Posts mit dem Label WolfSchmidt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label WolfSchmidt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

2013-04-07

Muttilein kommt



von Wolf Schmidt

SIE und ER waren nicht allein auf der Welt. Es gab auch noch Verwandte. Genauer gesagt: Schwiegermütter. Noch genauer: eine Schwiegermutter. Denn die andere war weit vom Schuß und zum Glück zu bequem für regelmäßige Reisen. Bei der anderen aber war es das genaue Gegenteil.

„Süßer“, jubelte SIE eines Tages, kurz nachdem diese neue Bezeichnung in das stets wechselnde Repertoire ihrer Kosewörter eingegangen war. „Süßer“, ich hab' einen Brief. Was meinst Du, wer kommt?“

„Na, vielleicht der Weihnachtsmann“, scherzte er noch ohne jede böse Ahnung.

„Ach, Du bist ja dumm, Süßerlein, Küßchen!“ (findet statt).

„Na, wer kommt denn nun, Süßer?“

„Die Müllabfuhr?“

„Ach, Du Affe Du! Muttilein! Muttilein kommt!“

„So.“ Seine Stimmung sank auf zehn unter Null.

„Muttilein kommt. Hattu das kapiert, mein Süßer?“

„Bin ja nicht schwerhörig, Süße!“. Es klang matt.

„Sag mal -- freust Du Dich nicht, daß mein Muttilein kommt?“

„Doch. Unbändig!“

„Du wirst doch nicht etwa wieder so häßlich zu ihr sein wie das vorletzte Mal?“

„Um Himmels willen, nein. Nie wieder! Das hab' ich Dir doch geschworen, und mir auch.“

„In Deinem Blick ist aber so etwas wie Opposition. Du hast etwas gegen Muttilein, und das ist gemein von Dir.“

„Aber nein, ich habe nichts -- --“

„Doch, Du hast. Du willst es nur nicht zugeben, weil Du weißt, daß ich mich dann maßlos darüber aufrege. Und weil Du Dich aufregst, wenn ich mich aufrege. Du willst bloß nicht, daß ich Muttilein gegen Dich in Schutz nehme. Ich lasse sie aber nicht beleidigen und herabsetzen!“

„Aber wer tut denn das?“

„Du bist jedenfalls imstande, es zu tun.“

„Habe ich ein Wort gegen „Muttilein“ gesagt?“

„Da! Wie Du eben „Muttilein“ gesagt hast!“

„Wieso? Ich habe gesagt: Muttilein!“

„Ja, aber mit Gänsefüßchen!“

„Ich soll behauptet haben, daß Dein Muttilein Gänsefüßchen hat?“

„Man hat die Gänsefüßchen deutlich gehört. Ach, und Du bist so ungerecht gegen Muttilein. Sie liebt Dich doch so.“

„Ich bedauere es lebhaft, wenn sich Dein Muttilein ohne Gänsefüßchen -- --“

„Ach, laß diesen Unsinn bitte!“

„Das ist kein Unsinn, sondern eine reine Vorbeugungsmaßnahme.

Wenn mir immerzu Gänsefüßchen untergeschoben werden, muß ich in Zukunft eben ausdrücklich betonen, wenn ich etwas mit oder ohne Gänsefüßchen meine. Ich freue mich ja, daß Dein Muttilein mich liebt -- --“

„Aber?“

„Wieso aber? Ich habe gesagt: ich freue mich, daß Dein Muttilein mich liebt.“

„Nein. So hast Du es nicht gesagt. Du hast es so gesagt, daß ein ‚aber' dahinter kommen mußte. Du hast auf ‚liebt' die Stimme gehoben.“

„Ich habe die Stimme gehoben! Auf ,liebt`! Man wird doch mal die Stimme heben dürfen. Ich habe sie gehoben, weil -- weil Liebe eben so eine erhebende Sache ist. Weil-- weil -- weil ich eben gern mal einen hebe, Donnerwetter nochmal.“

„Ach, das macht mich so entsetzlich traurig, daß Du Muttilein immer insgeheim verspottest. Das macht mich so traurig, daß ich wochenlang weinen könnte.“

„Um Himmels willen, Liebling, gerade das ist es, was ich ja vermeiden will. Du weißt doch ganz genau, daß mir nichts so entsetzlich auf die Nerven geht wie Tränen. Wenn eine Mißstimmung zwischen uns ist, bin ich einfach nicht mehr zu gebrauchen. Ich will doch auf keinen Fall, daß wegen Muttilein irgendein Konflikt zwischen uns entsteht.“

„Muttilein ist die letzte, die einen Konflikt zwischen uns will.“

„Eben. Deshalb hab' ich sie doch auch bei ihrem letzten Besuch im Gegensatz zum vorletzten wirklich mit vorbildlicher Rücksicht behandelt. Das mußt Du zugeben.“

„Ja. Deine Rücksicht war so vorbildlich, daß sie schon peinlich war. Du hast Muttilein behandelt, als ob sie aus Dynamit bestünde und jeden Augenblick losgehen könnte.“

„Sie ist aber nicht losgegangen. Vier Wochen lang ist sie nicht losgegangen."

„Ach, Du mißachtest sie. Wie ungerecht Du bist! Gewiß, sie redet vielleicht 'n bißchen viel. Aber sie hat doch so große Lebenserfahrung, und sie meint es doch nur herzensgut, wenn sie Dir ab und zu Ratschläge gibt, wie Du dies und jenes anders machen solltest. Aber Du bist niemals offen und ehrlich zu ihr, und Du sagst auch mir niemals frank und frei, was Du wirklich über sie denkst.“

Das war zu verlockend, als daß er hätte widerstehen können, sich Luft zu machen. Er holte tief Atem: „Süße! Wenn ich Dir frank und frei sagen würde, daß mich Dein Muttilein ankotzt -- -- --“

Ein gigantischer Tränenausbruch ihrerseits machte ihm sofort das Wahnwitzige seines Unterfangens klar. Mit letzter Kraft suchte er zu retten, was noch zu retten war: „Aber Süße, ich habe doch gesagt: wenn! Wenn -- wenn -- wenn ich etwas so Unqualifizierbares jemals über die Lippen bekäme, dann würde ich lügen! Glatt lügen!! Infam lügen!!! -- Süße, komm, nicht mehr weinen. Es ist doch alles ganz klar zwischen uns. Wir lieben Muttilein! Wir lieben sie bis zum Erbre -- -- --, ich meine, bis zum -- -- zum -- -- -- zum äußersten.

Und wir freuen uns, daß sie kommt. Ja, wir freuen uns! Wann kommt sie denn, Süße?“

„Heute abend“, schluchzte sie.

„Heute abend“, jubelte er mit der letzten Fröhlichkeit, die er angesichts so einer ernsten Bedrohung zusammenkratzen konnte. „Und für wie lange?“

„Ach, bloß für drei Wochen.“

„Bloß? 0, das ist aber jammerschade.“ In seinem Hirn arbeitete es fieberhaft. Ein plötzlicher Einfall, und ohne lange zu überlegen, stürzte er sich schon darauf. „So kurz bloß? Na, das ist aber ein schönes Pech für mich! Da sehe ich ja Muttilein überhaupt nicht in der ganzen Zeit.“

„Wieso?“

„Ja, denke Dir, -- gerade eben wollte ich es Dir sagen, ich -- ich muß nach Hannover, noch heute nachmittag, es hat antelephoniert. Der Dings, der Bernhard ist krank, sehr schwer scheint's. Ich muß ihn vertreten. Na, das ist aber schade. Da mußt Du hier mit Muttilein ganz allein -- --“

„Also, sowas! Was fehlt denn dem Bernhard?“

„Och, es ist ein Dings, eine -- na so ein lateinischer Name, sowas ähnliches wie Aqua destillata. Jedenfalls sehr, sehr ernst.“

„Kann Dich denn niemand anders vertreten?“

„Wo denkst Du hin? Es stehen Tausende von Mark auf dem Spiel.

Wenn ich mich dieser Verantwortung entziehe, stelle ich unsere Existenz in Frage.“

„Ja, aber -- wie lange kann denn das dauern?“

„Gott, Liebling, wer steckt in solchen Krankheiten. Man rechnet mit zirka drei Wochen.“

„Ach, wie dumm. Aber vielleicht kann ich Muttilein bewegen, daß sie zwei Wochen länger bleibt.“

Einen Augenblick blieb ihm die Sprache weg, dann sagte er gefaßt: „Ja, das tu' mal, das wäre wundervoll, und schreibt' es mir rechtzeitig nach Hannover, wenn sie bleibt. Hoffentlich kriegt dann der Bernhard keinen Rückfall.“

„Und Du kannst die Reise wirklich nicht verschieben?“

„Unmöglich! Vollkommen unmöglich! Ich muß mich rasch fertigmachen.“

Es klingelte an der Korridortür. Ein Postbote brachte ein Telegramm. Für SIE!

„Wer schickt Dir denn Telegramme?“ fragte er neugierig.

Sie riß es auf mit tausend bösen Ahnungen.

„Von Muttilein“, strahlte sie aber gleich darauf wieder. „Na so was Wunderbares. Als ob sie es geahnt hätte. Sie kann erst drei Wochen später kommen. Und bis dahin bist Du ja zurück, Lieber, nicht wahr?“

„Wie? -- -- Wieso zurück? -- -- Ach so -- -- Ja. Natürlich.“

„Nun pack' schnell Deine Sachen, sonst versäumst Du mir noch den Zug.“

„Welchen Zug? Ach, den Zug. Ja den -- wenn ich ihn versäume, kann ich es auch nicht ändern. Lust habe ich sowieso nicht für fünf Pfennige, nach Hannover zu fahren.“

„Ich denke, Du mußt so eilig hin?“

„Muß? Na, das ist auch wieder übertrieben. Von müssen kann natülich keine Rede sein, die sollen sich bloß nicht einbilden in Hannover, sie können mit mir herumkommandieren.“

„Aber der Bernhard ist doch todkrank.“

„Das schon. Sicher. Das heißt, todkrank -- so tot wird er auch wieder nicht krank sein -- Ich habe das Gefühl, daß die da doch stark übertreiben. Vielleicht ist es tatsächlich günstiger, man wartet erst mal ab, ob's nicht auch ohne mich geht. Zumindest in der ersten Zeit. Sollen die ruhig mal allein wursteln. Natürlich muß ich später auf jeden Fall mal nach dem Rechten sehen. Und man muß auch die Krankheit von Bernhard sich erst mal in Ruhe entwickeln lassen. Ich finde, es ist viel besser, wenn ich erst zu ihm fahre, wenn -- wenn es ihm schlechter geht.“

„Ja, wann willst Du denn nun eigentlich fahren?“ fragte sie mißtrauisch

„Na, ich denke, so etwa in drei Wochen.“

Das war entschieden zu plump. Du lieber Himmel, in solchen Augenblicken höchster Gefahr, da macht man eben jeden Blödsinn, der einem gerade einfällt.

„Ach, nun begreife ich alles!“, heulte sie wieder los. „Du willst nur Muttilein nicht begegnen, weil Du mich kränken willst! Weil Du meine Familie mißachtest.“

„Aber, Süße, meine Süße!“

„Ich bin nicht Deine Süße.“

„Na schön, dann meine Saure. Mach mir doch um Gottes willen nicht so einen Skandal. Du weißt doch, ich bin nervenkrank. Ich vertrage das einfach nicht --"

„Ach, was liegt mir an Deinen Nerven! Dein Herz ist versteinert Ich lasse mich scheiden.“

„Aber nein doch, Herzchen. Das nutzt mir ja gar nichts. Ich weiß ganz genau, daß Du dann furchtbar unglücklich sein wirst. Und wenn ich weiß, daß Du unglücklich bist, dann bin ich auch unglücklich. Wir wollen doch nicht schon wieder anfangen, uns gegenseitig zu quälen. Komm, komm, ich kapituliere. Ich will ja alles tun, was Du verlangst. Ich will Muttilein von der Bahn abholen, ich will täglich mit ihr spazierenschleichen. Ich will alles geduldig anhören, was sie sagt, und ihr nur die Antworten geben, die sie hören will. -- -- Ich will abends mit ihr Schwarzer Peter spielen und nach ihrer Diät leben -- -- Aber hör um Himmels willen sofort auf, so ein unglückliches Gesicht zu machen.“

„Und Du wirst nicht verreisen?“ fragte sie etwas gnädiger, aber immer noch mit einem jederzeit greifbaren Tränenausbruch in Reserve.

„Nein. Ich werde nicht verreisen. Jedenfalls nicht, solange Muttilein da ist. Das verspreche ich Dir. Aber wenn Muttilein dann wieder weg ist, und ich habe meine Sache gut gemacht, und Ihr wart zufrieden mit mir, darf ich dann wenigstens verreisen?“

„Wozu willst Du denn dann noch verreisen?“

„Wozu? Nach drei Wochen Muttilein? Zur Erholung!“


Alle Original-Texte von Wolf Schmidt


Zum Seitenanfang

2013-03-07

Die Erna-Monologe

»Mein Erwin ist so wirtschaftlich«


Erna

Erna bekommt den Hirsch (schwäbisch)
Erna behält ihn (schwäbisch)
Erna bekommt den Hirsch (hessisch)
Erna behält ihn (hessisch)
Erna bekommt den Hirsch (Fernsehen)
Erna behält ihn (Fernsehen)


Der Satiriker Pit Knorr bezeichnete sie als "Erna-Monologe", die "wahrscheinlich in die Geschichte der komischen Literatur eingehen werden, jedenfalls sollten".

Es sind die Passagen in der Episode "Der röhrende Hirsch", in denen Mammas Nichte Erna zu Besuch kommt, und als Verlobungsgeschenk eine vermeintlich wertlose Bronzeplastik bekommt, und dann später nicht mehr zurückgeben will, als der Wert des Bronzehirschs - wiederum vermeintlich - doch viel größer ist als angenommen.

Den "röhrenden Hirschen" gibt es in vierfacher Ausfertigung: Einmal auf schwäbisch als 47. Hörspielfolge der "Familie Staudenmaier" mit Anne Andresen als Erna, dann als Hesselbach-Hörspiel (Nr. 32) mit Else Knott, dann als Fernsehfolge (Nr. 23) und schließlich in Buchform (siehe unten).

