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2013-06-30

Die Familie Hesselbach im Radio

Für die meisten sind die Hesselbachs heute eine Nostalgie-Serie im Fernsehen. Ein hessischer Kult in Schwarzweiß - Sechzigerjahre - Wirtschaftswunder. Doch die Originalfamilie war ein Straßenfeger im Radio - in der kargen Nachkriegszeit und den Fünfzigerjahren - mit einer entsprechenden Werteskala. Es herrschte eine völlig andere Atmosphäre (sowohl im technischen als auch im gesellschaftlichen Sinn) und deshalb sind eigentlich die Hörfunk- und die Fernsehfamilie ganz unterschiedliche Familien. Radioapparat der 1950er JahreFür den Autor Wolf Schmidt bot die Fernsehreihe zwar die Möglichkeit, bereits umgesetzte Stoffe neu - und pointierter - zu realisieren, was in vielen Fällen sehr gut funktionierte. Unter den Hesselbach-Kennern gibt es jedoch auch solche, die der Radioserie den Vorzug geben.

Es sind nicht mehr alle Radiofolgen vorhanden, und die verbleibenden wurden - im Gegensatz zur Fernsehreihe - im hr praktisch nicht mehr wiederholt. Es ist also recht wenig bekannt über die Radio-Hesselbachs. Umso erfreulicher, dass Sabine Hock sich mit diesen "vergessenen" Hesselbachs befasst hat und dabei so einige Besonderheiten herausbekam.

Michael

Übersicht


Familie Hesselbach im Hörfunk


Die Radiofamilie Hesselbach

von Sabine Hock


Am 17. September 1949 stellte sich die Familie Hesselbach vor: „Hesselbachs ihrn Hausschlüssel“ hieß die allererste Folge der Serie, die an jenem Samstagnachmittag im Radioprogramm des Hessischen Rundfunks lief. Die Sendung war eine Live-Aufzeichnung von einem der beliebten „Bunten Nachmittage im Funk“, bei dem sich die Urfamilie vor Publikum am Mittagstisch versammelt und ihre erste Episode aus dem Alltagsleben gespielt hatte. Bei diesem „Probelauf“ sollte getestet werden, wie die Hesselbachs bei den Hörern ankommen würden. Noch war die Stammfamilie nicht gefunden. Die Herren Hesselbach standen zwar von Anfang an fest. Wolf Schmidt, der Autor und geistige Vater der Hesselbachs, spielte die Rolle des leiblichen Babbas selbst. Dieser Karl Hesselbach, „Prokurist einer angesehenen Firma“, wie er bei jeder passenden und auch nicht passenden Gelegenheit betont, ist unbestritten das Oberhaupt der Familie. Den 17-jährigen Sohn Willi sprach von Anfang an der junge Schauspieler Joost-Jürgen Siedhoff. Aber bei den Frauen der Familie, vor allem im Falle der 20-jährigen Tochter, gab es offenbar Besetzungsschwierigkeiten. Zunächst übernahm daher Anny Hannewald, eine beliebte Volksschauspielerin von den Städtischen Bühnen in Frankfurt, den Part der Mamma, obwohl sie mit 67 Jahren eigentlich zu alt dafür war. Auch die 38-jährige Lia Wöhr als Tochter Anneliese war in der ersten Folge ganz und gar nicht alters- und typgerecht besetzt.

Lia Wöhr

Die Probesendung ging nichtsdestotrotz erfolgreich über die Bühne und den Sender. Die Hesselbachs wurden in Serie produziert, ab der zweiten Folge im Studio und in der perfekten Besetzung: Nachdem für die Tochter Sofie Engelke gefunden war, avancierte Lia Wöhr zur Mamma „Marieche“ Hesselbach, zum Urbild der hessischen Mutter in den Medien, das sie übrigens deutlich anders anlegt als später Liesel Christ in der Fernsehfassung. Die Radio-Mamma ist eine Frau, die durchaus in der Lage ist, ihren Mann zu stehen – was sie in den Kriegsjahren, als ihr Karl an der Front stand und sie sich und ihre Kinder allein durchbringen musste, bewiesen hat. Geblieben ist ihr eine gewisse Couragiertheit, die sie auch in den andauernden Streitigkeiten mit ihrem Mann an den Tag legt. Letztlich geht aus diesen Wortgefechten zwar meist der Babba als Sieger hervor. Wenn sich Mamma jedoch gar nicht mit den Gegebenheiten abfinden kann, hat auch sie ihre Mittel und Wege, um ihren Willen durchzusetzen: Sie bekommt in solchen Fällen einfach einen Herzanfall. Der Schlachtruf „Kall, mei Drobbe!“, der heute im Hessischen sogar redensartlich geworden ist, dürfte somit von Lia Wöhr als Radio-Mamma Hesselbach kreiert worden sein. Liesel Christ, der Fernseh-Mamma, der diese Worte gern unterstellt werden, hat sie in der Serie nie gesagt.

Hessische Identität

Auf die Idee des Autors Wolf Schmidt für eine Familienserie im Radio hatte der Frankfurter Sender zunächst zumindest skeptisch, wenn nicht gar ablehnend reagiert. Schmidt hatte seine Serie daher zuerst (ab 1948) als „Die Familie Staudenmaier“ bei Radio Stuttgart angebracht. Dass die Familie Hesselbach beim neu konstituierten Hessischen Rundfunk (hr) fast ein Jahr später doch in Serie gehen durfte, lag an dem identitätsstiftenden Auftrag des jungen Senders. Der Frankfurter Sender, als „Südwestdeutscher Rundfunk“ 1924 gegründet, hatte seinen Sendebetrieb bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, noch im Sommer 1945, als „Radio Frankfurt“ unter alliierter Kontrolle wiederaufnehmen können (siehe hierzu auch Grußwort des hr-Intendanten). Aus „Radio Frankfurt“ war dann der Hessische Rundfunk hervorgegangen, der am 2. Oktober 1948 als öffentlich-rechtliche Sendeanstalt errichtet und am 28. Januar 1949 aus der alliierten Kontrolle entlassen wurde.

Das Sendegebiet entsprach dem Territorium des – erst durch die amerikanische Besatzungsmacht geschaffenen – Bundeslands Hessen, und der hr sollte dazu beitragen, dass sich bei den Hörern dieses Gebiets ein hessisches Bewusstsein entwickelte. In diesem Sinne sollten auch die Hesselbachs wirken, die nicht nur eine Alltagschronik einer typischen hessischen Familie lieferten, sondern auch „hessisch“ sprachen. Durch die Sendeform der Serie wurde zugleich eine Bindung der Hörer an den Sender und somit indirekt auch an ihr Bundesland erreicht. Dass die Hesselbachs ihre Heimat Frankfurt nicht verleugnen konnten und eher in einer südhessischen Regionalsprache „babbelten“, erschwerte allerdings die Identifikation für die nordhessischen Hörer. Immerhin stießen Mamma und Babba ganz am Ende ihres Medienlebens 1967 bis ins oberhessische Schlitz vor, aber bis Kassel kamen sie nicht. An der verzögerten Integration Nordhessens dürften also die Hesselbachs nicht ganz unschuldig sein. Sie trugen dazu bei, dass oft Hessen mit dem Rhein-Main-Gebiet und Hessisch mit Südhessisch assoziiert und gleichgesetzt wurden – und noch werden.

Probenszene


Straßenfeger im Radio

Schon zu ihren Radiozeiten war „Die Familie Hesselbach“ ein echter Straßenfeger, wenn auch noch – anders als in ihrer späteren Fernsehzukunft – durch das Sendegebiet regional begrenzt. Die Episoden aus dem Alltag der hessischen Familie, die seit dem Serienstart im Herbst 1949 mindestens einmal monatlich (außer in der Sommerpause) auf dem Programm standen, erzielten Spitzen-Einschaltquoten von 75 % und mehr in Hessen. Bis zum Frühjahr 1953 liefen 47 Folgen der „Familie Hesselbach“ im Radio. Danach wollte sich der „Vater“ (im doppelten Sinne) in den Ruhestand verabschieden. Auf massiven Druck der Hörer wurde die Serie doch fortgesetzt, zunächst mit einer Staffel „Prokurist a. D. Hesselbach – Büro für Lebensberatung“ in zwölf Folgen 1953/54, dann mit der Anschlussserie „Hesselbach GmbH“ in 18 Folgen 1954-56. Mit dem „Konkurs“ der Firma am 11. März 1956 verabschiedeten sich die Hesselbachs nach insgesamt 77 Folgen endgültig von den Radiohörern.

Bis heute ist die Radioserie ein Hörgenuss. Als das Erfolgsgeheimnis der Hesselbachs wird immer wieder die Qualität der Dialoge in ihrer absurden Realitätsnähe angesehen, die durch die brillante Authentizität der Sprecher, ja selbst der kleinsten Stimmcharge unterstützt wird. Überraschenderweise erinnerten sich viele zeitgenössische Hörer, vor allem der jüngeren Generation, an eine ganz andere Faszination, die das Leben der Radiofamilie auf sie ausübte. Sie erzählten, wie sie als Kinder oder Jugendliche in der Nachkriegszeit voller Bewunderung und auch Neid vor dem Radio saßen – weil es den Hesselbachs so gut ging. Während sie selbst zu viert und mehr in einem einzigen Zimmer beengt hausen mussten, hatten die Hesselbachs eine eigene Vier-Zimmer-Wohnung, also eigentlich ein Zimmer für jedes der vier Familienmitglieder! Gerade in Frankfurt, wo die Hesselbachs der Radioserie offenbar lebten, war die Wohnungsnot nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs noch bis in die Sechzigerjahre hinein eines der drängendsten Probleme.

