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2013-02-27

Die Musik der Hesselbachs

Übersicht


Einleitung: Die Hesselbachs im Polkatakt

Jeder Hesselbach-Fan kennt sie, die slapstickhafte (Fast-)Stummfilmsequenz im „Schwarzen Freitag“, in der die Belegschaft der Firma Hesselbach verzweifelt nach einem Ersatz-Rock für Babbas große Rede sucht. Oder die, in der Babba dauerlaufend zwischen den unversöhnlichen Damen Hesselbach, Siebenhals und Frau Dr. Tritschel im Kasus „Dreckrändchen“ vermittelt. Diese Szenen verdanken einen Großteil ihrer Komik der Inspiration von Willy Czernik, der die bekannten Hesselbach-Themen für jede Fernsehfolge variiert und – nach der Stoppuhr - meisterlich für Orchester arrangiert hat. Das Gleiche gilt, wenn auch in einem ganz anderen, sehr eigenständigen 50er-Jahre-Sound, für die Kompositionen Wolfram Röhrigs, die in den Hesselbach-Kinofilmen so manches bildtechnische Defizit wirkungsvoll ausgleichen halfen.


Die Musik in den Hörspielen

von Kai S. Knörr


Bei den Hörspiel-Hesselbachs kam der Musik zunächst eine andere Funktion zu. Ganz wichtig war sie natürlich für die Atmosphäre in Traumsequenzen, etwa, wenn Babba in stampfenden Fortschrittsfanfaren kraft beharrlicher Arbeit vom „Prokuristen einer angesehenen Firma“ zum Weltpräsident emporsteigt, und dann im nächsten Moment wegen Mammas penetrantem Beharren auf Senkung der Frankfurter Eierpreise wieder auf den harten Boden der Hesselbachschen Eherealität aufschlägt (Folge 19: Neujahresträume).

Außerhalb dieser Szenen, in der Intimität der eigenen vier Wände, wie auch der irgendwie immer ungemütlich wirkenden Straßenszenen, spielte Musik bei den Hörspiel-Hesselbachs eigentlich keine große Rolle. Die Musik findet sich stattdessen in der tonalen Qualität der Texte, im unverwechselbaren Sprachgroove, der von den vier „Hesselbachs“ Wolf Schmidt, Lia Wöhr, Sofie Engelke und Joost Siedhoff und häufigen Gästen wie Else Knott, Carl Luley und Fritz Saalfeld in perfekt eingespielter und intuitiv funktionierender Teamarbeit hevorgezaubert wurde.





Anfangs wurden die Radiofolgen offenbar trocken angesagt bzw. waren in Unterhaltungssendungen wie den „Bunten Samstagnachmittag“ eingebettet, bis ab Folge 23, „Der Einbrecher“, Josef Rixners „Feierabendpolka“ als Erkennungsmusik vorgespannt wurde.

Seitdem wurden die Hörer mit den klingenden Worten „…von und mit Wolf Schmidt“ auf die „hessische Alltagschronik“ eingestimmt. Während der ganzen Hörfunkära, auch im Kinofilm „Herr Hesselbach und die Firma“ und später im Fernsehen begrüßten die Hesselbachs ihr Publikum im Polkatakt.

Nach dem vorläufigen Ende der Fernseh-Hesselbachs 1963 kehrte Herr Hesselbach mit seinen späteren Stadtrat-Kollegen in fröhlicher Diskussionsrunde ins Radio zurück. Die Titelmusik des „Stammtisch Hesselbach“ sollte, auch weil die Sendungen nicht nur vom Hessischen Rundfunk sondern z.B. auch vom Sender Freies Berlin ausgestrahlt wurden, an die Radio- und Fernsehtitelmusik anknüpfen. Zu Beginn erklang ein subtiles wie kurioses Gemisch aus beiden bekannten Erkennungsmusiken.


Notenmaterial

Die Musik in den Filmproduktionen

von Kai S. Knörr



Als besonderer Glücksfall für Schmidt erwies sich die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Wolfram Röhrig (1916-1998), der in sehr individueller Weise Musiken für alle fünf Spielfilme Schmidts schrieb.

Originelle und tragfähige Kompositionen wurden für die Filme schon deshalb so wichtig, weil sich damit in erstaunlichem Maß technische und damit optische Schwächen kompensieren ließen, die Schmidt aufgrund der sparsamen Produktionsweise in Kauf nahm. Insbesondere die durch die Playback-Technik entstehenden Probleme konnten vielfach durch geschickten Musikeinsatz gemildert werden.