Alle Varianten haben ihren Reiz, allerdings hat das scharf gerollte "rr" der genialen Fernseh-Darstellung Gudrun Geweckes einen ganz besonderen.

Viel Spaß beim Genuss der Erna-Varianten!

Michael



Erna-Monologe im Buch

aus Die Hesselbachs. "Babba"

von Wolf Schmidt


Babba (Buch)

[...]

»Soooo, hier bringe ich euch unsere liebe Erna: ihr könnt ihr gratulieren! Denkt mal an, sie hat mir eben erzählt, sie hat geheiratet, in aller Stille...« Großes Händeschütteln, keine Küsse. Der Verwandtschaftsgrad war für Küsse zu entfernt, und Erna war auch nicht gerade verlockend. Weiß der Himmel, was dieser Erwin an ihr finden mochte! »No, siehste Erna, haste also auch noch einen gefangen«, sagte Babba, weil ihm nichts anderes einfiel. Und Peter ergänzte: »Ist ja auch kein Wunder, dass er so einem leidenschaftlichen weiblichen Wesen so bedingungslos verfallen ist...«, und Erna quietschte. Denn nun war sie verheiratet und durfte bei so was quietschen. Sie liebte Zweideutigkeiten, besonders die eindeutigen.

»Peter!« rief Mamma ihn zur Ordnung.

»Mein Erwin sagt manchmal auch so Sache, wo sich unsereins erscht garnix Böses dabei denkt. Aber direkt leidenschaftlich is er direkt net. Mein Erwin is so en ganz Ruhiger. Wenn mir e Viertelstund spazierngehn, da schläft dem schon der Arm ein.« Mamma zeigte den mitgebrachten halben Kuchen herum, der schon etwas antiquiert wirkte, und stellte ihn auf einen Kuchenteller — bitte zuzugreifen! Die Spenderin dankte, Mamma hatte heute schon so viel ..., Babba konnte beim Rauchen nicht, Heidi musste an ihre Linie denken (und daran, wie fabelhaft schlank dieser Fred Lindner war), und so war Peter der einzige ohne ästhetische und sonstige Bedenken und futterte den Kuchen allein.

»Soso, also Erwin heißt er«, sagte Babba, um das Gespräch im Gang zu halten.

»Ei ja, un der is halt net für große Hochzeitsfeiern, gell, wo sich fremde Leut auf eim seine Kosten de Ranze vollschlage, sagt er. Dafür soll mer lieber Möbel anschaffe, sagt er. Er is ewe sehr wirtschaftlich, de Erwin, gell.« »So. Aha.« »Also gefeiert hammir schon, gell, bloß im kleine Kreis, gell. Mein Erwin war ganz scheen blau. Der hat sogar mei Mamma geküßt.« »Soo blau?« staunte Peter.

»Ja, da is er direkt emal aus sich herausgegange. Aber er is lieber blau im kleine Kreis, sagt er, un nicht, wenn so viel Verwandtschaft dabei is. Dann sin die womöglich auch blau, und das is ihm wieder zu blau. Weil er verträgt des nicht, wenn annere blau sin, das verträgt er nicht. Wenn er selber blau is, des verträgt er schon, des ja, aber bei annere nicht, er ist ebe sehr eigen. Und sehr wirtschaftlich, gell. Und deswege wollt er auch lieber im kleine Kreis feiern, weil's ewe wirtschaftlicher is. Und meine Mamma wollt's ihm auch net direkt abschlage, denn es macht ja auch net soviel Arbeit, un vom wirtschaftliche Standpunkt ...«

Erna fuhr in diesem Sinne fort. Alles im selben Tempo, auf derselben Tonhöhe, ohne Punkt und ohne Komma, wie ein verschlammter Dorfbach mit einem halben Prozent Gefälle.

Peter erwog, sie mit dem großen Blumenkrug zu erschlagen, und schwang ihn drohend hinter ihrem Rücken. Heidi verstand aus der Schule die Kunst, den Lehrer mit starren Augen anzusehen und höchste Aufmerksamkeit zu simulieren, während sie ungestört an etwas ganz anderes dachte. Und jetzt, in Ernas Angesicht, dachte sie an Fred Lindner: ob er Sport trieb und einen Wagen hatte, ob diese inoffizielle Verlobung mit Fräulein Schneider noch lebe, ob er immer so nett sei, wie er vorhin zu ihr war, ob ihm ihr Kleid gefallen habe, ob er gestaunt habe, dass ihr Busen schon so groß ist, ob er versuchen werde, sie zu küssen, ob sie dann weglaufen oder zurückküssen werde, und dergleichen Wichtigkeiten mehr.

»Mein Erwin wollt ewe auch deswege im kleine Kreis feiern, weil ewe dann der Kreis auch kleiner is, gell, un da hat mer mehr davon, un weil es natürlich auch wirtschaftlich is ...« Erna brauchte nicht aufgezogen zu werden. Sie lief und lief und lief, bis man sie abstellte.


[...]


Im Schatten dieser Geräuschkulisse konnte Mamma ihrem Mann unauffällig den eingetretenen Notstand melden: Man hatte kein Geschenk für Erna. Als höflicher Mensch, der wusste, was sich gehört, würde Erna auch niemals ein Geschenk erwarten und es zunächst sogar mit allen Zeichen des Erstaunens als viel zu wertvoll ablehnen.

Andererseits würde sie aber auch diese Wohnung nicht verlassen, bevor sie nicht ihr Geschenk hatte. Würde man ihr aber klar sagen, dass man keins hatte, dann war Ernas Sippe beleidigt und die restliche Verwandtschaft auch, weil sie zähneknirschend Geschenke gekauft hatten, während die reichen Hesselbachs (ha!) mit ihrem Millionenunternehmen (haha!) sich drückten.

Nun hatte Babba, wie das bei Männern schon vorkommt, wenig Interesse an seiner eigenen Verwandtschaft und noch weniger an derjenigen seiner Frau. Verwandte haben ständig Geburtstage, es gibt Verlobungen und Hochzeiten, Konfirmationen und Kommunionen, zu denen man kommen oder mindestens schreiben muss. Und das auch noch mit der Hand, so dass man nie einen Durchschlag in den Akten hat, den man beim nächsten Fall als Muster verwenden kann. Entlobungen und Scheidungen werden zwar nicht gefeiert (obwohl dafür oft viel einleuchtendere Gründe vorlägen), jedoch führen sie meistens zu neuen Verlobungen und Hochzeiten, die man längst nicht mehr befürchtet hatte.

Auch die Beerdigungen wiegen nichts mehr auf, denn die Weltbevölkerung ist dabei, sich in den nächsten drei Jahrzehnten auf 6 Milliarden zu verdoppeln, und darunter sind dann auch garantiert doppelt so viel Verwandte! Ernas dicklicher Redefluss wälzte sich noch immer träge dahin, ohne Hoffnung auf ein Anhalten, geschweige denn sein vollständiges Versiegen. Denn wenn Erna nichts mehr einfiel, was sie noch nicht gesagt hatte, so wiederholte sie ohne Scheu und Unterbrechung alles von vorne.

Babba verstand, dass sie ohne Hochzeitsgeschenk von diesem Stuhl nicht weichen würde. Könnte man es ihr aber geben, hier und jetzt, so wäre sie in zwei Minuten draußen.

Babba hatte eine verwegene Idee. Mit plötzlicher Wut zischte er Mamma plötzlich ins Ohr: »Wie kannst du nur dieses Geschenk vergessen?! Wie stehen wir jetzt da vor der Familie!? Unerhört, was du mir da wieder eingebrockt hast! Jetzt bleibt mir wahrhaftig nichts anderes übrig ...« Und er stand mit einer gewissen Förmlichkeit auf und hielt eine Glückwunschrede an Erna, die aus reinem Zucker und Öl bestand. Große Freude für uns alle — mögest du auf dem gemeinsamen Lebenswege — Freuden der Ehe — der Mensch nicht allein sei — möge es auch an Nachwuchs nicht mangeln — möge dies und möge das ...

»Nun sind wir aber nicht ganz so unvorbereitet, wie du vielleicht annimmst, liebe Erna, und wir haben uns ein Geschenk für euch ausgedacht...« Mamma sah ihn ahnungslos an, die Kinder spitzten die Ohren, und Erna zeigte einen Ausdruck abgrundtiefer Skepsis, nachdem ihr Erwin die Geschenkresultate von sechs vorangegangenen Verwandtenbesuchen bereits herb kritisiert hatte.

»Es ist kein Geschenk für den Augenblick«, fuhr Babba fort, »es ist ein Geschenk, das euch begleiten möge durchs ganze Leben.«

Doch kein Elektroquirl, hoffte Erna: sie hatte bereits drei bekommen. »Ein nicht ganz kleines Geschenk!« Um Himmels willen, er wird ihr doch nicht unser Klavier schenken, durchfuhr es Mamma. Denn er hatte neulich dieses Klavier als das sinnloseste aller ihrer Möbelstücke bezeichnet und zugleich auch als das lästigste, weil niemand in der Familie Klavier spielen konnte, aber jeder unerträglich darauf herumklimperte.

»Möge dieses Geschenk inmitten all der schönen und mehr praktischen Geschenke, die du sicher auch bekommen hast...«

Mamma und die Zwillinge durchforschten ihr Gedächtnis nach unpraktischen goldgeprägten Alben, kamen dann auf den gesammelten alten Goethe, der nicht weniger als dreimal vorhanden und garantiert unbenutzt war. »... möge es ein Symbol der Kraft und des Lebenswillens für dich und die deinen sein und euch auf eurem ferneren Lebensweg begleiten!«

Schnaps, dachte Mamma und entspannte sich. Sie hatten im Keller eine ganze Kiste sehr repräsentativer Flaschen, die der Firma gehörten und als übliches Geschenk für fünfzigjährige Angestellte, für langgediente Betriebsjubilare, Ehrengäste, Auftragsbringer und prominente Besucher verwendet wurden.

Der röhrende Hirsch

Das medaillengeschmückte Etikett versprach dem regelmäßigen Genießer Kraft und Energie. — Eine sehr gute Idee. Dass sie nicht selber darauf gekommen war! » — So überreiche ich dir denn diese wundervoll lebensechte Bronzeplastik von keinem Geringeren als Oskar Deubel!« schloss Babba und zog Erna von den grinsenden Kindern und der tiefbeleidigten Mamma zum Blumenfenster, wo Lindner den Hirsch vorhin zwischen Philodendron- und Gummibaumblättern hingestellt hatte.

Mamma sah mit dem Vorwurf einer Verratenen wortlos zu ihrem Mann, aber der blickte sie vorsichtshalber nicht an.

Mamma hatte die Hirsch-Partie verloren. Wenn sie jetzt protestierte, gab es einen Familienskandal, und wenn sie den von Münzenberger geschätzten Kurswert des Hirsches von 7 Mark 5o preisgab, dann konnte der Skandal nur noch ärger werden.

Die Zwillinge grinsten zu Mamma hinüber, aber sie blickte so traurig drein, dass Heidi sie spontan küsste und Peter ihr durch beruhigendes Streicheln die Frisur zerdrückte.

Babba hatte den Hirsch inzwischen auf den Arm genommen wie eine Katze und ließ Erna nicht zu Worte kommen.

»Du musst wissen, dass uns dieses bedeutende Werk seinerzeit von einem berühmten Sammler moderner Bronzekunst anvertraut wurde, genauer gesagt der Mamma, also deiner Tante Mariechen, die sich daher auch gar nicht leichten Herzens davon trennt. Aber dennoch soll dieses Werk von dem zu seiner Zeit berühmten Oskar Deubel ...« »Wald«, sagte Peter.

»Was für'n Wald?« »Wald! Oswald Deubel, Babba!« »Naja, ob Kar oder Wald, jedenfalls ein allgemein bekannter Künstler, der in seiner Bronzeplastik das Röhren dieses Hirsches so recht lebensnah und gekonnt, aber doch symbolisch überhöht und in genialer Linienführung gewissermaßen vergeistigt und so weiter und so weiter — mit einem Wort; da hast du ihn!« Und er legte ihn Erna in den Arm wie einen Säugling.

Die Kinder schrien »Bravo!« Mamma sah Babba an und sagte tonlos: »Kall.«

Erna fand die Sprache wieder: »Aber das kann ich doch garnet annehme, Onkel Kall. Dass ihr euch von so einem Wertstück trennt. Das is doch viel zu teuer. Hätt' doch gelangt, wenn ihr mir irgendwas für meine Wirtschaft gegeben hättet — Toaströster hab' ich zum Beispiel noch keinen — weil nämlich mein Erwin, der denkt ja auch mehr wirtschaftlich, gell.«

Aber Babba ließ sich den Sieg nicht mehr nehmen: »Deine Bescheidenheit in allen Ehren, liebe Erna, aber geschenkt ist geschenkt. Geschenke nimmt man nicht zurück.«

»Am wenigsten diesen Hirsch«, pflichtete Peter treuherzig bei, und Heidi gab ihm einen gezielten Tritt gegen den Knöchel.

»Also keine falsche Bescheidenheit, Erna. Bist du mit dem Auto da?« »Ei ja, mit unserm Lieferwage, mer weiß ja nie, was die Leut' eim als für sperriges Zeug schenke, gell.«

»Sehr praktisch! Peter, du trägst den Hirsch zum Lieferwagen, und du, Heidi, gibst deiner Kusine das Geleit bis auf die Straße. Hopphopp, Bewegung! Schad', dass du nicht noch ein bisschen bleiben kannst, Erna, aber wir wissen ja, dass du weiter musst mit deinem Lieferwagen, und wir müssen ja auch weiter !«

So schwätzte er Erna, Kinder und Hirsch hinaus, holte dann tief Atem und stellte sich Mamma zu dem nach allen Verhaltensgesetzen Hesselbachschen Lebens jetzt fälligen großen Krach.


[...]

Es klingelte an der Wohnungstür. Und Mammas Programm lief an. Erna war gebeten worden, noch einmal vorbeizukommen.

Zum Kaffee.

»Siehst du, Ernachen, das hab' ich doch gleich gefühlt, dass dir unser Hochzeitsgeschenk nicht so richtig gefallen hat«, brachte Mamma bei der ersten Gelegenheit an, und Erna widersprach ihr nicht. »Der Babba hat mich da richtig überfahren.