Radiorealitäten

Den Hesselbachs geht es besser als vielen, wenn nicht gar den meisten deutschen Familien in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die vierköpfige Familie lebt in einer größeren hessischen Stadt, die namentlich nicht genannt wird, aber leicht als Frankfurt erkennbar ist. Sie hat eine Vier-Zimmer-Wohnung (mit einem Elternschlafzimmer, einem Wohnzimmer, Annelieses Zimmer und Willis – wenn auch kleiner – Kammer) gemietet, die mit ihren Vorkriegsmöbeln eingerichtet ist. Dennoch bricht auch in dieses kleinbürgerliche Idyll immer wieder die Realität des Alltags in der unmittelbaren Nachkriegszeit herein, die für die Hörfunkfolgen der Hesselbachserie prägend ist. Schon in der allerersten Szene am Mittagstisch sind die schlechten Zeit in einer Diskussion um das Essen präsent: Es entfacht sich ein Streit um die Eier in der Grünen Soße, nach denen Willi und Babba „fischen“ – was aus heutiger Sicher eher harmlos komisch wirkt, damals aber den ganz handfesten Hintergrund hatte, dass Eier oder gar Fleisch aus Kostengründen nur relativ knapp und selten auf den Tisch kamen.

Auch das Glück der eigenen vier Wände können die Hesselbachs in Zeiten der Zwangsbewirtschaftung von Wohnraum nicht immer unangefochten genießen. So wird ihnen zu Weihnachten 1949 kurzfristig eine Vertriebenenfamilie einquartiert. Die Hesselbachs nehmen diesen Umstand schon wegen der damit verbundenen Ungelegenheiten zunächst sehr übel auf und kommentieren das Ereignis in einer ihrer üblichen Debatten mit den gängigen Vorurteilen, bis sie die einquartierte Familie mit zwei kleinen Kindern näher kennenlernen, angesichts von deren Not doch mitleidig gestimmt werden und helfend eingreifen. Diese Hesselbach-Episode ist jedoch mehr als ein Plädoyer für die Nächstenliebe und damit eine echte Weihnachtsgeschichte. Sie ist ein offener Appell für die Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen. Damit erfüllt sie den erzieherischen Anspruch der Alliierten an das Medium Radio in dem neu geschaffenen demokratischen Staat der Bundesrepublik Deutschland, der auch und gerade für Unterhaltungssendungen galt.

Offenbar hielten die Rundfunkverantwortlichen die Weihnachtssendungen für besonders geeignet, auf Versöhnungen aller Art hinzuwirken. In einer späteren Weihnachtsgeschichte der Hesselbachs löst ein „Weihnachtsgast“ aus Frankreich, gesprochen von dem damals schon beliebten Schauspieler und Moderator Hans-Joachim Kulenkampff, bei Hesselbachs die Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit und die Versöhnung mit Frankreich aus (1951).


Die klassische Vaterfigur im Wandel

Ziemlich zeitgleich mit dem neuen Staat der Bundesrepublik Deutschland starteten die Hesselbachs in ihre Geschichte. Sie repräsentierten eine typisch (west)deutsche Kleinfamilie. Dank der wirtschaftlichen Position des Vaters, eines mittleren Angestellten, ist zunächst das kleinbürgerliche Milieu gewahrt. Der Babba ist anfangs noch ganz als traditioneller Familienpatriarch angelegt, dessen uneingeschränkte Autorität vor allem von Mamma den Kindern gegenüber vertreten wird. „Der Babba ist ein solider Mann“ (und immer vor zehn Uhr daheim), sagt Mamma in der allerersten Hörfolge, weshalb er niemals den Hausschlüssel brauche – was der Gepriesene dann höchstselbst konterkariert, indem er keinen Augenblick später in Hut und Mantel auftritt und den Hausschlüssel fordert. Überhaupt ist es oft Babba selbst, der durch sein teils kleinbürgerliches, teils stures Verhalten seine Vormachtstellung bei seiner Familie ebenso wie bei den Hörern ins Wanken bringt.

Im Regieraum beim Hessischen Rundfunk


Im Lauf der Serie öffnete sich der Vater zunehmend der Nachkriegswelt, deren Wandel er nun mit Neugier, Toleranz und Pragmatismus begegnete. Die humanistische Bildung, die er offenbar genossen hat, nützte ihm anfangs wenig: Auch wenn er nächtliches Hundegebell metrisch zu analysieren vermochte, so verhalf ihm das nicht zu äußerer und innerer Ruhe. Erst im Laufe der Serie entwickelte dieser Karl Hesselbach aufgrund seiner humanistischen Grundhaltung eine gewisse Souveränität. Allmählich wurde er zum Verfechter einer Alltagsphilosophie des gesunden Menschenverstands, der vielen seiner Zeitgenossen, seinem Publikum, aus dem Herzen sprach. Diese Entwicklung der Babba-Rolle schlug sich bereits in der Handlung der Hörfunkfolgen ganz direkt nieder, als die „Familie Hesselbach“ 1953 ihren Abschied nahm und Vater Hesselbach kurz darauf ein „Büro für Lebensberatung“ eröffnete. In der Fernsehserie hat der Vater das Kleinbürgerliche endgültig abgeschüttelt; nun war er Chef eines mittelständischen Druckereibetriebs und Verleger der regionalen Wochenzeitung „Weltschau am Sonntag“ und durfte als solcher frei über alle möglichen Fragen des Lebens monologisieren.

Probenszene


Dramaturgische Kniffe im Familienleben

Die beiden Hesselbach-Kinder, Tochter Anneliese und Sohn Willi, anfangs 20 und 17 Jahre alt, wurden im Laufe der Serie erwachsen. Anneliese, die als Büroangestellte in einem Modesalon arbeitet und dadurch zum Familieneinkommen beiträgt, fügt sich meist in die Rolle der braven Tochter und tritt, im Gegensatz zu ihrem eher „leichtsinnigen“ jüngeren Bruder, sehr „vernünftig“ auf. Gleich in der allerersten Folge muckt sie allerdings doch einmal auf, als Mamma sie abends nicht fortgehen lassen will: „Du warst erst vorig Woch im Kino!“ Die komische Übertreibung birgt auch hier ein Körnchen Wahrheit. Selbstverständlich waren bei Hesselbachs die gutbürgerlichen Gebote von Sitte und Anstand einzuhalten. Dementsprechend durften Jugendliche nicht so oft ausgehen, und wenn es ihnen einmal gestattet wurde, so mussten sie beizeiten wieder daheim sein, damit nicht der Eindruck entstünde, sie würden sich „herumtreiben“. Selbst wenn Anneliese schon 21 und damit nach damaligem Recht volljährig gewesen wäre, hätte sie wohl kaum mehr Freiheit genossen. Insbesondere junge Mädchen mussten schließlich auf ihren guten Ruf achten. Viele verlobten und heirateten auch deshalb so früh, um dadurch eine gewisse Unabhängigkeit (von den Eltern) zu erlangen.

Auch Hesselbachs Tochter verlobt sich schon in der 9. Radiofolge, was dem Autor Wolf Schmidt die Gelegenheit gab, die familiären Folgen des Frauenüberschusses in der Nachkriegszeit in Szene zu setzen. Allzu schnell durfte Anneliese ihren Hans jedoch nicht heiraten. Denn noch brauchte der Autor die Tochter als Figur in seinen Familiengeschichten. Deshalb wurde der Bräutigam erst einmal zu einem Auslandsaufenthalt nach Frankreich geschickt, wo er sich nicht nur beruflich bewähren, sondern auch finanziell verbessern sollte. Anneliese bleibt solange bei den Eltern wohnen und weiterhin berufstätig, um ebenfalls für ihren späteren Hausstand sparen zu können. Hansens Frankreichaufenthalt brachte zugleich Stoff für neue Geschichten, in denen es um Liebeskummer und Eifersucht geht.

