviews beklagte sie damals, dass sie seit den Hesselbachs „vom Fernsehen kein einziges Rollenangebot“ bekommen habe. Nicht nur in der Regenbogenpresse kursierten Schlagzeilen wie „Mamma Hesselbach: ‚Die Rolle hat mir nur Pech gebracht‘“ oder „Liesel Christ: ‚Das Fernsehen hat mich arm gemacht‘“. Tatsächlich schien sie so sehr auf die Mamma und vor allem auf den Dialekt festgelegt, dass sie in einem Interview mit „Hörzu“ 1969 sogar gefragt wurde: „Können Sie nur Hessisch babbeln?“ Die Christ begann zu kämpfen.

Mama Prinzipalin

Anders als Wolf Schmidt schaffte sie aus eigener Kraft, sich so weit vom „Hesselbach“-Image zu lösen, dass sie auf ihrer Popularität etwas Neues aufbauen konnte. Auf dieser Basis glückte ihr im Jahr 1971 die Gründung eines eigenen Theaters. Regisseur Harald Schäfer hat einmal ausgeführt, Liesel Christ habe unter dem Image der Hesselbachs furchtbar gelitten, dann aber „das Genialste gemacht, was man tun konnte: Sie hat das Volkstheater gegründet, was Frankfurt gebraucht hat. “ Damit wurde aus „Mamma Hesselbach eben die Mama Prinzipalin“.

Die „Hesselbachs“ in ihrem neuen Volkstheater auf die Bühne zu bringen, war naheliegend, hätte allerdings ihr Konzept des modernen literarischen Mundarttheaters konterkariert. Als die Christ später bewiesen hatte, dass das Volkstheater mehr als nur ein „Babbeltheater“ war, hätte sie die „Hesselbachs“ dort gern neu herausgebracht. Aber Wolf Schmidt war bereits zu krank.

Seit den späten Achtzigerjahren wurden die Hesselbachs nicht nur bei Telecineasten zum Kult, dessen wichtigste Idole natürlich der Babba und die Mamma in der Darstellung von Wolf Schmidt und Liesel Christ sind. Damit avancierte die Christ noch zu Lebzeiten vom frühen Fernsehstar zur immergrünen „Kultfigur“. Den Fluch der Berühmtheit hatte sie hinter sich gelassen.

Überarbeitete Auszüge aus „Liesel Christ / Volksschauspielerin. Eine Biographie“, Frankfurt am Main, Kramer 2004.
Dr. phil. Sabine Hock arbeitet als freie Autorin und Journalistin.
www.sabinehock.de


Ein Seitenblick auf andere TV-Serienkarrieren der 1960er

Michael Landon

Grünes Licht
14 Jahre lang der Little Joe aus „Bonanza“ (1959-73, seit 1962 im deutschen Fernsehen), zog Landon nach dem Serienende infolge des plötzlichen Todes des Darstellers Dan Blocker (Hoss Cartwright) von der Ranch auf einen Bauernhof: In den Siebzigerjahren spielte er den Familienvater Charles Ingalls in der 210-teiligen Serie „Unsere kleine Farm“ (1974-83, seit 1976 in der ARD), für die er auch als Produzent und Drehbuchautor wirkte. Danach wagte er einen weiteren Serienumstieg und kehrte als „Ein Engel auf Erden“ (111 Folgen, 1984-89, seit 1987 im ZDF) zurück.

Karriereleiter: Es ging weiter...


Larry Hagman

Grünes LichtGelb Rot
Ihm glückte der Sprung vom sympathischen Astronauten zum fiesen Ölbaron: In der amerikanischen Serie „Bezaubernde Jeannie“ (1965-70), die ab 1967 auch im deutschen Fernsehen lief, spielte Hagman 139 Folgen lang Jeannies „Meister“ Tony Nelson, um ein paar Jahre später als J. R. Ewing nach „Dallas“, in die von 1978 bis 1991 produzierte Familiensaga aus Texas, zu gehen. Danach wurde der Schauspieler, der früher ein vielseitiges Repertoire hatte, eigentlich nur noch für Gastauftritte in Serien gecastet – bis er 2010 einer Neuaufnahme von „Dallas“ zustimmte.