Ich hab' nur deswegen nichts gesagt, damit du nicht etwa denkst, ich gönn' dir den Hirsch nicht. Aber einen Erinnerungswert hat er für dich natürlich nicht. Aber für mich hat er schon einen ...« »Ist das eigentlich wahr, dass du damals mit dem Kommerzienrat Hoxhohl was gehabt hast?« fragte Erna dazwischen, und Mamma wurde dunkelrot bis violett.

»Ei Erna!! Ei, wie kommst du denn dadrauf?« Sie zitterte so, dass sie beinahe das Stück Obstkuchen fallen ließ, das sie auf Ernas Teller legen wollte.

»Ei, weil meine Mamma hat mir erzählt, du wärst bei ihm im Büro gewesen, im wenn der nix mit dir gehabt hätt', dann wär des direkt en Wunder, weil der's doch bei jeder probiert hätt.« »Wenn deine Mamma das weiß, dann wird's wohl stimmen.

Deine Mamma war ja dort beschäftigt! Wenn sie solche Erfahrungen gemacht hat — ich jedenfalls nicht! Ich war ja nicht fest beschäftigt, nur Volontärin, um so mal den Betrieb kennenzulernen, weil meine Eltern doch mit Hoxhohls befreundet waren, während meine Kusine Hedwig — also deine Mamma — eine richtige Angestellte war.« »Noja, is ja auch wurschtegal.« Erna war entschlossen, diesen Obstkuchen nicht überleben zu lassen, und kaute aus vollen Backen am fünften Stück.

»Aber weil wir grad von dem Hirsch reden, Erna — ich meine, den vom Onkel Hoxhohl ... Ich durfte ja immer Onkel zu ihm sagen, und der Hirsch war ja auch sein Hochzeitsgeschenk ...«

»Ja, da hat sich meine Mamma auch drüber gewundert, dass mer so was verschenkt, weil's ja auch noch hinte draufsteht, auf dem Täfelche — von wem's is un deß es ewe e Hochzeitsgeschenk is, un auch noch von so eme Kerl, der's bei jeder probiert hat!«

»Also bei mir jedenfalls nicht, Erna, aber ich muss dir insofern recht geben, als die Idee, dir diesen Hirsch zu schenke, nicht von mir ist, sondern der Onkel Karl hat da ganz spontan, ohne mich zu fragen, dir was Gutes tun wollen. Und hat gar nicht so bedacht, dass das eigentlich kein geeignetes Geschenk ist, weil es doch mehr eine persönliche Erinnerung von mir ist. Aber das hat er halt nicht so bedacht, weil er ja auch die Zusammenhänge nicht so kennt.«

»Ja, des hat meine Mamma auch gesagt. Der Onkel Kall, der dät bestimmt die Zusammenhäng nicht kenne, sonst hätt' der dich bestimmt net geheirat.«

»Erna!« Mamma war hart im Nehmen, aber eine derartige Unverschämtheit! Doch dann dachte sie an die 5 000 Mark für zwei Hirsche und riss sich zusammen. »Jedenfalls hab' ich mir gedacht, es wär vielleicht in deinem Sinn und auch von deinem Erwin, wenn wir euch lieber was anderes zur Hochzeit schenken würden als ausgerechnet einen Hirsch. Und jetzt hätt' ich hier also dieses reizende Kaffeekännchen: das ist doch viel praktischer für einen jungen Haushalt. Ist das nicht goldig?«

»Noja. Halt so e Kännche ...«

»Und diesen alten Hirsch, den darfst du mir ruhig wiederbringen, das nehm' ich dir überhaupt nicht übel, Erna. Das war doch nur so eine typische Männerdummheit vom Onkel Karl, gell?«

»Ja, also, das Kaffeekännche, des nemm' ich schon, gell. Dankeschön auch, Tante Marieche. Viel Wert hat das ja nicht, gell. Ich hab' auch schon vier Kaffeekännchen zur Hochzeit gekriegt, no, und da kommt auch noch allerhand nach.«

»Ach, Kaffeekannen kann man gar nicht genug haben, Ernachen !«

»Die andern sind zum Teil auch besser als das da. Und übrigens, mein Erwin trinkt sowieso kein' Kaffee, der is so ...«

»Wirtschaftlich, ich weiß!«

»Nein, der ist so gegen aufpeitschende Getränke, sagt er. Aber ich tät das Kaffeekännche schon behalten, gell. So was kann mer ja immer brauche, zum Verschenke. Dankeschön auch, Tante Marieche. Aber den Hirsch will ich natürlich auch behalte.«

Das fehlte gerade noch, dachte Mamma. Jetzt bloß keine Panik und sie nicht verärgern! »Du verstehst mich nicht ganz, Ernachen. Diese Kaffeekanne geb' ich dir ja als Ersatz für den Hirsch. Den Hirsch hätt' ich halt ganz gern wieder. Weil's eben doch eine persönliche ideelle Erinnerung ist, die ja für Euch verständlicherweise keinen rechten Wert hat.«

»Ja, des hab' ich mir auch glei gedacht, dass der Hirsch kein' Wert hat. Un wie ich heimgekomme bin, da hab' ich auch gleich zu meim Erwin gesagt: Die Hesselbachs, die hawwe mir da vielleicht en ganz schöne Dreck angehängt. Und mein Erwin sagt auch: Jaja, die lieben Verwandten... Mußt schon entschuldige, Tante Marieche, aber des is die Wahrheit, und da kann mer sie ja auch sage. Aber dann hat mei Mamma gesagt: Dieser Hirsch is gut seine fünfhundert Mark wert.«

»Deine Mutter? Woher will die das denn wissen?«

»Ei, weil mei Mamma doch uff deiner Hochzeit war, und du hast ihr damals selber gesagt, der Hirsch wär' vom Hoxhohl un vierhundert Mark wert.«

»Nein, dreihundert!« warf Mamma hitzig ein.

»Siehste, un meine Mamma wollt's net glauwe, wie ich ihr gesagt hab: No, da wird die Tante Marieche die Hälft' dazu geloge hawwe. Jedenfalls mein Erwin, der hat dann gesagt, das is natürlich was anneres, da kann mer dann nix gege den Hirsch sage.«

»Ich möchte aber, um's noch mal ganz klar zu sagen, den Hirsch gern zurückhaben!«

Erna kaute und dachte nach. So etwas war ihr noch nicht passiert. »Ja, also des glaub' ich net, dass mein Erwin des mache dut. En Hirsch für vierhundert Mark gege so e Kaffeekännche, des wahrscheinlich im Ausverkauf für vier Mark fuffzig ...«

»Diese Kaffeekanne ist echtes Markenporzellan, meine liebe Erna, und sie ist ja auch, sozusagen und gewissermaßen, nur als Muster gedacht, nicht wahr. Um zu wissen, ob's dir gefällt. Und dann wollte ich dir selbstverständlich ein Essservice schenken — oder auch das Kaffeeservice, je nachdem, was du gern hättest.«

»Ach, was kann mer dann mit so e paar Sache anfange, wenn des Service net komplett is?!«

»Ich will ja grad damit sagen, dass es möglichst komplett sein soll«, sagte Mamma und rechnete fieberhaft aus, was das kosten würde. »Jedenfalls möchte ich eben aus gewissen persönlichen Gründen meinen Hirsch wiederhaben !« (Ja, es rentierte sich immer noch haushoch, fand sie kopfrechnend heraus).

Erna liquidierte das letzte Stückchen Obstkuchen. »No, des hab' ich aber auch noch net gehört, dass eins kommt un will seine Geschenke wieder! No, da weiß ich net, ob mein Erwin da seine Zustimmung erteile tut. Was soll das überhaupt für ein Service sein, für sechs oder zwölf Persone?. Weil ja ein Sechs-Persone-Service is ja natürlich net so viel wert wie ein Hirsch, wo schon vor vierzig Jahrn vierhunnert Mark gekost hat, haste ja selber gesagt — weil des ja ein Kunsthirsch is. Un Kunst steigt ja alsfort im Preis, sagt mein Erwin. Also bei einem Zwölfpersone-Service, da dät der vielleicht schon mit sich rede lasse — er ist ja garnet so — nur halt wirtschaftlich.«

[...]


aus: Die Hesselbachs. Babba. S. Mohn, Gütersloh, 1967




Zum Seitenanfang

2013-02-28

Das Brötchen

Buch

Schallplatte

von Wolf Schmidt



SIE und ER gerieten sich oft um einen kleinen Dreck in die Haare. Denn SIE liebte es nicht, wenn er eine seiner häuslichen Untaten ableugnete, und ER liebte es nicht, wenn sie ihn verdächtigte.

"Schatzel, hast Du etwa das Brötchen aufgegessen?" rief sie ihm eines Tages aufgeregt entgegen, als er noch nicht die Haustür hinter sich geschlossen hatte.

"Welches Brötchen?"

"Na das dritte Brötchen."

"Kindchen, sprich bitte nicht in Kreuzworträtseln. Ich weiß nichts von einem ersten und zweiten, geschweige denn von einem dritten Brötchen."

"Also stell' Dich nicht blöder als Du bist!"

"Aber Engelchen, der absolute Nullpunkt meiner Blödheit ist doch seit unserer Hochzeit längst erreicht", meinte er gleichbleibend freundlich.

"Also, Du hast das Brötchen gegessen, nicht wahr?"

"Welches Brötchen?"

"Das dritte. Ich hatte drei Brötchen in meiner Einkaufstasche. Und jetzt sind nur noch zwei drin!"

"Ich habe überhaupt nicht in Deine Einkaufstasche hineingeschaut."

"Du leugnest also, daß Du es gegessen hast?"

"Ich leugne es nicht, sondern ich habe es nicht gegessen! Sag mal, findest Du es nicht albern, wegen eines Brötchens mit mir eine Art Kreuzverhör anzustellen?"

"Ich finde es viel alberner, daß Du mir erst ein Brötchen aus der Einkaufstasche stiehlst und dann zu feige bist, es zuzugeben."

"S t i e h l s t - ist ja wohl nicht der richtige Ausdruck!" Er wurde nun doch etwas energischer.

"Wir wollen uns nicht um Ausdrücke streiten sondern Tatsachen feststellen", inquirierte sie weiter. "Ich wollte mit den drei Brötchen Reibekuchen machen. Mit zweien geht es nicht mehr. Und wenn Du meine Einkauftasche durchwühlst - -"

"Von durchwühlen kann überhaupt keine Rede sein. Aber selbst wenn ich sie durchwühlt hätte! Ich werde wohl noch in meinem eigenen Hause das Recht haben, ein Brötchen zu essen, wenn es mir Spaß macht!"

"Aber Du hast kein Recht, es dann hinterher abzustreiten."

"Ich streite es ja gar nicht ab."

"Na, das ist doch die Höhe. Du hast doch eben noch behauptet, Du weißt nichts von dem Brötchen."

"Natürlich. Ich weiß ja auch nichts davon."

"Willst Du mich verhöhnen?! Du hast doch eben zugegeben, daß Du es gegessen hast!"

"Ich??!! - - Ich habe gesagt, wenn ich das Brötchen gegessen hätte, dann würde ich es auch zugegeben haben. Aber da ich es nicht gegessen habe - -"

"Wo soll es denn sonst geblieben sein?"

"Was weiß denn ich? Du kannst mich doch nicht für jedes wildfremde Brötchen verantwortlich machen!"

"Es war niemand in der Küche außer Dir!"

"Und das genügt Dir bereits, um mich zu verdächtigen. Deinen eigenen Mann?! Glaubst Du, daß ich wegen eines lächerlichen Brötchens weiter einen solchen Zirkus mitmache?"

"Wer macht denn hier anders Zirkus als Du?!"

"Nun kochen mir aber bald die Kalorien über."

"Es geht ja nicht um das Brötchen sondern um das Prinzip."

"Dann kauf' Dir für 5 Pfennig Prinzip im nächsten Bäckerladen, und die Sache ist erledigt."

"Für Dich vielleicht. Für mich nicht. Was liegt denn mir an dem Brötchen - -"

"Was liegt denn mir daran? Und wenn uns beiden nichts daran liegt - Wozu, mein Goldkind, reden wir denn dauernd davon?"

"Weil Du erst sagst, Du hast es gegessen, und dann wieder sagst, Du hast es nicht gegessen. Mich empört Deine Unlogik!"

"Meine Unlogik!"

"Kannst Du leugnen, daß Du leugnest, daß Du geleugnet hast - -?"

"Ja, ich leugne es", brüllte er jetzt. "Ich leugne alles! Ich leugne meine eigene Existenz. Ich leugne die Existenz jeglicher Brötchen. Aber ich leugne nicht, daß ich mich vergesse, wenn Du noch ein einziges Mal 'Brötchen' sagst!!!"

"Ja, vergiß Dich nur", schluchzte sie. "Mich hast Du ja schon lange vergessen! So wie Du mich schikanierst!"

"Ich schikaniere Dich!? Ich Dich!? Bist Du ganz sicher, daß Du gemeint hast, ich schikaniere Dich? Ach, dieser Weiberlogik ist ja nur mit Atombomben beizukommen."

"Und die Männerlogik? Widerspricht sich viermal in einem Atemzug. Erst hast Du gesagt, Du weißt nichts von dem Brötchen. Dann hast Du gesagt, es ist Dein Recht, es zu essen. Dann hast Du gesagt, Du streitest ab, es gegessen zu haben, dann - --"

"Ja!!!" schrie er außer sich. "Ja! Ich habe das Brötchen gefressen. Ich habe es Dir aus der Einkaufstasche gestohlen. Ich habe die Tat geleugnet, weil ich zu feige war, sie zuzugeben. Und jetzt gebe ich alles zu, was Du willst, weil ich am Ende meiner Kräfte bin! Aaaber wenn jetzt noch ein einziges Mal das Wort 'Brötchen' fällt, werde ich mich erbarmungslos selber demontieren."

Natürlich begann sie nach diesem Gebrüll heftig zu weinen. Tränen waren seine schwache Seite.

"Bitte, heul' nicht. Alles, nur das nicht", lenkte er ein. "Komm, bitte bitte, sprechen wir dann lieber noch ein bißchen von dem Brötchen."

"Wa wu da ta -

"Wie bitte?"