Erst nach fast dreijähriger „Verlobungszeit“, in der 42. Folge vom 1. Februar 1953, heiratet Anneliese endlich ihren Hans. Die Eltern Hesselbach, die inzwischen nicht vom allgemeinen Wirtschaftswunder ausgeschlossen blieben, können sich nun zusammen mit dem jungen Ehepaar ein eigenes Häuschen leisten („Das Häuschen“, 46. Folge vom 26.4.1953). Als Anneliese schließlich Zwillinge erwartet, gibt Babba sogar seine geliebte Stellung als „Prokurist einer angesehenen Firma“ auf und lässt sich pensionieren, um sich künftig ganz seinem neuen „Beruf“ als Großvater widmen zu können („Der neue Beruf“, 47. Folge vom 10.5.1953). Damit, so wollte es der Autor Wolf Schmidt, sollte die Geschichte der Familie Hesselbach eigentlich enden. Die FAZ berichtete am 1. Mai 1953 über seine neuen Pläne: Im Herbst erscheint dann eine neue Sendung, von der bisher nur der Arbeitstitel ‚Die kleine Stadt’ zu erfahren gewesen ist. Ehrlich gesagt, weiß Wolf Schmidt selbst noch nicht, was er in der neuen Sendung im einzelnen produzieren will. Nur die große Linie liegt fest: Alltagsgeschichten im bekannten ‚Exporthessisch’, die in diskreter Form einen kleinen Schuß Moral enthalten.
Auf vielfachen Hörerwunsch griff Wolf Schmidt dann doch wieder auf die Hesselbachs zurück. Möglicherweise hat er einfach das Personal aus der alten in die bereits grob geplante neue Serie verpflanzt. Schon wenige Monate später, ab dem 25. Oktober 1953, ging es jedenfalls mit einer neuen Staffel weiter, die den Titel trug: „Prokurist a. D. Hesselbach – Büro für Lebensberatung“. Darin betätigt sich Babba, den sein neuer Beruf als Großvater doch nicht ausfüllte, als „Lebensberater“, der – ähnlich wie ein Briefkastenonkel in den Illustrierten – seinen Mitmenschen bei allen möglichen Problemen des alltäglichen Lebens (von Nachbarschaftsstreitigkeiten bis zu Ehekrächen) mit Rat und Tat zur Seite steht. Aber schon nach zwölf Folgen 1953/54 hatten sich die Stoffe dafür erschöpft.

Personalfragen

Sofie Engelke und Wolf Schmidt

Zur weiteren Fortsetzung der Serie in einer dritten Staffel musste der Serienschreiber Wolf Schmidt mehr als einen kühnen Griff tun. Zunächst sorgte er für neue Stoffe, indem er die „Hesselbach GmbH“ gründete und den Babba ins Berufsleben zurückschickte („Die neue Firma“, 60./1. Folge vom 28.11.1954). Dieser Schritt wurde den Hörern mit der Begründung „verkauft“, dass Babba eigentlich noch viel zu jung und zu fit fürs bloße Rentnerdasein sei, sich deshalb eine neue Aufgabe gesucht und eine eigene Firma (eine Verlagsdruckerei, die auch eine eigene Wochenzeitung herausgibt) erworben habe.

Um das richtige Personal für seine Firma zu kriegen, musste sich Schmidt aber noch viel mehr einfallen lassen. Zunächst musste er die Tochter Anneliese loswerden. Sie wird mit ihrer Familie einfach nach Frankreich geschickt, wo Hans seine Karriere als Ingenieur fortsetzt. Und dadurch wird es dem vitalen Babba natürlich noch langweiliger, weil er seinen „neuen Beruf“ als Großvater gar nicht mehr ausüben kann. Der eigentliche Grund für den Ausstieg der Tochter war aber ein ganz „serienpraktischer“: Die Sprecherin der Anneliese, die Schauspielerin Sofie Engelke, wurde für die Rolle der Firmenangestellten Frieda Lahrmann gebraucht, zumal nur ein eingeschränktes Kontingent an Sprechern, die des Hessischen mächtig waren, zur Verfügung stand.

Umso lieber wollte Schmidt den Sohn Willi zurückholen, da er als Juniorchef und Prokurist zahlreiche Handlungsmöglichkeiten mitbringen würde. Willi Hesselbach, der bei Serienbeginn noch als hessischer Halbstarker die „Maschinebauschul“ besucht hatte, war inzwischen mit seiner jungen Frau Angelika nach Stuttgart gezogen, um dort Karriere zu machen. Den Willi heim in die väterliche Firma zu locken, war für einen Serienprofi wie Wolf Schmidt kein Problem, zumal Willis Sprecher, Joost-Jürgen Siedhoff, gerne wieder zu den Hesselbachs kommen wollte. Doch für Willis Frau war kein Platz im Betrieb; ihre Sprecherin, die Schauspielerin Irene Marhold, wurde dringender für die Rolle der kleinen Angestellten Fräulein Pinella gebraucht.


Schmidt, Marhold, Engelke


Kurzerhand musste Willi sich scheiden lassen. Ohnehin hatte es in seiner Ehe schon länger gekriselt, was seinem Vater in der vorangegangenen Serienstaffel ausreichend Stoff zur Lebensberatung in der eigenen Familie geliefert hatte. Das Erstaunliche daran ist natürlich nicht, dass es die Ehescheidung auch in den prüden Fünfzigern schon gab, sondern dass die Ehescheidung in einer unterhaltenden Familienserie im Radio thematisiert wurde. Die Hörer mussten einfach schlucken, dass bei Hesselbachs nicht nur geheiratet, sondern auch geschieden wurde. Allerdings wäre es ein Unding gewesen, wenn Willi, was nach damaligem Recht noch möglich gewesen wäre, „schuldig“ geschieden worden wäre. Ausdrücklich gibt Willi selbst keinem der Beteiligten die Schuld („Wir haben eben viel zu jung geheirat!“), obwohl er – ganz großzügiger Verlierer – erwähnt, dass seine geschiedene Frau sich anderweitig verheiraten will. So kann er als strahlender hessischer Held in die Serie zurückkehren. Seine Beliebtheit bei den Hörern blieb ungebrochen; vielmehr werden vor allem manche Hörerinnen sogar Mitleid mit dem sympathischen Hesselbach jr. gehabt und ihm eine neue, bessere Liebesbeziehung von Herzen gegönnt haben.

Tatsächlich findet Willi in der neuen Firma bald die Richtige, seine Sekretärin Helga Schneider (Julia Costa), die er aber natürlich erst nach allerhand serientypischen Verwicklungen, wie sie zu jener Zeit wiederum nur ein unverheirateter Prokurist provozieren kann, „kriegt“. Nach zehn Folgen stieg Joost-Jürgen Siedhoff, wie später in der Fernsehfassung auch, aus der Firmengeschichte aus. Seinen Job als Prokurist überließ er einem Herrn Daisendorf, gesprochen von dem Schauspieler Otto Stern, der dann in der Fernsehfirma als Herr Zimmermann die Setzerei leitete.


Familienbild


Vom Radio ins Fernsehen

Am 11. März 1956 lief die 77. und letzte Folge der Hesselbachs im Radio. Damals war es nicht unüblich, erfolgserprobte Sendungen aus dem Hörfunk in das Fernsehen zu übernehmen. Unter dem Intendanten Eberhard Beckmann, der an der Gründung der ARD (1950) maßgeblich beteiligt war und die Entwicklung des Fernsehens in Deutschland entscheidend förderte, hatte sich auch der Hessische Rundfunk verstärkt diesem neuen Medium zugewandt. Am 7. November 1953, ein halbes Jahr nach dem Anschluss des hessischen Sendegebiets an das Gemeinschaftsprogramm der westdeutschen Rundfunkanstalten, bestritt der Frankfurter Sender sein erstes vollständiges Abendprogramm im Deutschen Fernsehen. Im Mittelpunkt des Abends stand das Städtequiz „Wer gegen wen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff, das bereits aus dem Radio bekannt und beliebt war.

Den Sendeplatz der Familienserie im Fernsehen hielt seit 1954 jedoch die vom NWDR produzierte „Familie Schölermann“ besetzt. Da das Deutsche Fernsehen noch bestrebt war, jegliche „Wiederholung“ zu vermeiden, fanden die Hesselbachs erst ein paar Jahre später ihren Weg auf den Bildschirm, wo sie zunächst auch nicht als Familie, sondern als Firma auftreten durften. Im Fernsehen ging es im Januar 1960 also eigentlich mit dem Schluss der Radioserie los. Ansonsten hat es alles, was die Hesselbachs nun bundesweit zum Kult machte, schon vorher im Radio gegeben, den röhrenden Hirschen ebenso wie das Dreckrändche an Mammas Milchdippche.

Dr. phil. Sabine Hock arbeitet als freie Autorin und Journalistin.
www.sabinehock.de



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2013-02-14

Hinter den Kulissen

Einblicke in die Fernsehdreharbeiten aus Darstellersicht

von Sabine Hock



Im Oktober 1959 begann der Hessische Rundfunk mit den Dreharbeiten für „Die Firma Hesselbach“. Bereits einige Monate zuvor hatten die Darsteller die Drehbücher für die anstehenden Folgen erhalten, damit sie ihren Text gründlich vorlernen konnten. Sonst hätte die angestrebte Schnelligkeit der Produktionsweise gar nicht durchgehalten werden können.