Natürlich hat sich die technische Qualität infolge der Erfahrungen, die er und sein Team sammelten, im Laufe der Zeit verbessert. Aber wenn man sich die erhaltene Filmfragmente bzw. den komplett erhaltenen Film Familie Hesselbach im Urlaub (1955) ansieht, wird die Bedeutung Wolfram Röhrigs für den Erfolg des ganzen Projekts deutlich.




Beim Hessischen Rundfunk hatte Röhrig von 1953 bis 1955 als Produktionsleiter Musik der Unterhaltungsabteilung gearbeitet, wo er und Schmidt sich vermutlich kennen lernten. Danach wechselte er als Leiter der Abteilung Unterhaltungsmusik zum Süddeutschen Rundfunk. Sein größtes Interesse galt dem Jazz. Dreißig Jahre lang hatte er den Vorsitz des größten Verbandes der deutschen Jazzszene, und bis kurz vor seinem Tod organisierte er Veranstaltungen mit internatonalen Künstlern und Nachwuchsmusikern.

Auch die Hesselbach-Filmmusiken sind durchdrungen von Jazz-Elementen. Man muss insgesamt die Intensität und Eigenständigkeit bewundern, mit der Röhrig arbeitete. Leider ist nichts über die Vertragskonstellation zwischen Schmidt, Röhrig und dem Union Filmverleih bekannt. Vielleicht wäre dann mit Sicherheit zu klären, warum Röhrig bei den Filmmusiken unter dem Pseudonym Wolf Droysen arbeitete.







Die Musik in den Fernsehsendungen

von Dr. Harald Schäfer



Die Musik spielte in der Hesselbach-Serie eine wichtige Rolle.

Willy Czernik (1901-1996), Sachse, Komponist (»Willst du mit mir in die Sonne geh'n?«) und ehemaliger Theaterkapellmeister, hatte für Vor- und Nachspann ein aus der musikalischen Umkehrung der seinerzeitigen Hörfunkmelodie signifikantes Leitmotiv entwickelt, das man als Erkennungsmelodie bald allenthalben kannte und nachpfiff. Diese Melodie wurde öfters auch als musikalische Brücke bei Szenenübergängen angewendet. Czernik war ein Quell immerwährender Freude. Lange Zeit hatten wir uns über seine unerklärlichen Musik-Stoppzeiten gewundert, die sich hinterher immer als falsch erwiesen. Dann fanden wir den Grund: Willy Czernik hatte die Minute stets mit 100 statt mit 60 Sekunden zusammengezählt.

Normalerweise setzte nach dem Zusammenschnitt der einzelnen Folgen eine musikalische Nachbearbeitung ein. Außer dem bereits erwähnten Vor- und Nachspann wurden besonders die Brücken -das sind zeitliche oder räumliche Szenenwechsel -und Montage-Musiken im Zeitrafferstil mit Sorgfalt behandelt und dem Zuschauer musikalisch-leitmotivische Hilfe angeboten. Ein Musikteppich zur Untermalung von Dialogen oder Handlungsabläufen, zur atmosphärischen Unterstützung von Stimmungen wurde so gut wie nie verwendet; Musik hatte innerhalb der Szenen eine funktionelle Bedeutung und wurde keinesfalls vordergründiger Selbstzweck.

Ausnahmen waren die von Wolf Schmidt präferierten pantomimischen Einlagen, die mit ausgeklügelt synchronen Musikeffekten in meist fugaler Form kontrapunktisch oder kommentierend Unterstützung fanden.




Die vom Komponisten ständig wieder angebotene orchestrale Besetzung mußte von Produktion und Regie jeweils auf ein erträgliches Maß kammermusikalischen Arrangements herunterdebattiert werden, was freilich manchmal nicht gelang. Dadurch kamen für die Familienserie zu monumentale Töne und Überfrachtungen vor; die illustrativ-untermalende konnte gegenüber der dramatisch-unterstützenden Funktion überhand nehmen.

Im Verlauf der 51 Folgen wurde die musikalische Umrahmung und deren identifizierende, unterstützende oder steigernde Wirkungsweise immer weiter beschnitten und ihr Einsatz eingeengt, die Übergänge rein optisch gestaltet, und schließlich blieb lediglich die eingeführte Titelmusik übrig.