"Wa wu da ta --"

"Wenn es Dir nichts ausmacht, sprich' die Sache mal litte erst ins Trockene."

Ihr Körper wurde von wildem Schluchzen geschüttelt. Sie verstand sich auf das Hochdramatische.

"Engelchen, Liebstes, Goldfasan! Nu weine doch nicht immerzu! Wir hatten doch gerade so nett angefangen, uns gemütlich zu unterhalten. Was sagtest Du eben gerade so richtig?"

"Warum - hast - Du - das - getan?"

"Was?"

"Ohhhhh - -" Ein neuer Weinkrampf.

"Ich habe es getan", rief er eilig und beschwörend, "weil ich ein egoistischer, heimtückischer und bösartiger Rohling bin. Weil ich - -"

"Ach, Du spottest ja wieder nur! Du hast es getan, weil Du mich nicht mehr  - -"

"Weil ich Dich nicht mehr liebe! Ja, ja - jetzt sind wir wieder bei unserm Lieblingsthema angelangt. Weil ich nicht mehr so zu Dir bin wie früher, nicht wahr, weil ich kälter geworden bin, weil ich hinter andern Weibern herschaue und Dich satthabe, wie Du mir immer vorleierst. Bist Du nun zufrieden?! Ich gebe zu, was Du willst, aber hör' mit der Heulerei auf."

Da wurde sie plötzlich kalt und böse: "Du bist ein egoistischer, gefühlsroher Mensch - - -"

"Das ist ja mein Reden."

"Du bist ja pervers -

"Natürlich, das hab ich noch vergessen."

"Ich hasse Dich! Ich könnte Dich in diesem Augenblick ermorden."

"Na bitte, bitte, bediene Dich! Immer feste. Es ist ja klar, daß die Veruntreuung eines Brötchens einen Mord vollkommen rechtfertigt -"

"So sei doch still!! Ich kann Dein zynisches Reden nicht mehr ertragen. Hast Du kein Gefühl dafür, daß jedes Deiner Worte schlimmer ist als Mord? Geh' weg von mir, so geh' doch!!! Und nimm Deine beiden andern Brötchen auch noch mit. Da!!!"

Und damit warf sie ihm ihre Einkaufstasche vor die Füße. Heraus rollten - drei Brötchen.

Schweigend genoß er seinen Triumph.

"Da - das sind ja drei Brötchen", sagte sie schließlich zögernd.

"Wieso", antwortete er von oben herab. "Es sind zwei. Das muß ein Sehfehler sein. Darf ich Dir die zwei Brötchen wieder in Deine Tasche legen?"

"Das dritte Brötchen muß sich ins Futter verwickelt haben."

"Das dritte Brötchen ist überhaupt kein Brötchen. Es ist der Geist des Brötchens, das ich gefressen habe." Er hatte endgültig Oberwasser und zeigte die tragische Miene des unschuldig Verdächtigten.

"Schatzelmann - - da - da - habe ich Dir jetzt aber sehr unrecht getan", piepste sie. "Jetzt schäme ich mich aber doll."

"Erkenntnis der Torheit ist der erste Schritt zur Weisheit", sagte er milde.

"Ja, warum aber hast Du denn um Himmels willen selbst gesagt, daß Du das Brötchen gegessen hast?"

"Mein liebes Kind, es gibt Angeklagte, die eine schnelle Hinrichtung einer langsamen Untersuchung vorziehen."

"Versprich' mir, daß wir uns nie wieder wegen einer solchen Lappalie streiten werden", schmeichelte sie und küßte ihn reuig.

"Na schön, aber wegen was wollen wir uns sonst streiten?"

"Warum muß man sich denn überhaupt streiten?"

"Weil die Ehe sonst viel zu langweilig wäre. Siehst Du, und deswegen hat der liebe Gott dem Weib die Gabe verliehen, um das kleinste Brötchen den größten Krach anzufangen."

"Ach, sag' nur noch, daß wir immer an allem schuld sind."

"Ich werde mich hüten, so was zu sagen. Dann hätten wir in einer Minute schon wieder den schönsten Streit, der dann nur dank meiner männlichen Überlegenheit nicht zu Scheidung, Körperverletzung und Totschlag führen würde", lachte er, nunmehr völlig besänftigt.

"Hihi, männliche Überlegenheit! Ich möchte wissen, worin die besteht?"

"Mein süßes kleines Herzchen", begann er behaglich zu dozieren, ohne die entsetzliche Wendung zu ahnen, die diese Brötchenaffäre gleich noch nehmen sollte. "Unsere männliche Überlegenheit besteht darin, daß wir gegenüber Vorwürfen, Verdächtigungen und hysterischen Szenen unserer Frauen Gleichmut bewahren. Daß wir auch in Augenblicken der Erregung nie unser kühles Denken verlieren. Und daß es für uns, speziell für mich, schlechterdings keine Situation gibt, durch die ich mich zu einem menschenunwürdigen Ausbruch hinreißen ließe, mit einem Wort: daß mich meine eiskalte Gelassenheit niemals auch nur einen Augenblick verläßt."

Sie unterbrach ihn mit plötzlich verdüsterter Miene: "Schatzel, mir kommt da eben ein Verdacht. Waren denn nicht überhaupt vier Brötchen in der Einkaufstasche gewesen?"

Mit einem Wutschrei, der nichts Menschenähnliches mehr hatte, warf er einen gerade neben ihm stehenden Blumentopf mitten in den großen Garderobespiegel hinein.


Alle Original-Texte von Wolf Schmidt


Zum Seitenanfang

2013-02-16

Die Hessen

Wie sind sie eigentlich, die Hessen?

von Wolf Schmidt (1963)



Ein Schwabe hat diese Frage einmal so beantwortet: "Sie sind - e bißle direkt ..." In der Tat. Und sie verfügen über mehr als hundert Sorten Direktheit, so wie sie über hundert Sorten Dialekte verfügen. Rheinhessisch, Oberhessisch, Fuldaer Platt, Frankfurterisch, Darmstädterisch, Määnzerisch - das alles gehört zwar zur hessischen Sprachfamilie, aber die sprachlichen Unterschiede beginnen noch nicht einmal an den Stadtgrenzen, sondern schon innerhalb der Stadtteile, ganz zu schweigen von den umliegenden Dörfern, die so verschiedene Dialektversionen haben, daß manchmal über ein paar Kilometer Entfernung Verständigungsschwierigkeiten auftauchen.

Vielleicht rührt das "Direkte" auch daher, daß die Hessen nicht gerade leise reden und nicht zu wenig - sie rechnen eben immer mit der Möglichkeit, daß ihr Gesprächspartner schwerhörig oder begriffsstutzig oder gar beides ist.

Bei solcher "Direktheit" kann man eins den Hessen nicht vorwerfen: daß sie "falsch" seien.

Sie tragen ihr Herz auf der Zunge, un net nur e klei Zippelche, sonner gleich e ganz Maul voll.

Nun ist "Herz" im hessischen Fall nicht im poetischen Sinne mit "Innigkeit" oder überströmender Güte gleichzusetzen - dem steht schon ein altes hessisches Sprichwort entgegen: "Des is all ganz wurscht wann's Herz nur schwarz ist." Wenn die Hessen eins nicht sein möchten, dann ist es "sentimental". Und wenn sie es doch einmal sind, dann höchstens aus Versehen und am falschen Platz. Wenn sie mit etwas kokettieren, dann am ehesten mit ihrer rauhen Schale.

Erstens macht es am wenigsten Mühe, man braucht nur zu sagen, was man gerade denkt, und Grobheit gilt auch anderswo als untrügliches Zeichen von "Persönlichkeit".

Und zweitens sagt ihnen ein listiger Instinkt, daß ihr Gegenüber vielleicht dumm genug sei, an das hochdeutsche (und damit von vornherein dubiose) Sprichwort zu glauben "Rauhe Schale, goldner Kern" . In Hessen gibt es keinen Goldbergbau, wir haben Basalt.

Wolf Schmidt über Babba Hesselbach


Aber es läßt sich reden mit den Hessen (wenn sie einen zu Wort kommen lassen), und es läßt sich gut auskommen mit ihnen, wenn man nicht alles so wörtlich nimmt, was den Nichthessen im ersten Moment vor den Kopf stößt. Seien Sie versichert, was Ihnen normalerweise als "grob" vorkommt, ist bei einem Hessen nichts als ein Zeichen seiner Wertschätzung: Er nimmt Sie für voll, er schätzt Sie ebenso hoch ein wie sich selbst. Und was Höheres gibt's ja nirgends. Er beweist Ihnen damit nur sein gutes Gewissen, das Speichelleckerei nicht nötig hat.

Sollte er aber darüber hinaus einmal wirklich grob werden (er selber findet das noch lange nicht "grob", sondern er sagt's Ihnen halt nur "ohne Ferz"), dann können Sie fest rechnen mit seiner Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Vertragstreue. Denken Sie bloß nicht, daß er sich von Ihnen an den Wagen fahren läßt. Der wütende Hesse ist der zuverlässigste Hesse, der Ihnen in zähneknirschender Pflichterfüllung beweist, daß er kann, auch wenn er nicht will.

Dagegen seien Sie vorsichtig mit dem höflichen Hessen. "Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist", sagte Goethe - und sicherlich hatte er dabei Erfahrungen mit seiner hessischen Umgebung im Auge. Nun werden die Frankfurter wieder einwenden, daß sie nie was mit den Hessen zu tun hatten und erst zwangsweise nach 1945 ... und daß ihr Goethe schon gar nicht ...! Unsinn. Wer gedichtet hat "Neiche, Du. Schmerzenreiche ...", ist Hesse, auch wenn es damals noch nicht so hieß, und die größten hessischen Dialektdichter sind und bleiben neben Darmstadts Niebergall die Frankfurter Friedrich und Adolf Stoltze.

Nichts gegen die Hessen, die auf hochdeutsch höflich sind. Aber Höflichkeit oder gar Überhöflichkeit auf hessisch - das ist Unnatur, das ist reiner Hohn, ein Brechmittel.

Wie also sind die Hessen wirklich? Unter uns gesagt: genauso wie die andern auch. Nicht besser und nicht schlechter. Es gibt sone und solche.

Jede Verallgemeinerung haut auch im hessischen Fall daneben. Also was soll das Gebabbel?

Ein paar kleine Beobachtungen, was eim so uff-fällt, liewer Himmel, jetz mache Se net glei e Gedees von wege "Nest beschmutze" un so, Sie sin ja garnet perseenlich gemeint, rege Se sich doch net uff.
Gewitternochemal, sowas Zickiges, bloß weil mer doch, weißderdeiwel, nur ganz heeflich uf e dumm Frag e dumm Antwort gewwe hat ...

WOLF SCHMIDT
Oberhesse



»Hessisch ist eine Gesinnung«


Der nebenstehende Multimedia-Clip ist ein Ausschnitt aus »Ich sach' ja nix, ich red' ja bloß!« von Peter Knorr und Lionel van der Meulen. Wolf Schmidt ist darin mit einer humorvollen Darstellung der Hessen und des Hessischen zu hören.



Alle Original-Texte von Wolf Schmidt


Zum Seitenanfang

2013-02-09

Brief an eine Abiturientin

Eine Betriebsanleitung für das Leben

Es folgt hier ein Brief von Wolf Schmidt, der an mich gerichtet war - und der auch einige persönliche Bemerkungen enthält. Er hat ihn mir 1959 zu meinem bestandenen Abitur geschrieben, und man erkennt sehr deutlich, wie die Denkweise damals war, aus der heraus diese Lebensregeln erfolgten.

Natürlich war mein Vater bestrebt, mich - als Tochter - im Rahmen des Zeitgeistes der Nachkriegsjahre vor Enttäuschungen und Misserfolgen zu bewahren. Dazu gehört auch, mir nicht zur Rebellion, sondern zur pragmatischen Fügung in die Verhältnisse zu raten. Viele andere Passagen vermitteln aber eine erstaunliche Einsicht in die Kunst, mit anderen Menschen umzugehen und sind heute noch gültig und beherzenswert.

Anja

Brief, erste Seite, Anfang

4. 3. 1959

Liebe Anja!

Was sollte wohl ein Vater seiner Tochter zum bestandenen Abitur schreiben, nachdem Freude, Erleichterung und Lob gebührend zum Ausdruck kamen? Nun, vielleicht eine kleine Zwischenbilanz seit dem eigenen Abitur, ein kleines Selbstinterview über die Kunst des Hineintretens und Nichthineintretens in Fettnäpfchen. Da wir zur Hälfte aus dem gleichen Material gemacht sind und die Situationen, in die der Mensch geraten kann, garnicht so sehr zahlreich sind, wirst Du irgendwann vor ähnlichen kleinen und großen Entscheidungen stehen wie ich. Dann kann vielleicht die Erinnerung an diese oder jene Erfahrung ihres Alten ein Signal für die Junge sein. Es ist ja nicht unbedingt nötig, sämtliche Fehler der vorangegangenen Generationen zu wiederholen.

x

Mein Vater hat mich so vermutlich vor beträchtlichen Unannehmlichkeiten bewahrt. Am Tage nach dem Abitur, kurz vor meiner Abfahrt nach Paris zeigte er mir einen Nachbarn, der, solange ich mich an ihn erinnern konnte, im Rollstuhl spazieren gefahren wurde. Ich hatte mir nie Gedanken gemacht, warum wohl. Es war eine Dreiviertellähmung infolge einer verschleppten Syphilis. Das Bild dieses Mannes ist seitdem nie in meiner Erinnerung verblasst. Mit dem weiblichen Gegenstück dazu hast du selbst eine Zeit lang Tür an Tür gewohnt: ein Mädchen aus wohlhabender Familie, durch ein Kind verfemt, vereinsamt, vergrämt, um ihr Erbe gebracht - innerhalb einer Sekunde hat sie die Weiche ihrer Lebensschiene in Richtung Trostlosigkeit und Verbitterung herumgeworfen.

x

Sehr viele Annehmlichkeiten sind nur mit dem Risiko erheblicher Unannehmlichkeiten zu erreichen. Und die größten Enttäuschungen im Leben ergeben sich u. a. dadurch, daß unser Wunschdenken die Annehmlichkeiten viel zu hoch und die Unannehmlichkeiten viel zu niedrig einschätzt.

x

Was hat mir bisher am meisten geschadet? Zu vieles und zu offenes Reden, ohne daß es notwendig gewesen wäre. Aus Eitelkeit, aus Eifer, aus Rechthaberei und auch aus angeborener Neigung zum Vielreden (die Du leider mitbekommen hast). Gewiss, ich habe mit ihr auch manches erreicht. Aber der Trieb, jedermann zu allem gleich meine Meinung zu sagen, hat mir viel verdorben. Zumal jede Meinung lückenhaft und in kurzer Zeit überholt ist. Überdies will kaum jemand wirklich die Meinung eines anderen erfahren. Man gewinnt nichts, sie ungefragt mitzuteilen, vor allem wenn sie unangenehm ist. Die meisten Menschen sind eitel und empfindlich, was ihre Person und Meinung angeht. Was sie wünschen - auch wenn sie das Gegenteil behaupten - ist nie ehrliche Kritik sondern Bestätigung. Diesen Gefallen braucht man ihnen nicht zu tun. Aber man kann schweigen.