Auch hinter den Kulissen: Eine Familie

Drehbuchseite

„Krach haben wir in unserem Ensemble nie gehabt“, gab Wolf Schmidt der Frankfurter Rundschau zu Protokoll. Der Co-Regisseur Harald Schäfer und die „Mamma“ Liesel Christ bestätigten, dass die Dreharbeiten eher harmonisch abliefen und allenfalls die üblichen Verstimmtheiten wegen Lappalien vorkamen. Es ging also auch hinter der Kamera zu „wie im werklische Lebe“, so Christ in einem Interview: „Da gauzt mer sich an un versöhnt sich widder, un mei Fernseh-Kinner hawwe die gleiche Mucke wie mei eichene.“

Ernste Auseinandersetzungen zwischen Wolf Schmidt und Liesel Christ habe es während der gesamten Produktionszeit eigentlich nie gegeben, betonte Harald Schäfer später. Liesel Christ selbst lobte rückblickend ihre „großartige Zusammenarbeit“ mit Schmidt, die wohl auch darin begründet gewesen sei, dass sie und ihr Fernsehgatte „privat nichts miteinander zu tun hatten“. Aus der Erinnerung pries sie die insgesamt harmonische Atmosphäre, die Schmidt bei den Dreharbeiten zu schaffen verstanden habe: Es war nie eine Spannung im Studio, es ist Heiterkeit von ihm ausgegangen; er hat es gehaßt, wenn er es mit Menschen zu tun hatte, die penetrant waren. Er hat – bei aller Annehmlichkeit der Zusammenarbeit – eine große äußere und auch künstlerische Disziplin vermittelt; wer da nicht hineinpaßte, dessen Rolle war plötzlich gestrichen.
Andererseits baute Schmidt als Autor die Parts der Darsteller aus, die einmal ihre Qualitäten unter Beweis gestellt hatten. Dazu gehörte auch die Rolle der Mamma Hesselbach, die in den ersten „Firmen“-Folgen etwas hinter denen der Herren Hesselbach sen. und jun. zurückstehen musste.

Die langen Takes

Die in einer Einstellung abgedrehten Takes waren sehr lang, oft bis zu 20 Minuten, was nicht nur in Problemen mit der damals noch nicht so hoch entwickelten Schnitttechnik begründet lag. Die Länge der Takes war auch dramaturgisch gewollt, um dadurch die Handlung in einem Gesamtablauf zu fixieren und einen schauspielerischen Bogen zu erhalten.

War ein Take als Ganzes geglückt, wurden oftmals sogar kleine Versprecher in Kauf genommen, was das Geschehen nur noch authentischer erscheinen ließ. Gerade wegen des Abdrehens von langen Takes in kurzer Zeit empfand der Schauspieler Joost Siedhoff, der Darsteller des Sohnes und Prokuristen Willi Hesselbach, die Dreharbeiten als „sehr stressig“: „Da war jede Aufzeichnung eine kleine Premiere.“

Dreharbeiten


Auch Dieter Henkel, der als Sohn Peter später in die Serie einstieg, gab zu, dass trotz des insgesamt guten Arbeitsklimas nach einiger Zeit in der zweimonatigen Drehphase doch „ein gewisser Streß“ einsetzte: „Die Schauspieler wurden nervös und abgespannt – da hat Wolf Schmidt mit seinem Humor und seiner legeren Art den notwendigen Ausgleich geschaffen.“

Trotz oder gerade wegen des hohen Drucks konnte das Team Ende November 1959 die erste Produktionsstaffel mit vier Stunden „Verfrühung“ abschließen, wie der Sender stolz an die Presse meldete. Zugleich musste sich der Hessische Rundfunk für die gewählte Form der Vorproduktion einer Serie rechtfertigen, die damals noch nicht selbstverständlich war: Die „Schölermanns“, die erste deutsche Fernsehfamilie und direkte Vorgänger der Hesselbachs, waren weitgehend live ausgestrahlt worden. Der Frankfurter Sender erklärte nun, dass eine Aufzeichnung der „Hesselbachs“ wirklich „unumgänglich“ gewesen sei, „weil ein so vielköpfiges Team wegen der anderweitigen Verpflichtung seiner Mitglieder nicht über einen so langen Zeitraum zusammenzuhalten ist“.

Stress durch Doppelbelastung

Ohnehin hatten sich einige der Darsteller, vor allem die Schauspieler mit einem festen Engagement am Theater, für die Zeit der Dreharbeiten nicht völlig frei halten können. Liesel Christ zum Beispiel musste „nebenbei“ ihren Verpflichtungen am Stadttheater Mainz nachkommen, wie sie in einem Interview mit der Heilbronner Stimme beschrieb: Ich hatte jeden Morgen von 10 bis 12 Uhr Probe in Mainz. Punkt 12 Uhr verließ ich die Bühne, weil ich zum Zug mußte. Am Bahnhof in Frankfurt wartete ein Auto, mit dem ich ins Studio gebracht wurde, und um zwei Uhr begannen wir [dort] zu probieren. (...) Um sechs Uhr mußte die letzte Klappe fallen, denn dann brachte mich ein Wagen ganz schnell wieder nach Mainz zum Theater. Die Garderobiere stand schon da mit dem Kostüm und die Maskenbildnerin mit der Perücke, und um halb acht ging der Vorhang hoch.
Manchmal, etwa wenn beim Drehen plötzlich technische Probleme auftauchten, klappte das Pendeln zwischen Bühne und Studio allerdings nicht so reibungslos. Die Schauspielerin Ursula Köllner, die Chefsekretärin der „Firma Hesselbach“, die zugleich bei der Landesbühne Rhein-Main auftrat, erinnerte sich, dass die Produzentin Lia Wöhr dann die Studiouhr zuhängte, damit die Darsteller nicht nervös wurden.


Überarbeitete Auszüge aus „Liesel Christ / Volksschauspielerin. Eine Biographie“, Frankfurt am Main, Kramer 2004.
Dr. phil. Sabine Hock arbeitet als freie Autorin und Journalistin.
www.sabinehock.de




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2013-02-07

Fluch der Berühmtheit

Manche Schauspieler genießen es, viele fürchten es: So mit einer Figur verknüpft zu werden, dass man vollkommen mit ihr identifiziert wird.

Von wildfremden Leuten auf der Straße angesprochen zu werden, dürfte dabei noch die geringste Nebenwirkung sein, die natürlich individuell als erfreulich oder lästig empfunden werden kann.

Ganz anders jedoch der in allerhöchstem Grad existenzbedrohende Effekt, wenn ein Schauspieler nur in einer bestimmten Rolle „akzeptiert“ wird. Die Existenzbedrohung beginnt genau in dem Augenblick, in dem diese Rolle am Theater oder bei Film und Fernsehen nicht mehr fortgesetzt wird und daher keine Gage mehr damit verdient werden kann. Die Besetzungsbüros, Agenturen und Castingverantwortlichen scheuen sich, einen bestimmten Schauspieler zu besetzen, wenn die Gefahr besteht, dadurch bei den Zuschauern falsche Assoziationen zu wecken. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Rollenfigur keine klassische – wie Macbeth – ist, sondern eine vielleicht sogar auf den Leib geschneiderte – wie Mamma.

Die Zuschauer sind sich dieser Tragik nur selten bewusst. „Sissi“ Romy Schneider ging nach Frankreich und musste mit dem deutschsprachigen Publikum brechen, um weiter ihren Beruf ausüben zu können.

Es ist also nicht weiter erstaunlich, dass es sich die meisten Schauspieler gut überlegen, eine Rolle in einer Serie anzunehmen, bei der ihnen zwar für gewisse Zeit ein Einkommen gesichert ist, aber die Aussicht auf die „Zeit danach“ umso ungewisser wird.

Als die Hesselbachs im Radio erfolgreich waren, bestand dafür keinerlei Gefahr. Eine Stimme hat nur selten einen solchen Identifikationseffekt wie das Aussehen. Mit den Kinofilmproduktionen begab Schmidt sich allerdings schon auf ein gefährliches Terrain – und war sich dessen bewusst. Als dann aber die Hesselbachs ins Fernsehen kamen, und das als vielteilige Serie, begann für den Babba – und besonders die Mamma – eine tückische Reise in die Berühmheit.

Michael

Erste Klappe


Wie Mamma Hesselbach in ihrer Rolle stecken blieb


von Sabine Hock



Die Besetzung für die Mamma scheint im Nachhinein so ideal und selbstverständlich. Doch die Richtige zu finden, war gerade bei dieser Rolle schwierig gewesen. Für das Fernsehen brauchte Babba Hesselbach, natürlich wie in Funk und Film gespielt von Autor Wolf Schmidt selbst, eine neue – seine vierte – Frau. Nach einem Versuch mit Anny Hannewald als „Urmutter“ in der allerersten Folge war Lia Wöhr zur (durchaus beliebten) Mamma der Hörfunkfamilie avanciert. Doch schon bei der Verfilmung der „Hesselbachs“ wurde diese Schauspielerin „aus optischen Gründen“ durch Else Knott ersetzt. Aber auch die „Filmmamma“ war in ihrem Aussehen und Typ nicht stimmig, passte nicht so recht zu Schmidt als Babba, den sie – ebenso wie die Wöhr – „überragte“.

Bei den Vorbereitungen zur Fernsehproduktion wurde laut Erinnerungen von Harald Schäfer, der zusammen mit Wolf Schmidt die Regie übernahm, um die anstehende Neubesetzung der Mamma viel diskutiert. Die Wahl fiel schließlich auf Liesel Christ.