Auszug aus Harald Schäfer: "Die Hesselbachs. Erinnerungen an eine erfolgreiche Familien-Serie aus den Anfangszeiten des Fernsehens", R. G. Fischer, 1996.
Mit freundlicher Genehmigung: Erben Harald Schäfer.




2013-02-15

Planet Babba

Die Hesselbachs als Medienphänomen

Eine Einführung in den Hesselbach-Kosmos von Kai S. Knörr



Radio-Almanach: Hesselbach - Nicht totzukriegen

Die Hesselbachs haben als langlebigste Familienserie der Nachkriegszeit Mediengeschichte geschrieben. Als die erste Folge am 17. September 1949 während einer Live-Radioshow ausgestrahlt wurde, begann für Wolf Schmidt ein Abenteuer, dessen Dimension und Dynamik er selbst kaum voraussehen konnte. Fast 18 Jahre lang, bis zum 7. Juni 1967, stand er im Mittelpunkt eines immer größer werdenden Geschichtenkosmos, als Autor, der zugleich seine eigene Hauptfigur verkörperte, zog er alle Fäden.

Anderthalb Generationen später sind die Hesselbachs noch immer „in den Medien“ und finden in televisionärer Endlosschleife ihr Publikum. Unbeabsichtigt, aber unübersehbar erfüllen sie für uns heute eine Kommentarfunktion zur Mentalitätsgeschichte der „Adenauer-Ära“.

Wolf Schmidt hat mit eigens entwickelten Verfahren als erster bewiesen, dass sich das ur-amerikanische Konzept von Radio-soaps und Film-Serials auch in Deutschland umsetzen ließ. Dies geschah gegen Widerstände, denn die Traditionen des Rundfunks wie auch des Films waren einem – im Grunde diskreditierten – künstlerischen Ethos verhaftet und standen der (Endlos-)Serie skeptisch bis ablehnend gegenüber.

1950 Familie Staudenmaiers


Als die Hesselbachs starteten, war Schmidt schon Serienspezialist. Dem ehemaligen Zeitungsjournalisten war klar, daß die Serie in den Produktionsprinzipien der Massenmedien selbst schlummert. Er wußte um die Beschaffenheit von „Formaten“, und er hatte sich jahrelang mit Dramaturgie beschäftigt. Wie ein Jurist (der er ja auch einmal kurz werden wollte) die Komplexität von Erzählungen in eine logisch-kausale Ordnung nüchterner Gesetzmäßigkeiten bringt, brach Schmidt den „Inhalt“ literarischer Werke auf knappe, klare Formeln herunter, die untereinander kombiniert und transformiert werden konnten.

Dass aus solch kühlen, harten Gesetzmäßigkeiten des Zettelkastens dann wieder so etwas Lebendiges entstehen konnte wie die Hesselbachs, ist Teil des Phänomens, und dazu gehört auch die Spekulation um die Betriebsgeheimnisse des Schriftstellers. Einem guten Produkt sieht man die technischen Umstände seiner Herstellung nicht ohne weiteres an, und wenn doch, dann mit Absicht.

1950 Familie Hesselbach


Die Anziehungskraft der Hesselbachs speiste sich nicht zuletzt aus der einzigartigen Mischung, die die persönlichen Qualitäten aller an der Produktion Beteiligten zur Geltung brachte. Und diese Mischung funktionierte in fast allen denkbaren Settings – mit Babba Hesselbach alias Wolf Schmidt als einziger Konstante.

1955 Familie Hesselbach im Film


Die Hesselbachs wandelten sich in diesen knapp zwei Jahrzehnten mit den Lebensbedingungen ihrer Zuschauer. Dazu gehörte, dass sie den Vorlieben des Publikums bei der Wahl des beliebtesten „Treffpunktes“ treu folgten – ob im Radio, auf der Kinoleinwand, in verschiedensten Buchformaten, auf Schallplatte oder im Fernsehen – noch bevor es diesen Begriff überhaupt offiziell gab, waren die Hesselbachs ein „Straßenfeger“.

1961 Familie Hesselbach im Fernsehen


Und im Gegensatz zu ihren Fernseh-Vorgängern, den „Schölermanns“, hatten die Hesselbachs von Anfang einen Fernseher im Wohnzimmer stehen – der freilich so gut wie immer ausgeschaltet blieb.