Viele glauben, nicht schweigen zu dürfen, weil es den Eindruck der Dummheit erwecke. Das Gegenteil ist richtig. Wer sein Herz und alles, was ihm gerade durch den Kopf schießt, auf der Zunge trägt, wird insgeheim von den anderen als dumm und unreif angesehen. Man nennt ihn mit einem gewissen Mitleid einen "armen, ehrlichen Kerl". Wer schweigen kann, vermag damit wirksamere Kritik zu üben als durch Argumente. Es macht den anderen unsicher. Es bietet keine Angriffsfläche, es kann als Takt, als Überlegenheit, als Ausdruck gründlichen Durchdenkens gedeutet werden. Es lässt ein Geheimnis. Wir sollten das Geheimnis unseres Inneren niemals und vor niemandem ganz enthüllen, selbst wenn nicht viel zum Verstecken da ist. Am wenigsten sollte es ein junges Mädchen tun.

x

Was hat mir bisher am meisten genützt? Bewusstes Streben, mich in die Situation des jeweiligen Gegenspielers hineinzuversetzen, seine Wünsche zu ahnen, seine Argumente vorauszusehen, seine Vorurteile richtig einzuschätzen und seine Schwierigkeiten zu begreifen.

Es gibt nichts Vertrauenerweckenderes, als aus dem Munde eines anderen die eigenen Gedanken richtig dargestellt und verständnisvoll beurteilt zu sehen. Eine der ewigen Sehnsüchte des Menschen ist, sich verstanden zu fühlen. Da sie selten befriedigt wird, reicht oft ein Weniges an Verstehen aus, um impulsive Menschen ein Übermaß an Vertrauen verschenken zu lassen. Das ist nicht logisch - denn Einfühlungsvermögen hat nichts mit Vertrauenswürdigkeit zu tun - aber das Gefühl agiert oft gegen die Logik.

Viele Menschen leiden bewusst oder unbewusst darunter, daß niemand ihnen richtig zuhört. Einem Menschen eine Stunde schweigend zuhören, bringt ihn Dir zehnmal näher, als eine Stunde mit ihm sprechen. Das gilt nicht nur für die Kleinen. Im Gegenteil, diese Art von Einsamkeit wächst mit der Höhe der Position.

x

Worin schien mir Selbsterziehung immer am notwendigsten? In der Beherrschung des Tons und des sprachlichen Ausdrucks. Ich neige zu Aufwallungen der Empörung oder Begeisterung, die meistens mit einem deutlich fühlbaren Blutandrang im Kopf verbunden sind. Das führt zu einem zu lauten Ton und überscharfer Formulierung an sich vielleicht richtiger Gedanken. Wenn ich das bei anderen bemerke, macht es auf mich einen schlechten Eindruck, also dürfte umgekehrt dasselbe der Fall sein.

Es gibt Leute, die in solchen Momenten auf 10 zählen, um sich zu fassen, oder vor einem neuen Satz zunächst tief atmen. Wirksamer ist für mich die Vorstellung, wie lächerlich ich wohl auf den anderen wirken mag. Denn jeder Mensch in Erregung wirkt auf den Nichterregten vorwiegend komisch.

Das Rezept, eine solche Aufwallung, die einem vielleicht schon zum Teil herausgerutscht ist, aufzufangen und ihre fatale Wirkung zu stoppen, ist sehr einfach und ein Generalrezept der captatio benevolentiae: man muss sich im gleichen Atem über sich selbst lustig machen und dem ganzen den Anstrich einer scherzhaft gemeinten Show geben.

x

Warum hat es die Frau schwerer als der Mann, vor ihren Mitmenschen zu bestehen? Sie wird weitgehend nach ihrem Äußeren beurteilt, muss also weit mehr darauf achten als der Mann. Eine ungepflegte oder gar schlampige Frau stößt auf ziemlich einhellige Ablehnung der Männer.

Sie erwirbt sich zwar leicht die Sympathien anderer Frauen, aber ausschließlich aus dem Grunde, weil sie als Konkurrenz ausscheidet, Männer untereinander reden im allgemeinen nicht sehr taktvoll, oft - auch in sogenannten gebildeten Kreisen - ausgesprochen gemein von Frauen, ohne daß dies übrigens tatsächlich so gemeint ist. Es geht dabei fast ausschließlich um die äußere Erscheinung, nicht um ihren Geist und ihr Gefühlsleben. Der weibliche Verstand ist bei den Männern in letzter Linie gefragt, sie halten nicht viel davon und erwarten nicht viel davon, trotz allem gegenteiligen Gerede. Wenn ein Mann etwa eine Kollegin in höherer Position wegen ihrer Einsicht und Leistungen lobt, so ist zu ergänzen "also wirklich eine Ausnahme". Obwohl sie es Frauen gegenüber wohlweislich nicht aussprechen, sind die meisten Männer davon überzeugt, daß Frauen als Hilfskräfte außerordentlich geeignet sind, jedoch an leitender Stelle nur Scherereien schaffen. Sie fürchten die Frauen nicht eigentlich als Konkurrenz sondern eher wegen der Scherereien, die sie machen könnten. Diese Einstellung ist sicher falsch, aber es ist gut zu wissen, daß sie generell vorhanden ist.

Die dumme wie die kluge Frau sind in gleicher Weise Gegenstand bissiger männlicher Bemerkungen. Es gibt nur einen Typ, der ihnen keine Angriffsfläche bietet und daher ihre Achtung hat: Die äußerlich gepflegte, geschmackvoll angezogene, hübsche Frau mit einer deutlich ironischen und selbstironischen Einstellung.

Sich diesem Typ anzupassen, ist ein Gebot der Klugheit. Äußerlich bedeutet das: eine junge Frau muss so aussehen, als sei sie soeben dem Bad entstiegen und als seien ihre Kleidungsstücke soeben aus der Bügelstube bezw. aus der Reinigungsanstalt gekommen.

Und zwar sollte sie zu jeder Zeit so aussehen. Innerlich bedeutet es keinesfalls Nihilismus sondern vielmehr eine nachsichtig-optimistische Grundhaltung, etwa: "es ist ja dies und jenes nicht so furchtbar wichtig, und ein bisschen lässt sich sogar darüber lächeln". Ein Lächeln, das nicht aus der keep smiling-Retorte kommt, sondern einfach der Ausdruck einer nachsichtigen Grundhaltung den anderen Menschen gegenüber ist, wird zu allen Zeiten das beste Makeup der Frau sein. Es kann aber auch eine Zuflucht sein, um in elenden Stunden Haltung zu bewahren. Nie darf man einer solchen Frau ansehen, daß sie indisponiert ist oder wütend oder schlechter Laune. Sie klagt nicht, sie jammert nicht, sie beschuldigt nicht, auch wenn ihr so zumute ist - denn sie weiß, daß all dies kein Mitleid erweckt, sondern sie lediglich den anderen lästig, ja unerträglich macht. Auch darum hat sie es schwerer als der Mann.

Die Frau hat ihre besten Jahre zwischen 2o und 3o, die des Mannes beginnen erst mit 3o. In diesen zehn Jahren sollte sie sich verheiraten. Auch hierin ist sie benachteiligt, denn noch immer ist der Mann der Wählende, und die Größe ihres Bekanntenkreises hängt ab von dem Gewählt-Werden, sei es auch in unverbindlichster Form. Es ist sinnlos, sich diesen ungerechten, aber gleichwohl vorhandenen Erscheinungen entgegenstellen zu wollen.

Bei der Kürze der Zeit ist es töricht, etwa Ehemöglichkeiten aus dem Wege zu gehen, weil man sich in den Kopf gesetzt hat, erst später zu heiraten. Es ist falsch, einen ernstzunehmenden Bewerber aus solchen Erwägungen von vornherein abzuhängen. Es ist ebenso falsch, in diesem Alter ein Verhältnis einzugehen, von dem man bereits weiß, daß es nicht zu einer Ehe führen wird. Wozu es auch führt, es ist in jedem Fall ein Zeitverlust. Denn der Mann hat Zeit, die Frau hat keine. Darin liegt eine schwerwiegende Benachteiligung.

Allein deshalb können auch bindungsfreie Liebesverhältnisse der Frau niemals unter dem gleichen Gesichtswinkel betrachtet werden wie solche des Mannes.

Für den Mann bedeutet das Eingehen einer Ehe einen Verzicht auf Freiheit, ein Mehr an wirtschaftlicher und moralischer Verantwortung und damit gewöhnlich ein Mehr an Arbeit. Je älter er ist, d. h. je besser er dies übersieht, desto zögernder wird er an eine Ehe herangehen und sich fragen: "Was handle ich dagegen ein?" Und was kann er denn hoffen einzuhandeln? Im Grunde nur eins: ein Mehr an Glück. Wenn die Frau dies nicht erkennt und nicht ihre wichtigste Aufgabe darin sieht, das für seinen Fall richtige zu tun, damit er sich im Großen und Ganzen glücklich fühlt, dann arbeitet sie gegen sich selbst. Wenn eine Frau meint, sie werde um ihrer selbst willen geliebt, so wie sie ist, und ohne irgendetwas noch dazu tun zu müssen, so vergisst sie, daß die Zeit alle Dinge ändert. Man wird nicht schöner, und der Reiz der Neuheit verliert sich rasch. Wenn die Frau es nicht versteht, sich dem Mann anzupassen und ihm -wie es auch immer im Einzelfall angepackt werden muss - ein Zuhause zu bereiten, das er ungern verlässt, dann hat sie die Partie verloren.

Nun ist der Mann gewöhnlich ziemlich skeptisch und glaubt nicht ohne weiteres, daß sich die Dinge so günstig entwickeln werden.

Er befürchtet vielmehr, er werde sich der Frau anpassen müssen, er werde herumdirigiert und zu einem Lastesel gemacht werden, er werde keineswegs ein Mehr an Glück, aber dafür ein Weniger an Ruhe haben und - wie immer sich die Sache auch weiterentwickele - in jedem Fall der Verlierer sein. Um wieviel bequemer ist für ihn eine oder mehrere Geliebte, sagt er sich da leicht. Sie wollen geheiratet werden, und der jederzeit mögliche Abbruch der Beziehung hält sie im Zaum. Das Gesetz ist gegen sie, sie können nichts fordern, nur bitten. Ihr Glück und ihre wirtschaftliche Existenz hängen an einem einzigen Faden, den der Mann in der Hand hält, den er straffen oder lockern oder kurzerhand durchschneiden kann.

Die Geliebte eines Mannes zu werden ist für eine junge Frau ein großes Risiko. Sie wird es unter Umständen eingehen müssen, wenn vermutet werden darf, daß aus dem freien Verhältnis eine Ehe wird. Ist diese Ehe nicht zu erwarten, so können in Endergebnis nur Enttäuschungen und schwere seelische Belastungen dabei herauskommen.

Denn auch darin hat es die Frau schwerer: ihr Seelenleben ist komplizierter, wesentlicher auch für ihre körperliche Konstitution und daher schmerzhafter. Die Frau ist konservativ, sie will das Bestehende erhalten, am liebsten wäre ihr, sie könnte den Uhrzeiger in einem besonders schönen Augenblick anhalten und diesen Augenblick in alle Zukunft weiterleben. Sie hängt an der Vergangenheit und hat immer ein ungewisses Grauen vor der Zukunft.

Das Seelenleben des Mannes ist in viel höherem Maße durch Denkvorgänge bestimmt. Das rein aus dem Gefühl kommende "Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt" kennt er im allgemeinen nur in den Entwicklungsjahren. Er kann sein Seelenleben abschalten. Hierzu genügt eine Zeitung oder ein geschäftliches Telefongespräch.

Sein Blick ist immer in die Zukunft gerichtet, er ist ein rerum novarum cupidus. Darin liegt seine Gefahr für die Frau, die ihn liebt.

Eindrucksvolle Beispiele beweisen, daß eine Frau fähig ist, einen Mann weiterzulieben, auch wenn er sie abscheulich behandelt, und wenn der normale Verstand dagegen spricht. Die Liebe der Frau sitzt in ganz anderen seelischen Bezirken als die des Mannes.

Sie besitzt die Fähigkeit, unglücklich zu sein und dennoch zu lieben, während bei ihm die Liebe gewöhnlich mit der Erkenntnis endet, daß er in seiner Vorstellung eine Frau geliebt hat, die in Wirklichkeit garnicht existiert sondern eine völlig andere Persönlichkeit ist.

Trotz und wegen alledem bleibt auch heute das einzige vernünftige Ziel einer normalen jungen Frau: heiraten und Kinder kriegen. Um dahin zu gelangen, muss sie alles einsetzen, was ihr die Natur zu diesem Zweck gegeben hat, und sie muss es mit Vernunft, Geschmack und Maß einsetzen. Da aber auch die Möglichkeit besteht, daß sie nicht heiratet, muss sie zugleich auch ein zweites Ziel ansteuern: einen Beruf, den sie so gründlich erlernt, daß sie damit notfalls auch allein ihren Weg gehen kann.

x

Was sollte man von "den anderen" erwarten? So wenig wie möglich.

Indem man erwartet, daß andere Menschen etwas für einen tun, offenbart man einen naiven Egoismus, der übersieht, daß auch "den andern" dieser Egoismus eigen ist und sie daran hindert, etwas zu tun, was sie nicht tun müssen.