Bevor die Verpflichtung beim Hessischen Rundfunk perfekt gemacht werden konnte, musste Liesel Christ selbstverständlich Rücksprache halten mit ihrem Intendanten Siegfried Nürnberger am Städtischen Theater in Mainz, wo sie ab der kommenden Spielzeit 1959/60 (also wenn die Dreharbeiten beginnen sollten) engagiert war. Nürnberger riet der eher noch zögernden Schauspielerin sogar zu: „Sie werden nie die Macbeth spielen! Haben Sie den Mut, und machen Sie die Mamma Hesselbach!“, soll er gesagt haben.

Vielleicht dachte Liesel Christ auch daran, dass ihr eine Wahrsagerin einmal prophezeit hatte, sie würde mit 40 berühmt. Also entschloss sie sich, in dem Rollenangebot eine Chance zu sehen, und nahm an. Pro Sendefolge erhielt sie das stattliche Honorar von 1.200 Mark. Dafür musste sie sich verpflichten, „während der Laufzeit der Sendereihe in keinem anderen Programm des Fernsehens als Darsteller aufzutreten“. Sie sollte exklusiv die Mamma Hesselbach sein.

Ganz die Mamma

„Von den vier ‚Müttern Hesselbach‘, die ich hatte“, bekannte Wolf Schmidt einmal, „war Liesel Christ diejenige, die am stärksten alle Elemente gehabt hat, die für diese Figur nötig sind. Sie ist eine hervorragende Schauspielerin. Man braucht ihr nur den Bruchteil eines Satzes zu sagen – sie erfaßt es sofort.“ In späteren Folgen, zumal als Joost Siedhoff als Sohn Willi aus der Serie ausschied und zur Fortsetzung allmählich auf „Die Familie Hesselbach“ übergegangen wurde, hat Schmidt daher die Rolle der Mamma wesentlich erweitert und der Christ regelrecht auf den Leib geschrieben.

Liesel Christ mit Wolf Schmidt


Neben den Dreharbeiten musste Liesel Christ ihren Verpflichtungen am Stadttheater Mainz nachkommen, wo sie gerade erst zum Saisonbeginn im Herbst 1959 ein neues Engagement angetreten hatte. Aber bei aller Disziplin und Professionalität wurde die Doppelbelastung von Theater und Fernsehen auf Dauer zu viel. Nach erheblichen gesundheitlichen Problemen musste sie ihren Vertrag in Mainz vorzeitig zum 1. November 1960 lösen. Nun war sie endgültig ganz die Mamma Hesselbach.

Mammas Typ - Leitbild und Identifikation

Für die Rolle musste Liesel Christ sich älter machen, und ihre Kostüme sollten auf die eher biedere Garderobe einer Hausfrau mit Schürze, die sich nur gelegentlich einmal „fein rausputzen“ durfte, beschränkt sein. Aber nicht nur im äußeren Erscheinungsbild, sondern auch im Charakter wurde sie auf den Typ der Mamma Hesselbach festgelegt – ein „Ehefrauenimage“, das sie – entgegen ihrem Familienstand im wirklichen Leben – schon auf der Bühne so selbstverständlich ausstrahlte.

Liesel Christ in der Maske


Die Christ kreierte mit dieser Rolle den „Prototyp der deutschen Hausfrau und Mutter“, wie ihr Seriensohn Joost Siedhoff einmal sagte , oder auch das „Urbild der hessischen Mamma“. Diese Marie Hesselbach, Ehefrau des Druckereibesitzers Karl Hesselbach, wird getrieben von einer übersteigerten Sorge für und um ihren Mann und die schon erwachsenen Kinder. Sie ist im Kleinen penetrant bis zur totalen Uneinsichtigkeit und immer leicht beleidigt, im Großen aber naiv ihrem Mann ergeben, den sie im Grunde ihres Herzens doch liebt und bewundert. Im stolzen Standesdünkel der „Frau Direktor“ erhebt sie sich über das Kleinbürgerliche, das sie selbst nicht allzu weit hinter sich gelassen hat. Eigentlich spielte Liesel Christ die Mamma Hesselbach als meist gar nicht so „liebenswerte Nervensäge“ , was durchaus im Sinne des Autors war. In einem Interview von 1963 bekannte sich Wolf Schmidt ausdrücklich zum „negativen Leitbild“, das er mit seinen Figuren geben wollte: Die amerikanischen Kollegen geben Leitbilder. Ich stehe mehr auf dem Standpunkt des negativen Leitbilds. Ich sage mir: Leute, die immer nur gut und freundlich und nett sind, mögen eine Zeitlang auch nett auf die Zuschauer wirken. Auf die Dauer aber sind sie unerträglich. Wir leben in einer Gesellschaft von unvollkommenen Menschen. Ich halte es für sinnlos, den vollkommenen Menschen darzustellen, den wir ja doch nie erreichen. Es ist viel interessanter, die Ursachen der Unvollkommenheit, die großen und kleinen Mißverständnisse zu zeigen. Allerdings: Ich will darstellen, ohne erziehen zu wollen. Ich möchte lediglich, daß sich die Zuschauer mit der Familie Hesselbach identifizieren können; daß sie spüren: Was wir da auf dem Bildschirm sehen, das hat auch etwas mit uns zu tun. Auch in dem „negativen Leitbild“ konnte (und sollte) sich ein Zuschauer demnach wiederkennen. Lieber dürfte er allerdings einen anderen, ihm entfernt oder auch näher bekannten Menschen in einer der Figuren wiederentdeckt haben. Dieses Phänomen hat Liesel Christ gern so beschrieben: Wolf Schmidt hat immer gesagt: ‚Die Ehemänner vorm Fernsehapparat müsse sage könne: Die hab’ ich newe mir sitze. Un die Fraue müsse sage: O Gott, der sitzt newe mir.‘Liesel Christ selbst identifizierte sich nicht gern mit ihrer Rolle. „Ein furchtbares Weib“ nannte sie Mamma Hesselbach oft, wenn auch „irgendwo liebenswert“. Tatsächlich war die Mamma im Laufe der Serie zur „Seele der Familie und der Sendung“ geworden, wie die Fernsehkritik erkannte.

Liesel Christ mit Wolf Schmidt


Der Rest ist: Mamma...

Im Oktober/November 1962 wurden die letzten sechs Folgen der „Hesselbachs“ gedreht. Auf Wunsch von Wolf Schmidt sollte die Serie mit der 42. Folge enden. Er sah „die Möglichkeiten“, die er als Autor mit den gegebenen Figuren im hergebrachten Milieu „durchspielen“ konnte, „erschöpft“ und wollte lieber auf dem Höhepunkt des Erfolges aussteigen, um sich und den anderen Mitwirkenden damit den unausweichlichen Niedergang zu ersparen. Am 29. Mai 1963 wurde die letzte Folge („Wertsachen“) der „Familie Hesselbach“ gesendet. Zum Schluss verabschiedete Wolf Schmidt als Babba sein Publikum mit den tröstenden Worten: Das Familienleben endet normal durch Gründung neuer Familien. Der Rest ist: Mamma – kein Schweigen also. Aber falls sie im Laufe der nächsten 30 Jahre noch irgendwas sagen sollte, was keine Wiederholung darstellt, so wird Sie darüber das Deutsche Fernsehen in einer Sendung am 29. Mai 1993 kurz orientieren.

Letzte Klappe


Schluss ohne Ende

Damit waren die Schauspieler Christ und Schmidt sowie die aller anderen Rollen berühmt, aber arbeitslos. Und dies, obwohl – oder gerade weil – Mamma und Babba Hesselbach gar nicht von der Bildfläche verschwanden. Dazu waren sie und ihre Darsteller in der Medienöffentlichkeit viel zu präsent. Nicht nur die inzwischen (1963) 7,7 Millionen Besitzer von Fernsehgeräten kannten die „Hesselbachs“. Als echte Fernsehstars hatten Wolf Schmidt, Liesel Christ und ihre „Serienkinder“ etwa auch von den farbigen Titelblättern sämtlicher Illustrierten deren Lesern zugelächelt.

Immer und überall wurde die Christ „erkannt“, nicht allein in Frankfurt, wo sie bis in ihre letzten Jahre beispielsweise beim Einkaufen oft mit „Frau Hesselbach“ angesprochen wurde. In Düsseldorf „drehten sich die Rheinländer um und sagten: ‚Dat ist die Alt vom Hesselbach!‘“ In Bielefeld fragte sie ein kleiner Junge: „Bist du nicht die Mutti vom Fernsehen?“, und auf ihr freundliches Ja bot er ihr an, dass sie einmal an seiner Eiswaffel schlecken dürfe. Sogar im Ausland, etwa in Spanien oder in den USA, riefen Leute auf der Straße hinter ihr her: „Da ist ja die Mamma Hesselbach!“ Dieser Verlust der Anonymität in der Öffentlichkeit infolge ihrer ungeheuren Popularität habe sie anfangs „natürlich ein bißchen gestört“ , gab Liesel Christ einmal zu: „Daran mußte man sich erst gewöhnen.“

Ganz und gar negativ, geradezu existenzbedrohend wirkte sich ihre Fernsehvergangenheit im nächsten Jahrzehnt auf ihre weitere Karriere als Schauspielerin aus. Die Christ schien zu einem dauerhaften Dasein als Mamma Hesselbach verdammt, wovon sie nach Absetzung der Serie 1963 aber nicht leben konnte. In den Köpfen von Programmmachern wie Publikum war sie jedoch so sehr auf diese einzige Rolle festgelegt, dass sie keine anderen Fernsehangebote mehr bekam. Selbst auf der Bühne wurde ihre Leistung immer wieder an ihrem Mitwirken bei den „Hesselbachs“ gemessen. „Wenn Sie das [d. i. die ‚Hesselbachs‘] machen, sind Sie danach tot!“, hatte schon HR-Fernsehspielchef Rolf Hädrich den Schauspieler Dieter Henkel gewarnt, bevor dieser das Engagement als Seriensohn annahm.