Wohnzimmer der Familie Hesselbach im Fernsehen



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2013-02-06

Mann vom Mars und Medienhandwerker

Wolf Schmidt als Autor

von Kai S. Knörr


Wolf Schmidt an der Schreibmaschine


"Die erstaunliche Fruchtbarkeit des Funkautors Schmidt ist nur mit einem Arbeitstempo zu erklären, das es ihm erlaubt, zeitweilig pro Monat sechs Hörspiele zu verfassen, von denen er einige obendrein auch noch selber inszeniert. Die gleiche Geschwindigkeit, die er am Schreibtisch durchhält, überträgt er auch auf seine Arbeit am Regiepult. Noch nie hat die Funkaufnahme einer "Hesselbach"-Sendung (60 Minuten Sendezeit) länger als einen Tag gedauert. Dagegen ist es ihm schon gelungen, unter Zeitdruck acht Sendungen in vier Tagen herzustellen". Dies berichtete "DER SPIEGEL" im Herbst 1955, einen Tag vor der Premiere des zweiten "Hesselbach"-Kinofilms.

Wolf Schmidt mit ManuskriptEiner Zeitung gab er 1950 zu Protokoll, dass er täglich vier Schreibmaschinenseiten Manuskript-Text generiert. Wer in der Bundesrepublik der 50er Jahre Radio hörte, kam an Wolf Schmidt kaum vorbei: Nach einer Unzahl von Sketchen, Dialog- und Monologszenen, die über alle Sender gingen, legte er mit den "Staudenmaiers" beim Süddeutschen Rundfunk, freilich ohne es damals voraussehen zu können, den Grundstein für ein regelrechtes Imperium von Familienserien, von denen die "Hesselbachs" mit ihm als Hauptdarsteller die berühmteste und langlebigste wurde.

Das Funktionieren der Plots hatte er in den ersten Jahren mit seiner Bühnen- und Lebenspartnerin Gretl (die sich im Radio weiterhin als Gretl Pilz vorstellte) vor Publikum und auch im Radiostudio ausprobiert. Sie blieb, wenn auch später im Hintergrund, seine unverzichtbare Muse. "Wir werfen uns täglich 1000 Ideen an den Kopf!", sagte er in einem Interview.

Wolf Schmidt mit Gretl Pilz hinter der Schreibmaschine


Auf die Frage, woher er seine Ideen nimmt, antwortete er lakonisch: "Aus dem Leben."

Diese gern übernommene Lesart war ein raffinierter Trick des ehemaligen Journalisten Schmidt, den artifiziellen Charakter und die formale Strenge seiner Geschichten zu kaschieren.

In der Legende, er habe lediglich 'dem Volk auf's Maul geschaut', manifestierte sich Schmidts professionelles Interesse am Menschen und seinen Problemen. Zugleich erhöhte er die Relevanz des Erzählten mit dem Attribut der Alltagschronik – vergleichbar mit dem, was später Egon Monk oder Wolfgang Menge machten, wenn sie ihren Fernsehspielen den Charakter von Reportagen oder Dokumentationen gaben.

Wolf Schmidt als Autor auf Theaterzetten 1921Diese Strategie passte natürlich zum Rundfunk (bzw. Fernsehen) als Aktualitätsmedium. Die allmähliche Erweiterung der Geschichten aus den interfamiliären Zusammenhängen in das Feld allgemeiner politischer und philosophischer Fragen, wie sie z.B. in der Serie Prokurist a.D. Hesselbach – Büro für Lebensberatung durch die Klienten von Vater Hesselbach aufgebracht wurden, trugen Wolf Schmidt einen Ruf als "Pädagoge des Alltags" ein.

Ein Hang zur Pädagogik ist der Figur des Babba Hesselbach in der Tat nicht abzusprechen. Schmidt konnte aufgrund seines eigenen familiären Hintergrunds ja aus dem Vollen schöpfen. Die enorme Produktivität des Autors Schmidt nahm hier, im Friedberger Elternhaus am Taubenrain, ihren Anfang. Bereits im Kindesalter schrieb und inszenierte er kleine Theaterstücke, die anläßlich von Familienfesten mit Verwandten und Freunden aufgeführt wurden.

Sein schriftstellerischer Weg, der ihn über den Umweg des Zeitungsjournalismus zu Rundfunk und Fernsehen führte, wurzelte in einer Bildungspraxis, die literarische Lektüren, Schreiben als In-Form-Bringen von Material und Inszenieren von Anfang an beinhaltete.