Gewiss gibt es spontane Guttaten, hinter denen kein Zweckdenken sondern schöne Nächstenliebe steckt. Sie sind nicht die Regel. Man darf sich über sie freuen und für sie besonders dankbar sein, aber man darf nicht mit ihnen rechnen.

Was man wird, wird man durch sich selbst. Die anderen können als Vorbilder oder warnende Beispiele dienen. Man kann ihren Rat erbitten und ihre Hilfe, und sie werden vielleicht sogar viel helfen.

Das Entscheidende kann man aber nur selbst tun.

Umgekehrt ausgedrückt: Man muss, sobald man nicht mehr Kind ist, die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Man darf nicht anderen die Verantwortung zuschieben und sich hinter ihr verstecken. Bei solchem Verfahren schneidet man sich ins eigene Fleisch. Man kann jemandem zwar sagen "Dafür bist Du verantwortlich". Aber wird der andere das anerkennen und den Schaden ersetzen? Kaum.

Ein sicherer Weg zum Welt- und Menschenüberdruss ist, Hoffnungen in andere zu setzen. Denn Enttäuschungen sind unausbleiblich.

Wer garnichts von den anderen erwartet, wird immer wieder angenehm überrascht werden und finden, daß es im Grunde eigentlich sehr viele nette Menschen gibt.

x

Was erzeugt seelische Giftstoffe? Vor allem das Wort "Schuld". Es ist sachlich falsch, wenn man sagt: X hat Schuld an dem Ereignis Y. Richtig wäre: Das Verhalten von X ist die unmittelbare Ursache für das Ereignis Y.

Die namentlich bei gefühlsbetonten Menschen häufige Gleichsetzung Ursache=Schuld erzeugt Zerrbilder der Wirklichkeit. Wer den Ablauf der Dinge im wesentlichen als eine Aufeinanderfolge schuldhafter Handlungen sieht, lebt in einer Welt, die nicht existiert. Durch diese gefährliche Naivität kann es geschehen, das er mit der wirklichen Welt nicht fertig wird.

Unser Egoismus erzeugt in uns sehr häufig die spontane Empfindung "Alle anderen sind schuld, ich allein bin unschuldig". Wenn der Verstand sie ehrlich überprüft, muss er sie als falsch verwerfen. Aber unserer inneren Aufrichtigkeit steht mächtiger Trieb nach Bequemlichkeit als Hindernis im Wege. Es ist soviel bequemer, das für richtig zu halten, was einem gerade in den Kram passt, und Begründungen dafür notfalls an den Haaren herbeizuziehen, als sich mit einer unbequemen Tatsache sachlich auseinanderzusetzen.

Die folgenschwerste aller Sorten von menschlicher Dummheit ist Dummheit, Schuldige zu suchen und leichtfertig zu finden. Auf ihr beruhen alle Sorten von Krieg, vom kleinsten Ehekrieg angefangen, über den Nachbarn- und Betriebskrieg bis zum Rassenkrieg und Weltkrieg.

Kein Problem ist durch Beschuldigung zu lösen, nicht das private, nicht das öffentliche. Jede Beschuldigung ist eine unzulässige Vereinfachung und enthält somit unwahre Bestandteile, ist also in gewissem Umfang ungerecht.

Wenn man bei der Analyse einer Tat alle nicht dem Willen des Täters unterliegenden Ursachenmomente sauber trennt von den echten Schuldmomenten (d. h. von einem vorsätzlich rechts- und pflichtwidrigen Handeln), dann erweist sich, daß alles nicht so einfach liegt, wie es aussieht.

Schließlich pflegt auch jede Beschuldigung eine Gegenbeschuldigung hervorzurufen, und der weitere Verlauf ist gewöhnlich ein Triumph der Dummheit.

x

Gibt es Gerechtigkeit? Man kann und soll sie anstreben, aber man wird sie nie erreichen, namentlich dann nicht, wenn man Richter und Partei in einem ist.

Vorsicht vor den Menschen, die die Gerechtigkeit ständig im Mund führen, denn für sie ist die Gerechtigkeit nur ein Hilfsmittel für ihr Wunschdenken.

Gerechtigkeit wird nicht durch Behauptungen erkämpft sondern durch trockene Aufreihung eklatanter Tatsachen. Sind sie nicht vorhanden, so lässt man das Wort besser aus dem Spiel. Sonst wird die Gerechtigkeit leicht zu ihrem Gegenteil verballhornt, der Selbstgerechtigkeit.

x

Wie kommt man am besten mit den andern aus?

Sei gleichbleibend freundlich (weder überfreundlich noch mürrisch, verdrossen, wehleidig oder aggressiv)

Lass auch in Deinem Gesichtsausdruck niemanden Deine augenblickliche Laune erkennen.

Vermeide Übertreibungen (zu denen Du sehr neigst). Die Untertreibung trifft die Sache auch und wirksamer.

Geh immer davon aus, daß Deine Meinung niemanden interessiert (und warum sollte sie auch)?

Lass die andern reden und beobachte sie. Es ist sehr viel interessanter, als darauf zu warten, daß man in einer Atempause seine eigene Sache endlich abschießen kann.

Beobachte Dich selbst bei allem, was Du sagst und tust.

Sehe immer aus, wie aus dem Ei gepellt, rieche gut und (gegebenenfalls) schmecke gut.

Vermeide alles Auffallende in Geste und Wort und Anzug. Die Exzentrischen erregen zwar Interesse, aber was für eins.

Versuche das Komische in allen Dingen herauszufinden. Es wird Dich nachsichtig machen.

Klage, beschuldige, schreie und heule nicht, wenn Du Dich nicht lächerlich machen willst.

Wut kann man nicht auf Kommando loswerden. Aber man kann sie ohne Gegenwart von Zeugen abreagieren.

Ein Wort in der Wut ist schlecht. Ein Brief in der Wut ist noch viel schlechter.

Sei haushälterisch mit Deiner Freundschaft. Zurückhaltung und Distanz schaden weniger als voreilige Verbrüderungen, die dann platzen.

Erwecke nie den Eindruck, als wolltest Du ein Alleswisser sein.

Zugegebenes Nichtwissen schadet garnichts. Kühne, aber falsche Behauptungen, nur um was zu sagen, machen Dich im Handumdrehen zum August.

Sei in Diskussionen nicht schüchtern, aber fälle keine Werturteile, sondern kleide Deine Meinungen in die Form von Fragen.

Beobachtung gesellschaftlicher Formen ist nie schlecht. Bist Du bei Fremden eingeladen, bring der Hausfrau eine (winzige) Aufmerksamkeit mit, biete Deine Hilfe in der Küche an, hinterlasse in Gastzimmer und Bad keinerlei Spuren Deiner Anwesenheit und bedanke Dich am nächsten Tag mit ein paar freundlichen Zeilen.

Die Männer sprechen umso schlechter über ein Mädchen, je leichter sie es bei ihr gehabt haben.

Außer Dir selber bist Du niemandem zu voller Aufrichtigkeit verpflichtet, vor allem dann nicht, wenn sie eine Flegelei wäre.

Übe Dich bei jeder Gelegenheit in der Kunst des Schweigens. Sieh keine Katastrophen, wo es sich um ordinäre Pannen handelt.

Von allem, was bei Menschen verzweiflungsvolle Langeweile erzeugt, sind Krankheitsgeschichten anderer am entsetzlichsten.

Man kann nicht auf Kommando Humor haben, aber man kann sich selbst veralbern, wenn man eine Entgleisung anders nicht mehr rückgängig machen kann.

Schau oft in den Spiegel und betrachte Dich gründlich. Du erhältst mehr Auskünfte über Dich, als Dir irgendjemand anders geben könnte.

Schätze Höflichkeiten und Schmeicheleien nicht höher ein, als sie bei nüchterner Betrachtung gemeint sein können.

Misstraue und verdächtige nicht. Es macht hässlich und kostet Nerven. Bis zum Beweis der Schuld hat jeder ein Recht darauf, als Unschuldiger behandelt zu werden.

Geistige Arbeit ist Schweißarbeit. Die Konzentration wird gefördert, wenn man Selbstgespräche führt (die nicht unbedingt zwei Etagen tiefer zu hören sein müssen).

Hat man ein Buch oder einen Komplex Wissensmaterial durchgearbeitet, so soll man die Quintessenz immer in einem Exzerpt festkalten. Am besten in handlichen Oktavbändchen, übersichtlich nach Punkten gegliedert und in Stichworten. Die optische Erinnerung an dieses Exzerpt befestigt den Stoff, macht ihn übersehbar und jederzeit gegenwärtig.

Halte pedantische Ordnung in allen Deinen Aufzeichnungen, sei immer bestrebt, den Überblick zu behalten und das wesentliche eines Komplexes so zu registrieren, daß Du es jederzeit findest. Spare nie mit Papier, sonst verlierst ein Vielfaches seines Wertes an Zeit.

Lesen: non multa sed multum.

Nun, ich könnte diese Notizen natürlich noch fortsetzen, aber im Sinne des letzten Satzes ist es wohl höchste Zeit, daß ich aufhöre. Dieser Brief ist kein Brief. Es ist etwas zum gelegentlichen Nachlesen und Nachdenken. Denn vielleicht ergeben sich auch abweichende Erfahrungen.

Aber nach all Deinen Fleißarbeiten zum Beweis Deiner Hochschulreife wollte ich nun auch mal eine FLeißarbeit liefern, nicht zum Beweis väterlicher Reife, sondern um Dir für Deinen neuen Lebensabschnitt ein wenig zu nützen, und sei es auch nur durch die Herausforderung Deines Widerspruchs.

Brief, letzte Seite, Ende


Alle Original-Texte von Wolf Schmidt


Zum Seitenanfang

2013-02-02

Das Wehwehchen

Ein Sketch

von Wolf Schmidt



Personen: ER und SIE
. . . und es spielen mit: Mancherlei Weh und Ach, ein Tisch, drei Stühle, von denen einer ein Lehnstuhl ist, diverse Kissen, ein Lineal, ein Bonbon für den scheinbar Todgeweihten und so viel Verbandszeug, daß man einem kranken Finger die Form eines Elefantenstoßzahnes geben kann.


ER (vorwurfsvoll): Schätzchen!

SIE (müde): Was denn?

ER: Was machst du denn für'n komisches Gesicht den ganzen Tag?

SIE: Ach, ich habe Schmerzen.

ER (ohne Mitgefühl): Aber Kindchen, ich habe dir doch gesagt, geh zum Doktor.

SIE: Ich war ja dort.

ER (leicht ironisch): Und was sagt er zu deinem Wehwehchen?

SIE (bitter, denn sie hat den leisen Hohn gespürt): Er sagt, mein Wehwehchen ist eine gefährliche Geschwulst an der Achsel, und wenn die Schmerzen nicht bald zurückgehen, muß operiert werden. (Unterdrückt) Au. (Sie leidet sichtbarlich)

ER (sachlich): Aber dann laß dich doch operieren, Schätzchen, wozu sind wir denn in der Krankenkasse!

SIE (ängstlich): Ich mag mich nicht operieren lassen.

ER (großspurig): Ich bitte dich, Operieren ist doch heutzutage eine Kleinigkeit, mein Herz. Ehh, das heißt, wirst du dann im Krankenhaus liegen müssen?

SIE: Nein, ich kann sofort wieder nach Hause.

ER (befriedigt): Na siehst du. Da brauche ich also nicht im Restaurant zu essen. Dann würde ich mich aber unter allen Umständen operieren lassen.

SIE (nach kurzer Überlegung zaghaft): Bringst du mich ins Krankenhaus?

ER (entrüstet): Na hör mal, du wirst doch noch allein ins Krankenhaus gehen können. (Feige) Du weißt ja, daß ich den Krankenhausgeruch nicht vertragen kann.
Davon wird mir immer so übel. Das geht den stärksten Männern so. Besonders denen. (Da sie zusammenzuckt und zu weinen beginnt) Warum weinst du denn jetzt, um Himmels Willen?

SIE (unter Tränen): Es tut so weh, Lieber.

ER (springt auf und macht gewichtige Schritte): Aber Herzelchen, vom Weinen wird's doch auch nicht besser. Man muß sich in so einem Falle auf irgendeine Arbeit konzentrieren, die Schmerzen einfach nicht zur Kenntnis nehmen und bewußt heiter sein. Heiter sein wollen, heiter! Heiter! Wer will, kann alles. Du mußt dich nur ein bißchen zusammennehmen.

SIE (matt): Ich habe seit vier Tagen nicht mehr richtig geschlafen.

ER (überrascht): Davon hast du ja nicht einen Ton gesagt.

SIE: Eben, weil ich mich zusammengenommen habe.
Ihr Männer habt ja gar keine Ahnung, was wir Frauen manchmal ertragen, ohne daß ihr etwas davon merkt.

ER (tut sich vor ihr auf wie zu einer Ansprache): Mein armes Häschen! Es ist nur ein Glück, daß ihr Frauen keine Ahnung habt, was wir Männer manchmal für Schmerzen schweigend ertragen müssen. Denk zum Beispiel an den alten Römer Muzius Scävola, der seine Hand ins Feuer hielt, ohne mit einer Wimper zu zucken.
(Er will sich auf weitere Beispiele besinnen, als er plötzlich seine Hand kräftig schlenkert): Autsch!

SIE (erschrocken): Was hast du denn?

ER (zappelig): Da hat mich was gestochen. Mensch, tut das weh, au, verflixt noch mal! Nun stehdoch nicht so rum, Schatzl, tu doch was dagegen!

SIE: Was soll ich denn tun?

ER (trippelt herum und schlenkert mit der Hand): Einen Verband, Kompressen, Seifenbäder -- -- was weiß ich! Eine Einspritzung, herzstillende Tabletten, eine Salbe! Es gibt doch Tausende von Dingen, die man in einem solchen Fall tun kann. Aber du stehst einfach da, als ob dich meine Verletzung nichts anginge, au, verdammt noch mal, jetzt schwillt die Wunde an.

SIE (sachlich): Na, die ,Wunde' ist ja wohl ein bißchen übertrieben.

ER (wehleidig): Natürlich Wunde! Du siehst doch, der Finger ist ganz rot und schwillt an. Das kann eine Blutvergiftung geben. In wenigen Stunden kann ich tot sein. Um mich habe ich keine Angst, aber was wird dann aus dir?