Viele Zuschauer setzten die Darsteller mit ihren Rollen gleich: Für sie war Liesel Christ einfach die Mamma. Sie begriffen die Darsteller nicht als Schauspieler, sondern als „Menschen wie du und ich“, die im Leben seien wie auf dem Bildschirm. Die durchaus beabsichtigte authentische Wirkung des Fernsehens und insbesondere einer Serie wie „Hesselbach“ zeigte somit gerade in jener Frühzeit des Mediums die fatale Folge, dass viele nicht mehr zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden konnten.

Liesel Christ und Wolf Schmidt


Ein tückisches Comeback

Angesichts ihrer persönlichen Situation dürfte Liesel Christ es begrüßt haben, als die „Hesselbachs“ doch fortgesetzt werden sollten. Mit der bereits ab März 1965 gedrehten Nachfolgereihe „Herr Hesselbach und...“ wollte Autor Wolf Schmidt allerdings ein neues Serienkonzept verwirklichen. Er nutzte zwar den eingeführten Namen im Titel, befreite sich aber von dem alten, dramaturgisch ausgereizten Milieu von Firma und Familie. Nach Babbas Pensionierung wohnen Herr und Frau Hesselbach nun allein in einem modernen Häuschen mit Garten in dem fiktiven Städtchen Steintal.

Liesel Christ mit Dreckrändche am Milchdippche

Der Erfolg der Serie blieb jedoch aus verschiedenen Gründen aus. Daran war nicht nur die inzwischen erstarkte Konkurrenz durch das Zweite Deutsche Fernsehen schuld. Vor allem kam das veränderte Konzept nicht an. Angesichts enttäuschender Einschaltquoten entschloss sich der Hessische Rundfunk ziemlich schnell, die Serie vorzeitig einzustellen. Statt der geplanten zwölf wurden nur neun Folgen produziert und gesendet.

Doch wieder einmal sollte es mit den „Hesselbachs“ nicht ganz aus und vorbei sein. Auf vielfachen Zuschauerwunsch wurden schon ab 1969 alle 51 Folgen wiederholt, einmal monatlich am Sonntagnachmittag. Selbst Liesel Christ sah sich die Wiederholungen an und amüsierte sich nach eigener Aussage „königlich“ darüber.

Dabei haderte die Schauspielerin gerade in jener Zeit mehr und mehr mit ihrer „Abstempelung“ als Mamma Hesselbach. In zahlreichen Zeitungsinterviews beklagte sie damals, dass sie seit den Hesselbachs „vom Fernsehen kein einziges Rollenangebot“ bekommen habe. Nicht nur in der Regenbogenpresse kursierten Schlagzeilen wie „Mamma Hesselbach: ‚Die Rolle hat mir nur Pech gebracht‘“ oder „Liesel Christ: ‚Das Fernsehen hat mich arm gemacht‘“. Tatsächlich schien sie so sehr auf die Mamma und vor allem auf den Dialekt festgelegt, dass sie in einem Interview mit „Hörzu“ 1969 sogar gefragt wurde: „Können Sie nur Hessisch babbeln?“ Die Christ begann zu kämpfen.

Mama Prinzipalin

Anders als Wolf Schmidt schaffte sie aus eigener Kraft, sich so weit vom „Hesselbach“-Image zu lösen, dass sie auf ihrer Popularität etwas Neues aufbauen konnte. Auf dieser Basis glückte ihr im Jahr 1971 die Gründung eines eigenen Theaters. Regisseur Harald Schäfer hat einmal ausgeführt, Liesel Christ habe unter dem Image der Hesselbachs furchtbar gelitten, dann aber „das Genialste gemacht, was man tun konnte: Sie hat das Volkstheater gegründet, was Frankfurt gebraucht hat. “ Damit wurde aus „Mamma Hesselbach eben die Mama Prinzipalin“.

Die „Hesselbachs“ in ihrem neuen Volkstheater auf die Bühne zu bringen, war naheliegend, hätte allerdings ihr Konzept des modernen literarischen Mundarttheaters konterkariert. Als die Christ später bewiesen hatte, dass das Volkstheater mehr als nur ein „Babbeltheater“ war, hätte sie die „Hesselbachs“ dort gern neu herausgebracht. Aber Wolf Schmidt war bereits zu krank.

Seit den späten Achtzigerjahren wurden die Hesselbachs nicht nur bei Telecineasten zum Kult, dessen wichtigste Idole natürlich der Babba und die Mamma in der Darstellung von Wolf Schmidt und Liesel Christ sind. Damit avancierte die Christ noch zu Lebzeiten vom frühen Fernsehstar zur immergrünen „Kultfigur“. Den Fluch der Berühmtheit hatte sie hinter sich gelassen.

Überarbeitete Auszüge aus „Liesel Christ / Volksschauspielerin. Eine Biographie“, Frankfurt am Main, Kramer 2004.
Dr. phil. Sabine Hock arbeitet als freie Autorin und Journalistin.
www.sabinehock.de


Ein Seitenblick auf andere TV-Serienkarrieren der 1960er

Michael Landon

Grünes Licht
14 Jahre lang der Little Joe aus „Bonanza“ (1959-73, seit 1962 im deutschen Fernsehen), zog Landon nach dem Serienende infolge des plötzlichen Todes des Darstellers Dan Blocker (Hoss Cartwright) von der Ranch auf einen Bauernhof: In den Siebzigerjahren spielte er den Familienvater Charles Ingalls in der 210-teiligen Serie „Unsere kleine Farm“ (1974-83, seit 1976 in der ARD), für die er auch als Produzent und Drehbuchautor wirkte. Danach wagte er einen weiteren Serienumstieg und kehrte als „Ein Engel auf Erden“ (111 Folgen, 1984-89, seit 1987 im ZDF) zurück.

Karriereleiter: Es ging weiter...


Larry Hagman

Grünes LichtGelb Rot
Ihm glückte der Sprung vom sympathischen Astronauten zum fiesen Ölbaron: In der amerikanischen Serie „Bezaubernde Jeannie“ (1965-70), die ab 1967 auch im deutschen Fernsehen lief, spielte Hagman 139 Folgen lang Jeannies „Meister“ Tony Nelson, um ein paar Jahre später als J. R. Ewing nach „Dallas“, in die von 1978 bis 1991 produzierte Familiensaga aus Texas, zu gehen. Danach wurde der Schauspieler, der früher ein vielseitiges Repertoire hatte, eigentlich nur noch für Gastauftritte in Serien gecastet – bis er 2010 einer Neuaufnahme von „Dallas“ zustimmte.

Karriereleiter: Erst weiter, dann stopp


Inge Meysel und ihre „Nachfolgerin“

Grünes Licht



Gelb-grünes Licht
Die Meysel erwarb sich ihren Ruf als „Mutter der Nation“ bereits 1959 auf dem Theater, in dem Volksstück „Das Fenster zum Flur“ von Curt Flatow, in dem sie die Rolle der Portiersfrau Anni Wiesner kreierte. Unter dem Titel „Ihr schönster Tag“ wurde das Stück mit der Meysel in der Hauptrolle 1962, also zu Hesselbachs besten Fernsehzeiten, auch verfilmt. Als Fernsehmutter löste Inge Meysel ab 1965 die Mamma Hesselbach ab, als sie Rolle der Mutter Käthe Scholz in „Die Unverbesserlichen“ von Robert Stromberger spielte; die Reihe wurde in sieben Episoden bis 1971 einmal jährlich, gerne am Muttertag, gesendet. Das Image der resoluten und starrköpfigen Frau aus dem Volk blieb an der Meysel haften, behinderte ihre Fernsehkarriere und Beliebtheit aber nicht – eher im Gegenteil. Erst in den Achtzigerjahren musste sie allmählich einer moderneren und jüngeren Fernsehmutter der Nation weichen: Marie-Luise Marjan verkörpert seit 1985 die Mutter Beimer in der „Lindenstraße“. Die Marjan, zuvor arrivierte Theaterschauspielerin, hat sich nach mehr als 25 Jahren und über 1.400 Folgen längst mit ihrem „Alter Ego“ arrangiert: „Ich lebe gut mit Helga [d. i. Mutter Beimer]“, sagte sie bereits 2001 in einem Illustrierteninterview.

Karriereleiter in beiden Fällen: Es ging weiter...