"Eine häufige Frage in meiner Publikumspost lautet "Wo nehmen Sie nur alle diese vielen Stoffe her?", erläuterte er in den Presseinformationen zum seinem zweiten Kinofilm.

Das Rezept ist einfach: Man vergesse alles, was man je an Theaterstücken, Filmen, Romanen gesehen oder gelesen hat. Man beobachte das Leben um einen herum so, als sei man soeben vom Mars eingetroffen, um Sitten und Gewohnheiten der Eingeborenen dieses Planeten zu studieren. Und schon hat man Stoffe in ungeheurer Zahl. Komische und tragische, und mehr noch tragikomische. Und daraus macht man dann eben einfach ein Hörspiel oder ein Drehbuch.

Einfach?! So spricht natürlich kein Marsianer, sondern ein souveräner Autor als Medienhandwerker. Seiner Fähigkeit, die Dinge des Alltags als Stoff zu erkennen und diesen in beliebige Formen und (Serien-)Formate zu verwandeln, ging eine lange Zeit voraus, in der er überwiegend "für den Papierkorb" schrieb.

Das Drama in Tabellenform

In einem Interview mit sich selbst lässt er den Leser wissen:Jahrelang hat er sich mit dramaturgischen Problemen beschäftigt. Das Ergebnis waren eigene dramaturgische Tabellen und ein dramaturgischer Rechenschieber, der alle Situationen und ihre Varianten nebst allen Entwicklungs- und Abwandlungsmöglichkeiten numeriert enthielt.
Damit kam er sogar Altmeister Schiller auf die Schliche, der in seinen Schriften 37 dramatische Situationen aufzählt. Genau betrachtet schrumpfen sie auf fünf zusammen, die übrigen 32 sind bereits Untergruppen. Zwei Billionen Varianten dramatischer Ausgangssituationen, erinnert sich Wolf Schmidt heute, konnte er auf diese Weise damals errechnen. […] Tabellen und Rechenschieber sind übrigens längst auf dem Boden verschwunden. Denn, so meint Wolf Schmidt, wenn man sich das einmal erarbeitet hat, muß man es möglichst schnell wieder vergessen. Im "Unterbewußtsein" bleibt es doch und kontrolliert unbemerkt, was man aus der Beobachtung dessen, was stündlich um einen herum passiert, an Stoff gewinnt.

Wolf Schmidt hinter der Schreibmaschine


Wolf Schmidts schriftstellerisches Lebenswerk fiel in unterschiedliche Phasen eines radikalen Medienwandels. Die konsequente Ausrichtung seiner Arbeit auf das jeweils reichweitenstärkste Massenmedium (Radio 1948-1954, Film 1954-1957; Fernsehen 1958-1967) macht ihn zu einer Schlüsselfigur der westdeutschen Unterhaltungslandschaft und spricht auch für seine ökonomische Rationalität, die seinem Werk Breitenwirkung verschaffte.

Er tritt als Akteur, Chronist und Kommentator seiner Zeit auf und liefert mit seinem Werk einen Einblick in die Kulturgeschichte der Massenmedien des 20. Jahrhunderts: Presse, Buch, Rundfunk, Film und Fernsehen.

Abseits aller Analysen bleiben eine Magie seines Werks, seiner Figuren und Geschichten, die ihn als Autor und Babba Hesselbach bis heute so populär macht.


Kai S. Knörr ist Dozent an der Potsdamer Universität, Institut für Medien und Künste.



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2013-01-01

Die Filme

Wiesbaden - Hollywood - und zurück

von Kai S. Knörr


Wolf Schmidts erster Spielfilm war "Die Familie Hesselbach" (1954). Er sorgte in Hessen und Südwestdeutschland für Zuschauerrekorde, Schmidts Konzept multimedialer Mehrfachverwertung war aufgegangen: Die Familie Hesselbach war laut Union-Film-Verleih "Ein Funkschlager, ein Buchschlager und jetzt ein Filmschlager".

Im Gesamtwerk von Wolf Schmidt mögen sie etwas bizarr anmuten, die fünf Kinofilme aus den Jahren 1954-1957, von denen vier eine Hesselbach-Serie bilden. Vor allem, wenn man die späteren Fernseh-Hesselbachs vor Augen hat. Wolf Schmidt hatte in den 50er Jahren zweifellos große und ernstzunehmende Ambitionen mit dem Spielfilm, und die Hesselbachs verhießen den Start in eine erfolgreiche Karriere als unabhängiger Filmemacher. Für die Medienwissenschaft sind sie interessant, weil sie ihr Entstehen einer eigens entwickelten, äußerst unorthodoxen Produktionsweise im damals kaum begehbaren Grenzbereich zwischen Rundfunk, frühem Fernsehen und Filmindustrie verdanken.