Karriereleiter: Erst weiter, dann stopp


Inge Meysel und ihre „Nachfolgerin“

Grünes Licht



Gelb-grünes Licht
Die Meysel erwarb sich ihren Ruf als „Mutter der Nation“ bereits 1959 auf dem Theater, in dem Volksstück „Das Fenster zum Flur“ von Curt Flatow, in dem sie die Rolle der Portiersfrau Anni Wiesner kreierte. Unter dem Titel „Ihr schönster Tag“ wurde das Stück mit der Meysel in der Hauptrolle 1962, also zu Hesselbachs besten Fernsehzeiten, auch verfilmt. Als Fernsehmutter löste Inge Meysel ab 1965 die Mamma Hesselbach ab, als sie Rolle der Mutter Käthe Scholz in „Die Unverbesserlichen“ von Robert Stromberger spielte; die Reihe wurde in sieben Episoden bis 1971 einmal jährlich, gerne am Muttertag, gesendet. Das Image der resoluten und starrköpfigen Frau aus dem Volk blieb an der Meysel haften, behinderte ihre Fernsehkarriere und Beliebtheit aber nicht – eher im Gegenteil. Erst in den Achtzigerjahren musste sie allmählich einer moderneren und jüngeren Fernsehmutter der Nation weichen: Marie-Luise Marjan verkörpert seit 1985 die Mutter Beimer in der „Lindenstraße“. Die Marjan, zuvor arrivierte Theaterschauspielerin, hat sich nach mehr als 25 Jahren und über 1.400 Folgen längst mit ihrem „Alter Ego“ arrangiert: „Ich lebe gut mit Helga [d. i. Mutter Beimer]“, sagte sie bereits 2001 in einem Illustrierteninterview.

Karriereleiter in beiden Fällen: Es ging weiter...



Gustav Knuth

Grünes Licht
Knuth, der sich schon vorher (u. a. im Film) profiliert hatte, konnte es sich leisten, gleich in mehreren Fernsehserien der Sechzigerjahre nacheinander die Hauptrolle zu übernehmen. Zu unerwarteten Komplikationen kam es, als er mit seiner Rolle von einer Serie zur anderen die Frau „wechselte“: In seiner ersten und beliebtesten Serienrolle als Tierarzt Dr. Hofer in der Reihe „Alle meine Tiere“, die in neun Folgen noch zur Zeit der Hesselbachs (1962-63) lief, spielte er mit Tilly Lauenstein ein Ehepaar, und ein paar Jahre später, in der achtteiligen Serie „Großer Mann – was nun?“ (1967-68), hatte er plötzlich Camilla Spira zur Bildschirmgattin. Die Zuschauer wollten den – im wirklichen Leben seit langem glücklich verheirateten – Schauspieler jeweils mit seinen Fernsehfrauen „verkuppeln“. Nicht zuletzt um einer moralischen Entrüstung der Fernsehgemeinde zu entgehen, ließ man Knuth als Chef der Artistenfamilie Doria in der 1969 gestarteten Familienserie „Salto mortale“ wohl vorsichtshalber gleich als Witwer auftreten.

Karriereleiter: Es ging weiter...


Eva Pflug

Rotes Licht
Die Pflug wurde als der (!) blonde Sicherheitsoffizier Tamara Jagellovsk in der ersten deutschen Science-Fiction-Fernsehserie „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion“ (sieben Folgen, 1966) bundesweit bekannt. Diese Rolle, bereits ihre zweite Serienhauptrolle nach der Beschäftigung als Sekretärin in einer heute vergessenen Krimireihe (1964), machte die Schauspielerin zum Idol der Frauenbewegung. Im Film und Fernsehen wurde sie künftig jedoch nicht mehr besetzt, obwohl sie beteuerte, „nie eine Emanze gewesen zu sein“. Am Theater konnte Eva Pflug ihre Karriere erfolgreich fortführen.

Karriereleiter im Fernsehen und Film: Stopp



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