SIE (mit beleidigender Ruhe): Na, vorläufig bist du ja noch ganz schön lebendig.

ER (gesteigert ängstlich): Ja, aber wie lange noch? Au, verdammt noch mal, tut das weh -- --

SIE (nachgebend): Komm, tu ich dir eben ein Sälbchen drauf und ein Verbändchen drum.

ER (stöhnt): Ja, tu das, Liebling. Du, das ist bestimmt ein Hornissenstich.

SIE (prüft): Na, ich finde, es sieht eher wie ein Mückenstich aus.

ER (beleidigt): Ein Mückenstich, erlaube mal, das ist ja geradezu herabsetzend! Au! Das ist bestimmt ein Hornissenstich, und damit ist nicht zu spaßen. Ein Hornissenstich tötet einen ausgewachsenen Ochsen innerhalb von drei Minuten.

SIE (tröstet): Dann ist es keiner. Da wärst du ja schon tot. (Sie holt Verbandszeug. Er duldet empört) Sooo, hier ist das Verbändchen. (Sie wickelt den Finger)

ER (schon nach den ersten Umwicklungen schmerzverzerrt): Au, nicht so locker den Verband! Warum drückst du denn direkt auf die Wunde! -- Doch nicht so brutal!

SIE (wie zu einem Kind): Kooommm, mein Armer, nun streck mal dein Fingerchen aus. Sooo. Tut's noch weh?

ER (windet sich in Schmerzen): Au, ja. Natürlich tut's weh. Jetzt zieht es schon über die Hand.

SIE: Vielleicht ist der Verband zu fest, daher wird es kommen.

ER: Ich sage dir ja die ganze Zeit, du machst ihn zu fest, den Verband.

SIE: Also, machen wir einen lockeren, komm mein armer Mann.

ER (hat ungeheures Mitleid mit sich): Hija.

SIE: Ist es so richtig?

ER (mit bebender Stimme): Nein, so ist es ganz schlecht.
Jetzt drückt der Verband am Gelenk. Du, ich glaube, jetzt spannt es schon über den ganzen Arm.

SIE: Das kommt, weil du den Arm so krampfhaft hältst, mein Guter. Komm, leg dich doch 'n bißchen hin.

ER: Hijaa.
(Sie begleitet ihn wie einen Schwerverletzten zum Sessel, in dem er sich matt niederläßt)

SIE: Liegst du gut so?

ER: Nein, das Kissen drückt.

SIE: Ich nehm's dir weg (Tut es) Sooo, liegst du jetzt bequem?

ER: Nein, wo das Kissen war, ist jetzt ein Loch.

SIE: Dann leg ich dir ein kleineres Kissen hin. (Es geschieht) Sooo, isses jetzt gut?

ER: So einigermaßen. Vielen Dank, Herzelchen. Bloß am Rückgrat drückt mich etwas. Ob die Sache schon ins Rückenmark gegangen ist?

SIE: Nein, du liegst bloß auf dem Lineal.

ER: Bitte, nimm's weg.

SIE (dann): So, noch was?

ER: Nein, im Moment nicht.

SIE: Dann kann ich jetzt vielleicht gehen?

ER (erschrocken): Du willst gehen?! (Beleidigt) Na, also das ist aber herzlos von dir. Man kann doch einen kranken Menschen nicht einfach allein lassen (Sinkt zurück) Du, ich habe so trockne Lippen.

SIE: Soll ich dir vorher noch einen Kaffee kochen?

ER: Ja, aber bitte nicht so heißen.

SIE: Kalten hab ich noch da.

ER: Nein, bloß keinen kalten!

SIE: Dann werde ich dir lauwarmen kochen.

ER: Lieber Mineralwasser.

SIE: Haben wir keins mehr im Haus.

ER (leicht ärgerlich): Warum nicht. Mineralwasser soll doch immer im Haus sein.

SIE: Du hast heute schon drei Flaschen getrunken.

ER (wie oben): Natürlich habe ich getrunken. Man wird doch in seinem eigenen Haus wenigstens noch Mineralwasser trinken dürfen. Liebling, Du siehst doch,wie es um mich steht. Hol doch bitte eine Flasche Wasser aus dem Geschäft.

SIE: Geht leider nicht, die Geschäfte sind schon zu.

ER (zurückgesunken mit geschlossenen Augen, Grabesstimme): Ach, du willst bloß nicht. Na schön, dann gib mir eben nichts. Ist ja auch egal, was mit mir geschieht.

SIE (parodiert lächelnd): Sei heiter, Lieber, und denk an die alten Römer.

ER (ernüchtert): Weißt du, ich finde es schmutzig von dir, daß du dich über meine Lage auch noch lustig machst. -- Hast du wenigstens noch ein Bonbon?

SIE: Ja, es ist noch eins in der Tüte. Eigentlich ist es ja meins, nachdem du die anderen alle gegessen hast.

ER (schmollend): Weil du gesagt hast, du hättest momentan keinen Appetit darauf. -- Mein Gott, behalte dein albernes Bonbon. Ich will mir nicht nachsagen lassen, daß ich meiner Frau die Bonbons wegesse.

SIE (begütigend): Aber, Liebling, wer sagt dir denn das nach. Du hast es zwar getan, aber nachsagen tut's dir niemand. Komm, ich steck dir das Bonbon ins Mundi.
Und nun legt sich der Bubi schön brav aufs Kissi, kriegt sein Zeitungi und wenn er hübsch artig und still bleibt, bis ich wiederkomme, bring ich ihm auch noch ein feines Bonboni mit. Ja?

ER (ängstlich): Du willst tatsächlich weg?

SIE (erst sachlich): Ich lasse mir nur rasch die Geschwulst an meiner Achsel operieren und komme sofort zurück. (Mitleidig zu ihm) Und bis dahin ist dein Mückenstichi wieder heile heile. Ja? Küssi! (Sie verschwindet auf leisen Sohlen, während er geknickt in sich hineinseufzt)

ER: Ach, daß diese Frauen einem immer gerade dann weglaufen, wenn man sie ausnahmsweise mal 'n bißchen braucht. Und warum? Aus schierer Wehleidigkeit.


Vorhang



Alle Original-Texte von Wolf Schmidt


Zum Seitenanfang

2013-01-20

Motive

Blatt aus Wolf Schmidts Motivliste

Wolf Schmidts Motivliste

In analytischer Präzision hat Schmidt viele Grundideen, zu denen er durch eigenes Erleben, Erzählungen oder "Brainstorming" (z. B. mit Gretl Pilz) kam, in einer Liste festgehalten, die er mit MOTIVE überschrieb.

Aus diesen Motiven wurden dann die Plots für die einzelnen Sketche oder Episoden der Serien entwickelt.

Diese Liste liegt leider nicht mehr vollständig vor, aber die verbleibenden Blätter vermitteln dennoch anschaulich, wie systematisch er seine Stoffe behandelte.

Hesselbach- oder Staudenmaier-Kenner werden sicherlich einige der Motive sofort wiedererkennen...

Viel Spaß beim Durchstöbern!
Michael Schmidt

  1. Der Hausschlüssel. Verschwundener Hausschlüssel führt zur Enthüllung, dass Familienmitglieder sich heimlich Hausschlüssel machen ließen, womit mysteriöse Vorfälle Klärung finden.

  2. Kündigung. Verletzte Eitelkeit und Würde führt zu sinnlosem Entschluss, gute Stellung aufzugeben. Wilde Drohungen werden zunichte durch winzige Konzession an Eitelkeit.

  3. Grippe. Mütterlicher Antialkoholismus schlägt durch Dritte Verdacht zu vorsichtigem Alkoholgenuss und schließlich Besäufnis um.

  4. Jugendfreund. Pumpgenie ergattert 100 Mark durch Angeberei und weitere 100 Mark, um sie angeblich als die ersten zurückzugeben und dem Ehemann Ruhe vor seiner Frau zu verschaffen, bleibt aber aus.

  5. Weihnachtsbescherung. Prinzipienstarre Härte und Vorsichtserwägungen werden über Bord geworfen, sobald man sie nicht durch andere, sondern selbst ausüben muss. Mischung von Feigheit und gutem Herzen.

  6. Geburtstagsüberraschungen. Heimliche Besuche bei Künstlerin erzeugen Ehebruchsverdacht. Es waren aber nur Porträtsitzungen. Der verdächtige Vater ahnt nichts von den wechselnden Gefühlsbewegungen der Familie.

  7. Peinlichkeiten. Verwandtes schwarzes Schaf kommt zu Besuch und bedroht Familienrenommée. Sittenrichterei wird erstickt durch Erkenntnis peinlicher Mitschuld.

  8. Das Osterei. Familie erlebt winziges Solo ihres Oberhaupts im Rahmen einer Reportage von Veranstaltungen mit anschließendem Ausbruch von künstlerischem Größenwahn.

  9. Die Verlobung. Elterliche Bedenken gegen Bewerber um die Tochter werden durch Spekulationen auf Neugier und Eitelkeit überwunden. (Liegenlassen eines Geöffneten Briefes, der zunächst polygamen Verdacht erregt, dann aber glänzende Entlastung und plumpe Schmeicheleien an die Adresse der Eltern enthält, womit einige wirklich berechtigte Bedenken glatt überspielt werden)

  10. Feuer. Qualm aus der Nachbarwohnung führt zu gewaltsamen Eindringen zwecks Feuerlöschung und Entdeckung eines lange vermissten Palmas. Hausfriedensbruch contra Diebstahl. Beide Verdächtigungen grundlos.

  11. Ferienpläne. Mütterliche Inquisition gegen Ferienpläne der in dieser Sache verbündeten Kinder, namentlich Plan der Verlobten Tochter, mit Bräutigam im gleichen Hotel zu wohnen. Dürftige Beruhigung ermöglicht beide Projekte.

  12. Wilde verwegene Jagd. Wanzen im Haus, Entsetzen strengste Geheimhaltung, Verdächtigung der Nachbarin. Diese verdächtigt ihrerseits die Familie. Entrüstete Versöhnung, als Bewohner des oberen Stockwerks als Schuldige entlarvt werden.

  13. Nachtleben. Auftauchen des mütterlichen Jugendschwarms führt zu gemeinsamen Ausgehen in Tanzlokal und schwerer Enttäuschung über den Schwarm, den Gatten und die dort aufgefundenen Kinder. Zerplatzte Erinnerungsillusionen und Versöhnung unter dem Gesichtspunkt, dass man am Älterwerden nicht ändern kann.

  14. Täter gesucht. Loch im neuen Vorhang führt zu Verdächtigungen aller gegen alle und scheinbar unlösbarer Spannung. Durch zweites Loch wird Wind als Schuldige entlarvt.

  15. Der Kavalier. Beschwerden über Brutalität des Sohnes gegenüber Mitschüler ergeben, dass er trotz laufend geringschätziger Behandlung durch die ältere Schwester lediglich ihren Ruf mit der Faust verteidigt hat, und seine Anerkennung als Kavalier.

  16. Das Fritzchen. Familie bürdet sich durch halbtägige Aufnahme eines ständig schreienden Babys furchtbare Verantwortung auf, bemüht drei Ärzte, bei deren Eintreffen Baby sofort still ist, und erfährt, dass es noch einen Tag länger behalten werden muss.

  17. Der Teller. In allerseitigem Ärger wirft Vater Teller durchs Fenster, verletzt anscheinend Passanten schwer, wird von Mutter verzweifelt an Selbstanzeige gehindert. Familie verharrt halbe Nacht in der Stimmung gejagter Verbrecher. Telefonisches Geständnis bei der Polizeiwache ergibt, dass Vater nicht an dem Unfall schuld war.

  18. Einkäufe. Geschickter Verkäufer dreht Familie Ausschussuhren an und bringt sie dazu, wegen Weihnachtsüberraschung gegeneinander zu schweigen.

  19. Zwanzigmarkschein. Falscher Schein erzeugt Gewissenskonflikte über stillschweigende Weitergabe oder nicht. Um Vater zu beruhigen, versprechen Kinder Ablieferung bei der Bank, lösen dann aber Wutanfall Vaters aus, der den Schein ins Feuer wirft, obwohl Kinder ihm einen echten untergeschoben haben, während sie den falschen durch Verkehrsübertretung bei einem Schupo angebracht haben.

  20. Der Krankheitsfall. Vater schwänzt Betriebsausflug durch vorgeschützte Krankheit, um den Bedrängungen einer Schwester des Chefs zu entgehen. Diese erweist sich in Mutters Abwesenheit als Heilkünstlerin und zwingt ihn zu Dampfkuren.

  21. Wenn wer nicht heimkommt. Falsch gestöpseltes Telefon verhindert Tochter, Ausbleiben wegen Nachtdienst zu melden. Angst um ihr Schicksal. Ausschwärmen der Familie zum Suchen der Tochter, herunter fallender Telefonapparat und verdächtige Geräusche in der Wohnung erzeugen zweimaliges Erscheinen des Überfallkommandos, Mordgerüchte und Blutbaderwartungen. Schuld ist allzu rücksichtsvolles Dienstmädchen der Nachbarn.

  22. Ist was passiert? Panikmache der Nachbarin führt zu Befürchtungen über Schicksal der zur Kur abwesenden Mutter, die lange nicht geschrieben hat. Briefe finden sich wegen Briefkastenreparatur unter Fußmatte. Alles vermeidbar, wenn man Mutters Organisationsplan folgte.

  23. Der Gegenbesuch. Gegenbesuch bei leibhaftigen Konsul unter aufreibenden Vorbereitungen mit verspäteter Ankunft vor verschlossener Tür. Selbstzerfleischung wegen Unpünktlichkeit, allgemeines Zerwürfnis, Sohn klärt durch Flirt mit dem Töchterchen, das Konsuls keine Lust hatten.

  24. Neujahrsträume. Bevorstehender Lottogewinn lässt jedes Familienmitglied nach seiner Art über Verwendung des Geldes träumen. Träume gehen alle zweifelhaft aus, sodass das nicht gewinnen geradezu vorteilhaft erscheint.