Inspiration aus Wiesbaden

Erste Pläne muß es schon 1951 gegeben haben, denn Anfang Januar 1952 fragte das Wiesbadener Tagblatt beiläufig nach dem Stand eines Hesselbach-Spielfilmprojekts. Die dortige Presse war für Filmfragen sensibel, denn in Wiesbaden/Unter den Eichen wurde nach dem Krieg ein großer Studiokomplex inklusive Kopierwerk aufgebaut, in gewisser Weise als Kompensation für die „verlorengegangene“ Filmstadt Babelsberg. Auch die SPIO, der Dachverband der bundesdeutschen Filmwirtschaft, wurde damals in Wiesbaden gegründet und hat dort bis heute seinen Sitz. Die Wiesbadener Afifa-Studios repräsentierten in aller Dramatik medienpolitische Wellen: die letzte Hochphase des Kinos in den 50er Jahren, zugleich den erfolglosen Versuch, die Ufa als maßgeblichen Filmkonzern in Westdeutschland neu aufzubauen und schließlich die große Filmkrise, die die Übernahme der Studios durch das Fernsehen um 1960 zur Folge hatte.

Learning by doing - Die „Revue in Weiß“

Als an neuen Verbreitungskonzepten interessierter freier Autor beobachtete Wolf Schmidt die Entwicklungen bei Film und Fernsehen genau. Eine erste Innenansicht von den Arbeitsweisen der Filmbranche konnte er 1952 als Darsteller in einer höchst kuriosen Produktion gewinnen: Frauen, Filme, Fernsehfunk, gedreht in Wiesbaden und Berlin-Tempelhof. Es handelte sich um eine als 90-Minuten-Unterhaltungsfilm konzipierte Dauerwerbung für verschiedene Produkte der „Persilwerke“ - Untertitel: „Eine Revue in Weiß“. Ursprünglich als „leichter Film“ für den Einsatz in Kinomatineen gedacht, übernahmen ihn viele Kinobesitzer auch in ihr Abendprogramm. Die Werbebotschaft war offenbar subtil genug in die Spielhandlung verwoben, zudem kostete der Besuch des Films keinen Eintritt. Der Streifen war „2600 Meter lang und hat normale Produktionskosten verschlungen. Bekannte Schauspieler, prominenter Drehstab, 20 Drehtage“, berichtete eine Zeitung. „Ein Allerwelts-Erfinder, von Rudolf Platte dargestellt, verwechselt die Tür des Patentamts, in dem er ein neues Waschmittelrezept anmelden will, mit der Tür eines Fernseh-Studios und gerät versehentlich in die Hausfrauenstunde, wo Elena Luber vor der Kamera ‚richtiges Waschen‘ demonstriert“. Neben Wolf Schmidt dabei war übrigens auch Lotte Rausch, die zwei Jahre später in der ersten ARD-Fernsehserie die „Frau Schölermann“ spielen sollte.

Der Film ist deshalb so kurios, weil er etwas zeigt, was es in Deutschland damals schlicht nicht gab: Kommerzielle TV-Produktion.

In den USA hatte sich das Fernsehen ab 1940 Hand in Hand mit der Filmindustrie rasant entwickelt. Anfang der 50er Jahre hatten sich die großen Werbeinvestitionen bereits überwiegend vom Kino zum Fernsehen verlagert. Die Filmproduzenten arbeiteten auch für das Fernsehen, große Studios gründeten eigene Fernsehstationen. Ganz anders in Deutschland. Hier hielt sich das Interesse der Filmbranche für das gebührenfinanzierte Fernsehen sehr in Grenzen. Ende 1952 war gerade der tägliche Versuchsbetrieb gestartet, es gab noch kaum Zuschauer. Das Fernsehprogramm lebte damals ganz vom Live-Moment, war eher bebildertes Radio, Reportagemedium, und erfand sich erzählerisch im komplett eigenproduzierten Fernsehspiel. Die Filmwirtschaft boomte und ließ das Fernsehen links liegen. So kam es übrigens, daß der Regisseur von Frauen, Filme, Fernsehfunk die Szenen, die in einem Fernsehstudio spielten, skurrilerweise komplett ohne Fernsehequipment, dafür aber mit immens aufwendiger Filmtechnik einer vierfachen Rückprojektion drehte, um die Illusion der für Fernsehstudios typischen, simultanen Bilder zu erzeugen.