Gustav Knuth

Grünes Licht
Knuth, der sich schon vorher (u. a. im Film) profiliert hatte, konnte es sich leisten, gleich in mehreren Fernsehserien der Sechzigerjahre nacheinander die Hauptrolle zu übernehmen. Zu unerwarteten Komplikationen kam es, als er mit seiner Rolle von einer Serie zur anderen die Frau „wechselte“: In seiner ersten und beliebtesten Serienrolle als Tierarzt Dr. Hofer in der Reihe „Alle meine Tiere“, die in neun Folgen noch zur Zeit der Hesselbachs (1962-63) lief, spielte er mit Tilly Lauenstein ein Ehepaar, und ein paar Jahre später, in der achtteiligen Serie „Großer Mann – was nun?“ (1967-68), hatte er plötzlich Camilla Spira zur Bildschirmgattin. Die Zuschauer wollten den – im wirklichen Leben seit langem glücklich verheirateten – Schauspieler jeweils mit seinen Fernsehfrauen „verkuppeln“. Nicht zuletzt um einer moralischen Entrüstung der Fernsehgemeinde zu entgehen, ließ man Knuth als Chef der Artistenfamilie Doria in der 1969 gestarteten Familienserie „Salto mortale“ wohl vorsichtshalber gleich als Witwer auftreten.

Karriereleiter: Es ging weiter...


Eva Pflug

Rotes Licht
Die Pflug wurde als der (!) blonde Sicherheitsoffizier Tamara Jagellovsk in der ersten deutschen Science-Fiction-Fernsehserie „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion“ (sieben Folgen, 1966) bundesweit bekannt. Diese Rolle, bereits ihre zweite Serienhauptrolle nach der Beschäftigung als Sekretärin in einer heute vergessenen Krimireihe (1964), machte die Schauspielerin zum Idol der Frauenbewegung. Im Film und Fernsehen wurde sie künftig jedoch nicht mehr besetzt, obwohl sie beteuerte, „nie eine Emanze gewesen zu sein“. Am Theater konnte Eva Pflug ihre Karriere erfolgreich fortführen.

Karriereleiter im Fernsehen und Film: Stopp



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2013-01-31

Lia Wöhr

Es gab wenige Personen, die für Wolf Schmidt eine so große Bedeutung hatten wie Lia Wöhr. Dies beruhte auf ihrer phänomenalen Vielseitigkeit, mit der sie immer dort einspringen konnte, wo es nötig wurde. Ihr ging es um die Erreichung der Ziele, auch wenn sie dabei Unangenehmes auf sich nehmen musste. Sie war in jeder beliebigen Funktion einsetzbar: Hinter dem Mikrofon, vor der Kamera und hinter den Kulissen. Gerade dort hat sie sich im Prinzip um alles gekümmert.

Dazu ist zu bedenken, dass die Vorbereitung und Durchführung von Dreharbeiten eine nicht unerhebliche Zahl von Menschen einbezieht, die alle ihre eigenen Vorstellungen, Empfindlichkeiten und Ansprüche haben: Handwerker, Lieferanten, Agenten, Statisten, Künstler, Stars und solche, die es gern wären, anhängliche Bewunderer und unerbittliche Bürokraten.

Es war Lia Wöhr, die Wolf Schmidt durch diesen organisatorischen Dschungel den Weg ebnete. Sie wurde Wolf Schmidts loyale Vertraute, seine Produzentin und somit sein unverzichtbarer Blitzableiter, Berater, Vertragspartner, Problemlöser, Caterer, Schutzengel und Zerberus. Sie hatte neben Wolf Schmidt die mächtigste Position im Team und war sich trotzem nicht zu schade, buchstäblich den Dreck wegzumachen.

Michael

Lia Wöhr


Zwischen Taktstock und Staubwedel

Lia Wöhrs Kurzbiografie

von Sabine Hock

Am 26. Juli 1911 wurde Elisabethe Anna Wöhr in Frankfurt am Main geboren. Sie wuchs mit zwei jüngeren Geschwistern im Gallusviertel auf, wo ihre Eltern eine Bäckerei betrieben. Schon früh nahm die Mutter die kleine Lia mit ins Theater. Das erste Stück, das das Mädchen im Frankfurter Schauspielhaus sah, war Schillers „Wallenstein“: „Ich verstand gar nichts“, bekannte Lia Wöhr in ihren Erinnerungen.

So schnell ließ sich eine wie sie jedoch nicht abschrecken. Und als dann einmal „Salome“ von Richard Strauss auf dem Spielplan stand, war Lia so fasziniert vom Tanz der sieben Schleier, dass sie beschloss, Tänzerin zu werden. Von der Mutter erbettelte sie, künftig zur Ballettstunde gehen zu dürfen. Nach zwei Jahren jedoch erklärte der Ballettmeister der Mutter, dass aus der Lia bei aller Begabung nie eine Primaballerina werden würde: „Dafür ist sie zu schwer!“ Stattdessen schlug er vor, sie auf eine Schauspielschule zu schicken: „Aus der wird bestimmt einmal eine prachtvolle komische Alte!“ Die Mutter, ganz bodenständige Bäckersfrau, erwiderte nur: „Und was macht sie in der Zwischenzeit?“

Lia Wöhr sollte noch allerhand „machen“. Ab 1927 besuchte sie die Schauspielschule ihrer Heimatstadt. Sie wurde Schauspielerin, Ballettmeisterin und Dirigentin, arbeitete als Operettensoubrette, Kabarettistin, Souffleuse, Conferencière, Alleinunterhalterin, Hörfunksprecherin, internationale Opernregisseurin und preisgekrönte Fernsehproduzentin.


Eine Lehrzeit im Kasten

Nach ersten Engagements in Halberstadt, Annaberg, Bad Helmstedt und Berlin kehrte Lia Wöhr 1935 nach Frankfurt zurück, wo sie bei den Städtischen Bühnen anfing. Zunächst in kleineren Komödienrollen am Schauspielhaus eingesetzt, sammelte sie als Souffleuse bei der Oper reichliche Erfahrungen. Sie blieb im „Kasten“, bis der Theaterbetrieb 1944 kriegsbedingt eingestellt wurde.

Nebenbei studierte sie Komposition, Klavier und Dirigieren an der Musikhochschule, und während des Krieges begleitete sie als Regieassistentin die Frankfurter Oper auf deren Auslandsgastspielen nach Rumänien, Bulgarien, Frankreich und Spanien.

Hessemädche trifft Hessebub

Nach Kriegsende trat Lia Wöhr als Alleinunterhalterin in Revueprogrammen für die amerikanischen Besatzungstruppen und später auch für die deutsche Zivilbevölkerung auf.

Für den neu gegründeten Frankfurter Sender, den späteren Hessischen Rundfunk, erfand sie ihre Rolle als „Hessemädche“. Das Rüstzeug dafür hatte sie sich in dem Stimmungslokal „Maier Gustl’s Oberbayern“ geholt, wo sie in oberhessischer Tracht erschien, improvisierte, sang und vier Instrumente – Sopransaxophon, Klarinette, Trompete und Akkordeon – spielte. Das „Hessemädche“ kam über zwei Jahre lang gut bei den „Bunten Nachmittagen“ im Radio an.

Auf den „Bunten Nachmittagen“ lernte das „Hessemädche“ Lia einen „Hessebub“ kennen, der in ihrem Leben noch eine große Rolle spielen sollte: Wolf Schmidt. Sie hatten einiges gemeinsam: Beide hatten „für die Amerikaner getingelt“ und sich ein Publikum geschaffen - zuerst auf kleinen Bühnen, dann auf Bunten Abenden. Und beide hatten es geschafft, sich beim Radio zu etablieren. Wolf und Lia erkannten schnell ihre gegenseitigen Qualitäten. In ihrer Autobiografie erinnerte sie sich, zusammen Sketche gespielt und an Texten gearbeitet zu haben.

Lia Wöhr als Mamma im Studio (Radio)


Die Gründung der Familie

Wolf Schmidt hatte bei Radio Stuttgart mit der „Familie Staudenmaier“ 1948 einen großen Wurf gelandet - auf Schwäbisch! Als der Frankfurter Sender sich für eine Aufnahme dieser Hörspielserie in Hessisch entschied, war Lia Wöhr gleich mit von der Partie. 1949 wurde die „Familie Hesselbach“ gegründet, und Lia Wöhr übernahm zunächst die Rolle der Tochter Anneliese, für die sie mit inzwischen 38 Jahren eigentlich zu alt war. Von der zweiten bis zur 77. und letzten Folge 1956 sprach sie dann die „Mamma Hesselbach“, deren legendärem „Kall, mei Drobbe!“ sie die angemessene Stimmkraft verlieh.

Ganz nebenbei baute sich Lia Wöhr eine internationale Karriere als Opernregisseurin auf. Von 1951 bis 1962 war sie mit ihren Inszenierungen, insbesondere der Werke von Richard Wagner, in Italien, Spanien, Portugal, Brasilien, England und Irland zu Gast.


Die Produzentin

Lia Wöhr am Set


Lia Wöhr


Autogrammkarte von Lia Wöhr

Die gute Zusammenarbeit bei den Hesselbach-Radioproduktionen fand eine Fortsetzung, als Wolf Schmidt 1954 begann, auf eigene Kosten die Hesselbachs als Kinofilme zu produzieren. Wolf engagierte Lia wieder - aber als Produktionsleiterin, nicht als Mamma. Sie spielte in den Filmen vor der Kamera Nebenrollen, dahinter aber war sie Wolf Schmidts wichtigste und mächtigste Mitarbeiterin. Von der Drehplanung bis zur Besorgung von Requisiten kümmerte sie sich um alles und päppelte sogar das erschöpfte Filmteam mit hessischer Hausmannskost auf – zubereitet von ihrer Mutter.