Recherchen in Amerika

Wolf Schmidt dürfte diese Erfahrung vor Augen geführt haben, daß sein eigenes Filmprojekt unter den branchentypischen Produktionsbedingungen nicht zu finanzieren war. Vielmehr schien es auf der Hand zu liegen, daß ein Film über die Rundfunkfamilie Hesselbach auch aus dem Kontext des Mediums entwickelt werden mußte. Während seiner sechswöchigen USA-Reise im Sommer 1953 wurde Wolf Schmidt nicht nur die Ehre der Ehrenbürgerschaft von New Orleans zuteil, er nahm als Vertreter des deutschen Rundfunks auch die Möglichkeit wahr, sich intensiv über die Entwicklung des Fernsehens zu informieren, indem er mit bedeutenden Vertretern der Film- und Fernsehbranche zusammenkam und die äußerst vielfältige Kultur der Radio- und TV-Serials kennenlernte. Am Ende der Reise stand für Wolf Schmidt die Vision internationaler Fernsehfilmkooperationen, bei denen er sich bereits als Programmlieferant für amerikanische Fernsehstationen sah.

Außerdem – und für die Produktionsgeschichte der Hesselbach-Kinofilme bedeutend – lernte er das Play-Back-Verfahren kennen, durch das die Einsparung eines teuren Synchronstudios ermöglicht wurde. Dieser technische Kniff ermöglichte eine Finanzierung der Filme im "Low-Budget"-Stil.

Die Playback Produktionstechnik

Ein dem Drehbuch beigelegtes Merkblatt erläuterte den Aufbau und die besondere Produktionsweise der Filmaufnahmen:
Da der Film im Play-back-Verfahren hergestellt wird, ist es nicht erforderlich, dass die Darsteller ihren Text vollständig auswendig lernen. Sie sollen ihn nur so beherrschen, dass sie beim Hereinspielen des Tons absolut mundsynchron sprechen können. Für die kürzeren Einstellungen genügt daher das einmalige Proben vor der Bildaufnahme. Dagegen müssten lange und schnelle Sätze in größeren Einstellungen unbedingt auswendig gelernt werden. Dies gilt vor allem auch für derartige Sätze in Außenaufnahmen, bei denen teilweise Einstellungen zusammengezogen und mit Fahreffekt abgedreht werden."

Vom Funktionieren des Playback-Verfahrens hing das technischökonomische Konzept des ganzen Projekts ab. Originaltonaufnahmen am Drehort gab es keine, so konnte Schmidt auf die teure Anmietung eines akustisch geeigneten Studios verzichten.

Damit wurde die Nutzung eines normalen Wohnhauses für die Innenaufnahmen möglich.
Obwohl es sich um einen geräumigen Altbau handelte, wären die Räume für den Einsatz der Tonangel mit Sicherheit zu eng gewesen. "Quo Vadis kann ich natürlich nicht hier am Taubenrain drehen", ließ Schmidt einen Reporter der Frankfurter Nachtausgabe kurz vor Abschluss der Dreharbeiten süffisant wissen.

Das Drehen ohne Original-Tonaufnahme hatte wesentliche Auswirkungen auf die praktische Arbeit am Set: Der Aktionsradius der Kameraleute war größer, weil das Surren der Kamera nicht, wie sonst üblich, durch allerlei Technik gedämpft werden brauchte.
Für die Darsteller war die Arbeit allerdings wesentlich anstrengender: Sie mussten versuchen, den vom Tontechniker vom Band abgespielten Text synchron mitzusprechen, was normalerweise nur bei Musikeinlagen mit Gesang üblich war. Der Techniker hatte dabei auf seiner, auf einem Teewagen platzierten, Bandmaschine möglichst schnell die jeweiligen voreingespielten Stellen auf dem Band zu finden und über Lautsprecher abzuspielen, wenn Schmidt das Kommando "Playback ab!" gab.

Diese Arbeitsweise führte dazu, dass an einigen Stellen der Filmaufnahmen deutlich zu spüren ist, wie sehr sich die Darsteller auf das Timing konzentrierten, wodurch dann nicht selten die eigentliche schauspielerische Präsenz litt.

Die Kinofilme gehen in Serie

Ein Jahr nach Fertigstellung des Films berichtete DER SPIEGEL einer umfangreichen Reportage über den Serienautor Schmidt anerkennend, dass noch immer 49 Kopien in den Kinos im Einsatz seien.

Nun ging es um ein neues Experiment: Schmidt wollte trotz der Vorbehalte der Filmwirtschaft beweisen, dass in Deutschland auch eine Filmserie Erfolg haben kann. Im Sommer 1955 begannen die Dreharbeiten zu Familie Hesselbach im Urlaub und Das Horoskop der Familie Hesselbach, die als Doppelproduktion in in seinem Domizil in Hagnau am Bodensee und Friedberg innerhalb von zwei Monaten fertig gestellt wurden.

Premiere des Urlaubsfilmes war am 30. September 1955, das Horoskop lief am 6. Januar 1956 an.

Wolf Schmidt hatte sich im Filmgeschäft eingerichtet und im April 1955 die Wolf-Schmidt-Film GmbH mit Sitz in Friedberg gegründet. Wie seine Figur des Vater Hesselbach war er nun Chef "einer kleinen hessischen Firma", deren "Alltagschronik" er in einer 18teiligen Rundfunkserie beim Hessischen Rundfunk und beim Süddeutschen Rundfunk von 1954 bis 1956 geschrieben hatte.

Die Hesselbach-Filmserie folgte diesem Konzept mit dem Film Herr Hesselbach und die Firma (1956).

Der letzte Film der 'Linie Hesselbach' wurde insgesamt sehr verhalten aufgenommen und auch die Redaktion der Film-Blätter kam letztlich nur zu dem müden Fazit: "Ganz passabel, aber billig, billig, billig gedreht!"

Doch Wolf Schmidt dachte nicht daran, aufzugeben und begab sich mit dem Film Der ideale Untermieter (1957) auf ein völlig neues Terrain.

Der Robo-Flop

Zum Beweis, dass die Vermassung und Verdummung der Menschheit fortschreite, hat Dr. Scholz einen Roboter gebaut, der den Wortschatz des Durchschnittsmenschen auf Tonband in seinem Inneren birgt und damit jede Unterhaltung führen kann.
Das von Schmidt als satirisch-groteske Geschichte angelegte Drehbuch war eine Mischung aus Hesselbach, Liebesgeschichte, Agenten- und Science-Fiction-Film, bei dem ein Roboter menschliche Züge entwickelt.

Das Manuskript wurde ins Englische übersetzt. Mit dem in Deutschland aktiven Verleih der United Artists war ein Vertrag zustande gekommen, der Schmidts Vorstellung einer deutsch-amerikanischen Filmkooperation entsprach.

Auch in diesem Fall wurde der Film nicht nachsynchronisiert: Alle Szenen wurden mit der Originalbesetzung in beiden Versionen gedreht. Bei den Voraufnahmen für das Playback hatten allerdings nur die Hauptdarsteller beide Dialogfassungen im Tonstudio zu sprechen, die Nebendarsteller wurden von Native Speakers übernommen.

The Ideal Lodger, die englische Fassung des Films ist im Bundesarchiv/Filmarchiv überliefert und ist ein skurriles Zeugnis, wie Wolf Schmidt mit seinem "modern fairy-tale, filmed in Europe" den amerikanischen (Fernseh-) Zuschauer zu erreichen beabsichtigte.

Was ihm nie gelang. Denn der Film floppte und sorgte dafür, dass Wolf Schmidt sich aus dem Filmgeschäft zurückzog.

Ein selbstironischer Blick zurück

1959 holte ihn der Hessische Rundfunk zurück. Die Hesselbachs kamen in Fernsehen. Zehn Jahre nach den Erfolgen seiner Kinofilme inszenierte er sich noch einmal selbstironisch als Filmemacher: In der Startfolge der letzten Hesselbach-Fernsehserie bekommt Vater Hesselbach, der sich inzwischen als Stadtrat der Kommunalpolitik zugewandt hat, den Auftrag, einen Imagefilm für den Magistrat zu machen. Und hier konnte Schmidt nun noch einmal genüsslich den eigenen Dilettantismus seiner Filmexperimente und den der kleinen Produzenten aufs Korn nehmen.



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