1955, gleich im Anschluss zu den Hesselbach-Dreharbeiten am Bodensee, erhielt Lia Wöhr ihre erste „Putzstelle“ beim HR: In der Unterhaltungssendung „Auf ein frohes Wochenende“ klaubte sie als Putzfrau Hippenstiel über 500 Folgen lang weggeworfene Schallplatten aus dem Papierkorb, was sie natürlich nie still und stumm erledigte.

Als die Hesselbachs ab 1959 ihren Weg ins Fernsehen fanden, übernahm Lia Wöhr wieder die Rolle der Produzentin - und die der Putzfrau gleich mit, in beiden Disziplinen bestens geübt. Lia Wöhr sorgte nun als festangestellte Produzentin des Hessischen Rundfunks für die organisatorische Umsetzung der Hesselbachs - und vieler anderer Produktionen. Und das mit derartiger Umsicht und Geschick, dass sie es innerhalb der komplizierten Hierarchie, die öffentlich-rechtliche Sendeanstalten an sich haben, zu einer Sonderstellung brachte, die einzigartig war und es auch bleiben sollte. Nicht nur, dass sie die erste weibliche Produzentin beim deutschen Fernsehen überhaupt war: Niemand sonst hatte beim Hessischen Rundfunk jemals wieder als Produzent einen derart großen Einfluss auf die Programmgestaltung wie die bekannteste Putzfrau des Senders.

Die Prominente

Nachhaltige Berühmtheit errang Lia Wöhr auch durch ihre Fernsehauftritte in der - natürlich von ihr produzierten - Unterhaltungssendung „Zum Blauen Bock“. Dort dirigierte sie von 1966 bis 1987 als resolute Frau Wirtin im feschen Dirndl ihre beiden „Kellner“ Heinz Schenk und Regnauld („Reno“) Nonsens.

Nach ihrer Pensionierung beim HR 1976 trat Lia Wöhr im Volkstheater Frankfurt auf, das ihre Nachfolgerin als „Mamma Hesselbach“, Liesel Christ, inzwischen gegründet hatte. Auch der Hesselbach-Fernsehsohn Dieter Henkel engagierte sie für sein „Theater unterwegs“, zuletzt als Bibbo in Zuckmayers „Katharina Knie“. Auch im HR war sie weiterhin zu sehen: Sie moderierte die „Hessen-Rallye“ und beriet Hörer und Zuschauer als Briefkastentante „Frau Löhlein“ mit hessischem Witz in den „drängendsten“ Alltagsfragen.

Trotz einiger gesundheitlicher Malaisen war sie bis zuletzt auch immer wieder in kleineren Fernsehrollen, zum Beispiel im „Tatort“, zu sehen.
Lia Wöhr verstarb am 15. November 1994.


Neufassung des Features in PRESSE.INFO, hg. v. Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main, vom 19. Juli 2011 zum 100. Geburtstag von Lia Wöhr.
Dr. phil. Sabine Hock arbeitet als freie Autorin und Journalistin.
www.sabinehock.de



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2013-01-28

Liesel Christ

Wie Wolf Schmidt seine Fernsehfrau fand

von Sabine Hock



Tingeltangel um die Wurst

Beim Kabarett lernten sich Wolf Schmidt und Liesel Christ um 1946/47 kennen. Die junge Schauspielerin, geboren 1919 in Frankfurt am Main, hatte als Kinderstar an den Bühnen ihrer Heimatstadt begonnen.

Nach absolvierter Schauspielausbildung in Frankfurt und erstem Engagement in Koblenz war sie zur beliebten Operettensoubrette am Stadttheater Heilbronn aufgestiegen. Noch im Sommer 1944 nach Görlitz engagiert, kam sie dort zu ihrer schwersten Rolle – nicht mehr auf der Bühne, sondern im richtigen Leben: als Fußgängerin auf der Flucht heim nach Frankfurt.

Liesel Christ mit Michael Arco


Liesel Christ

Liesel Christ als Mamma Hesselbach

Seit Ende 1945, kurz nach der Geburt ihrer zweiten Tochter, tingelte Liesel Christ als Mitwirkende in Kabarettprogrammen durch das Rhein-Main-Gebiet. Chef der Truppe und Liesels Bühnenpartner war der Conférencier und Operettenkomiker Michael Arco. Zusammen traten sie nicht nur mit einem Sylvesterkabarett im Frankfurter Börsensaal, sondern auch auf allen möglichen Gasthausbühnen im dörflichen Frankfurter Umland auf.

Die Zuschauer vom Land bezahlten ihren Eintritt üblicherweise mit Naturalien, einem Ei, etwas Brot, gar einem Stückchen Wurst oder einem Krug Milch. Das war in der Not jener frühen Nachkriegszeit nicht mit Geld zu bezahlen. Jeder Künstler hatte immer eine Schüssel oder eine Milchkanne im Theatergepäck, um die „erspielten“ Lebensmittel auch den Lieben daheim mitbringen zu können.

Ebbel für „Die Zeitgenossen“

Bei einem ihrer Auftritte im Frankfurter Raum um 1946/47 sah Wolf Schmidt die Christ. Der frühere Journalist hatte gerade ein Kabarett gegründet, „Die Zeitgenossen“, mit denen er durch die amerikanische und die britische Zone reiste sowie regelmäßig in Radio Frankfurt, Stuttgart, München und Bremen zu hören war. Das Konzept für dieses „neue Zeit-Theater“, wie er es nannte, hatte Schmidt selbst entwickelt: [Es] verschmilzt Elemente des Sprechstückes, der Operette und des literarischen Kabaretts mit einer Kultivierung des zeitnahen Sketschs zu dem conférencelosen Nonstop-Programm, das nichts mit ‚buntem Abend‘ zu tun hat, sondern die Qualität einer überdurchschnittlichen Theaterveranstaltung mit der Breitenwirkung des Massenvarietés verbindet. Es werden nur Themen behandelt, die alle angehen, und sie werden so behandelt, daß der Gebildete nicht durch Primitivität abgestoßen und die breitere Zuhörermasse nicht durch zu hohe Ansprüche abgeschreckt wird. *)
Als Organisator, Autor und Hauptdarsteller der „Zeitgenossen“ suchte Schmidt öfter einmal neue Künstler für sein Kabarett, und nun fragte er Liesel Christ, ob sie nicht bei ihm mitspielen wolle. Sie sagte zu. Geprobt wurde in Schmidts Elternhaus in Friedberg, und dann ging’s los, auf eine Tournee durch Oberhessen, von der die Schauspielerin erzählte: Wir sind durch den Vogelsberg gezogen mit einem offenen Lkw; wir haben auf jeder kleinen Gasthausbühne gespielt. Wenn wir nachts im Herbst heimgefahren sind, haben wir unter den Apfelbäumen gehalten, die Zweige geschüttelt, damit die Äpfel auf den Lastwagen fielen, und dann sind wir schnell abgebraust. Das ging gut, bis wir eines Tages Bauern mit Knüppeln bewaffnet bemerkten, die ihr Obst bewachten.
Wolf meinte: ‚Aha, anscheinend habbe die de Schnubbe geroche, mer könne uns jetzt net mehr so lang aufhalte.‘ **)

Bald ein Jahr lang war Liesel Christ mit Wolf Schmidt, seiner Partnerin (und späteren Ehefrau) Gretl Pilz und den „Zeitgenossen“ unterwegs. Eine Tournee an Rhein und Ruhr musste sie jedoch in Bochum abbrechen, weil sie infolge der andauernden Unterernährung an Hungerödemen litt.

Bevor sie nach Frankfurt zurückfuhr, wurde sie von Schmidt zum Abschied getröstet: „Aber wir finden uns wieder!“

Ein Heiratsantrag fürs Fernsehen

Fast genau zwölf Jahre später, im Frühjahr 1959, wurde Liesel Christ in den Hessischen Rundfunk eingeladen, zu einem Gespräch mit Hans-Otto Grünefeldt, dem damaligen Chef der Fernsehunterhaltung, dem sie dann gegenüber saß.

Plötzlich öffnete sich hinter ihr – wie von Geisterhand – eine Tür, und eine vertraute Stimme sprach: „Ich hab' dir gesagt: Ich finde dich wieder!“

Liesel Christ und Wolf Schmidt


Es war Wolf Schmidt, der Liesel Christ an diesem Tag den Antrag machte, seine Frau Hesselbach in der Fernsehserie zu werden.


*) „Die Zeitgenossen“, Friedberg/Hessen, Werbeschrift, 1947.
**) Liesel Christ in einem Interview mit Christian Herrmann in: Es war einmal, [Zeitschrift der Augustinerschule in Friedberg], Jg. 1977/78, Febr. 1978.


Überarbeiteter Auszug aus "Liesel Christ / Volksschauspielerin. Eine Biographie", Frankfurt am Main, Kramer 2004. S. 76-78.

Dr. phil. Sabine Hock arbeitet als freie Autorin und Journalistin.
www.sabinehock.de



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