  25. Auf Freiersfüßen. Mädchenbilder und Gedichte im Schreibtisch des Sohnes lösen Bekenntnis aus, dass er demnächst seine große Liebe heiraten werde. Wochenlanges Nichtmiteinandersprechen, zermürbte Eltern wollen endlich Braut kennen lernen. Diese hat inzwischen zweimal gewechselt.

  26. Der Wohnungstausch. Zermürbende und kostspielige Wohnungstauschverhandlungen wegen Unzufriedenheit aus unbedeutenden Gründen führen zu schlechtem Abschluss, Rückgängigmachung im letzten Moment und zu erlöster Freude am Behalten der alten Wohnung.

  27. Der Weihnachtsgast. Französischer Austauschstudent erscheint erst als vermeintlicher Geheimpolizist, dann als Sohn eines in drei Kriegen zerstörten Hauses, der Vater seine vor 30 Jahren dort bei Bergungsarbeiten verlorene Uhr wieder bringt.

  28. Der Dieb. Leichtfertige Diebstahlsverdächtigungen gegen ungeschlachten Handwerker. Reue bei Erweisung seiner Unschuld und Gelöbnis, nie wieder leichtfertig Menschen zu verdächtigen. Der ahnungslose Verdächtige hat seinerseits die Familie und alle Mitmenschen jederzeit im Verdacht.

  29. Das Heizkissen. Kreislauf eines geliebten und weiter geliehenen Heizkissens muss bis zur Besitzerin, die es als fremdes Heizkissen von einer Bekannten leiht und kaputt macht, worauf es in fieberhaft betriebenen Rücklauf als ihr eigenes Heizkissen wieder zu ihr gelangt und ihre heftigen Beschwerden gegen seines Zustands auslöst.

  30. Die Festaufführung. Amateuraufführung mit Starallüren, Regisseursempfindlichkeit, Rollenniederlegung und Freundschaftskündigung bringt dennoch Anerkennungserfolg, obwohl Vater vergessen hat, die Reitstiefel anzuziehen und das ganze Stück in Pantoffeln gespielt hat.

  31. Der Karpfen. Beschaffung, Unterbringung und seelische Betreuung eines lebendigen Weihnachtskarpfens nichts bringt seine Schlächter und Esser in Konflikte und um den Genuss.

  32. Der Röhrende Hirsch. Wertlose Plastik wird nach Wegschenken für echt gehalten und unter hohen Opfern zurückgekauft, wobei die Impertinenz einer unverhüllt habgierigen Nervtöterin den Preis noch erhöht. Dann erweist sich die Plastik doch als wertlos.

  33. Die Erbschaft. Gegenseitige Verdächtigungen einer Erbengemeinschaft werden durch eine vom Erblasser besprochene Schallplatte erledigt, auf der er mitteilt, dass er sein Vermögen gewissenhaft verzehrt hat.

  34. Der Osterbesuch. Die Unfreiheit der Familienmitglieder durch ihr gegenseitiges kritisches, kontrollierendes und hereinredendes Verhalten wird durch Jugendreminiszenzen bei Konfirmationsfeier und Vergleiche mit anderen Familien gemildert und führt zu Gefühlsauffrischung der alten und jungen Paare.

  35. Die Gleichberechtigung. In Familiendebatte über Gleichberechtigung soll Sekretariatsbewerberin für die Frauenseite eingesetzt und gegen Vater ausgespielt werden. Sie nimmt überraschend für Männerseite Partei, wird angestellt und bleibt es trotz Mutters Protest, da Vater sich auf die Gleichberechtigung der Männer beruft.

  36. Das Wegerecht. Unduldsamer Gartennachbar vergällt der Familie mit Forderungen aufgrund angeblicher Gewohnheitsrechte die Freude am Garten, indem er sie immer wieder zu neuem Nachgeben bringt und das Ausmaß seiner kommenden Unverschämtheiten noch nicht abzusehen ist.

  37. Das Dreckrändchen. Tratsch zwischen drei Hausfrauen, übertriebene Wiedergabe von Äußerungen und übergroße Empfindlichkeit führt zu Beleidigungsprozess, der deshalb nicht abzubiegen ist, weil Mutter sich versteift, die Richtigkeit ihrer beleidigenden Äußerungen „Schlampe“ zu beweisen. Da sich vor dem Richter alle drei beleidigen, kann dieser Klage abweisen.

  38. Der Einbrecher. Willys heimlicher nächtlicher Ausgang und Rückkehr und ein das Schrankzimmer von innen verklemmendes, abgerutschtes Bügelbrett lassen Familie an verbarrikadierten Einbrecher glauben und enthüllen Feigheit eines Bewerbers um Tochter und seines angeblich auf den Mann dressierten Hundes.

  39. Urlaubserinnerungen. Durch Quartiernot und entgegengesetzte Interessen entzweit sich Familie im Bodensee-Urlaub. Jeder hat ein eigenes, aber auf Urlaubsdauer begrenztes Erlebnis, das jedoch die Familie immerhin in besserer Atmosphäre wieder nachhause fahren lässt.

  40. Familienausflug. Versteifung auf bestimmtes Urlaubsziel, das irgendwer so gelobt hat, bringt laufend Misslichkeiten, Fußkrankheiten, Erkältungen und Zugversäumnisse.

  41. Der Hund. Vater fängt einen seit Nächten bellenden Köter, der ihn nicht schlafen lässt, ein und bestellt Hundefänger. Befreundet sich aber inzwischen mit dem Hund an, gibt ihm trotzdem dem Mann mit. Als Grund des Heulens enthüllt - der Hund hat seinen gelähmten Herrn, einen Artisten, durch laufende Diebstähle ernährt, Herr ist gestorben - sucht er den Hund zurückzuholen und hat schwerste Gewissensbisse, [dies erweist sich] als unmöglich. Hund kommt jedoch überraschend von selbst zurück.

  42. Die Gurken. Gewissenhaftigkeit der Tochter, die sie in großer Gesellschaft heruntergefallene Gurke aufheben lässt, wodurch ihr Kleid platzt und sie sich lächerlich macht, verursacht Verlobungskrise und ihre Beilegung durch gemeinsame Aktion der Eltern, die gerade selbst im Begriff waren, wegen einer Winzigkeit auseinanderzugehen.

  43. Das Häuschen. Ankauf und Renovierung eines alten Hauses bringt Familie an Rand des finanziellen Ruins und Rettung durch Schwiegersohn, den man in Anbetracht des neuen Hausbesitzertums bereits etwas über die Achsel angesehen hatte.

  44. Der Spiegelschrank. Um Wohnungsbeschlagnahme zu entgehen, wird Spiegelschrank als Eigentum einer angeblich noch bei der Familie wohnenden Nichte erklärt, muss daraufhin zu dieser geschickt, von ihr zurückgekauft, zurückgeschickt und so herumtransportiert werden, dass er kaputt geht.

  45. Der Wahrsager. Durch Wahrsager erzeugte Todesangst erfasst die ganze Familie.

  46. Die Hochzeit. Kleine Differenz der Brautleute und Weglaufen des Bräutigams zwingt zu Vertuschung vor den Hochzeitsgästen und Krankheitssimulierung als Begründung für Hochzeitaufschub. Rückkehr des Bräutigams klärt alles.

  47. Das Ei des Kolumbus. Budenzauber mit ausländischen Kommilitonen Willys während Mutters Kuraufenthalt bringt Vater durch überraschende Rückkehr Mutters in falschen Verdacht.

  48. Der neue Beruf. Intrigen in der Firma sollen Vater zu Pensionsgesuch veranlassen. Er kämpft verzweifelt, wird krank, Intrigen bleiben wirkungslos, er kann zurückkommen, hat aber inzwischen Geschmack am Pensionierungsgedanken gefunden und bereitet sich auf neuen Beruf als Großvater vor.

  49. Der neueste Beruf. Der pensionierte Vater hält Nichtstun nicht aus, eröffnet Büro für Lebensberatung, als es ihm gelingt, Zerwürfnis eines fremden Verlobtenpaares durch Einsatz seiner Erfahrungen zu beseitigen. Allerdings stellt sich heraus, dass die Braut dennoch nach drei Wochen einen anderen heiratet.

  50. Der schwere Fall. Erster Kunde des Büros ist ein kleiner Bub, für den er die Erlaubnis, weiße Mäuse zuhalten, bei seinem Vater durchpaukt. Kurz darauf vertauscht der Bub die Mäuse gegen eine Taschenlampe.

  51. Der gute Feind. Schwierigkeiten der verheirateten Kinder mit rücksichtslosen Mitmietern werden von Vater beseitigt, indem er Rücksichtslosigkeit gegen Rücksichtslosigkeit setzt. Er schenkt Klavier, lässt es eine Zeit lang von angeblichem Untermieter bearbeiten und bedroht die nachzahme Ordnung freundlich gewordenen Mitmieter bei Rückfall in die alten Methoden mit sofortiger Zwölftonmusik.

  52. Der böse Blick. Mutter fällt einem Kreditschwindler zum Opfer, der ihr gegen Vorauszahlung von 200 Mark verbilligte Bezüge im Lebensmittelhaus seiner Schwiegermutter zusagt. Vater entlarvt ihn, bevor das Geld der Geschädigten ganz verbraucht ist.

  53. Gefährliche Kurve. Auf einer Autobahnfahrt hat jeder der vier Insassen eine Vision von den Folgen eines durch unvorsichtiges Fahren verursachten Verkehrsunfalles.

  54. Allergia maritalis. Vater versucht einen älteren Mann, der seine Frau satt hat, einen Vorgeschmack auf die Zeit der Einsamkeit zu geben, wird beschuldigt, er habe diese Ehe auseinander bringen wollen, zum Schluss aber glühend bedankt, weil die Ehe nun besser funktioniert . Mutter erfährt nie, dass er bei dieser Gelegenheit auch seine eigene Allergia maritalis auskuriert hat.

  55. Das Arme Kind. Vater soll Flüchtlingskind aus China im Flughafen Genf abholen, findet sich weder mit Flugzeug, Bahn, Sprache, Gewohnheiten, noch der Kinderbehandlung zurecht und wird selbst von dem kleinen Mädchen so behütet, dass er sicher wieder nachhause kommt.

  56. Sherlock Holmes. In einer völlig zerrütteten Familie drohen anonyme Briefe die Reste der Gemeinsamkeit zu zerstören. Es gelingt Vater, unter den sechs Verdächtigen die Urheberin und den indirekten Schuldigen so umzubiegen, dass nicht noch mehr Unheil entsteht.

  57. Die ideale Ehe. Überspitzte Anforderungen an den Ehepartner zwingen ihn, so zu tun, als sei er das Idealbild, für das der Partner ihn hält. Zwecklügen, ungesunde Rücksichtnahmen, Unehrlichkeit und Zerwürfnis sind unvermeidlich (Fall XXXXXX).

  58. Telefonitis. Unfreundliches Abhängen bei frühmorgendlichem Anruf führt zu Gewissensbissen, ob dadurch für einen Kranken Lebensgefahr besteht, und umständlichen Nachforschungen nach dem Anrufer.

  59. Mit dem linken Bein. Durch die scheinbare Ungeschicklichkeit einer primitiven, aber umsichtigen Nichte und das Zusammenkommen mehrerer astrologischer und sonstiger Vorbedeutungen wird Vater so nervös, dass es ihm nicht gelingt, einen ausländischen Geschäftsfreund vom Flugplatz abzuholen, sondern nach langen Irrfahrten, unter anderem ins Polizeigefängnis, nachhause zurück kommt, wo keine der erwarteten Katastrophen eingetreten ist.

  60. Wertsachen. Ärgerniserregende Abfallgrube bringt Vater ins Räderwerk der Kommunalpolitik, wo man hinter seiner primitiven Anständigkeit dicke Beziehungen vermutet und ihn zu einer Lokalgröße macht, während er lediglich die Abfallgrube beseitigen will. Gründe für die Scheu des Normalbürgers vor einer aktiven Beteiligung am politischen Leben.

  61. Das Dokument. Vater als Chef der Firma bringt den ganzen Betrieb durcheinander wegen Verschwindens eines Dokumentes, das er in Wirklichkeit in die falsche Rocktasche gesteckt hat.

  62. Das Techtelmechtel. Chef bekämpft überhandnehmendes Techtelmechtelunwesen, gerät aber selbst in den Bann einer kuhäugigen Volontärin, wird geräuschlos von ihr befreit, verzichtet aber auf weitere Verfolgung von Techtelmechteln der Angestellten.

  63. Der Kriminalfall. Das Verschwinden von Bleistiften und anderem Büromaterial führt zu großer Kriminaluntersuchung, bei der erst Mutter, dann der Lehrling in Verdacht geraten. Es war aber ein Trick des Buchhalters, der die Materialverschwendung bekämpfen wollte und dabei in dem Lehrling einen übereifrigen Helfer fand.

  64. Der neue Besen. Das durch Verwandtenbeziehungen getätigte Engagement einer Betriebsspezialistin führt zu Umorganisation, Geldausgaben und Pleitengefahr.

  65. Der große Kunde. Das Hofieren eines großen Kunden macht diesen zu einer diktatorischen Betriebsplage. Infolge scharfen Konkurrenzkampfes braucht man aber seine Aufträge. Dem Prokuristen gelingt es, den Querulanten der Konkurrenz zuzuschieben und dafür vernachlässigte alte Kunden wieder zu gewinnen.

  66. Das gute Herz. Lehrling gerät in Verdacht, aus Sabotagegründen systematisch Glühlampen mit dem bei ihm aufgefundenem Katapult zu verschießen. Die von allen gemiedene Betriebsschreckschraube steht als einzige zu ihm und beweist ihr gutes Herz. Die Glühlampenfabrik hatte Versehentlich Ausschussware geschickt.

  67. Die Blamage. Besprechung eines nicht stattgefundenen Konzerts bedroht Ruf der Firma und politische Karriere des Chefs. Durch Berichtigung, dass es sich um die Besprechung des gleichen zwei Tage früher in einer anderen Stadt stattgefundenen Konzerts durch einen Korrespondenten handelt, wird alles ausgebügelt.

  68. Der Trauerfall. Betriebsschreckschraube auf Italienreise fälschlich tot gemeldet, wohnt unter Trauerschleiern als ihre angebliche Schwester ihrer eigenen Trauerfeier im Betrieb bei. Sie erfährt aber dann durch den Prokuristen, der nicht zu erkennen gibt, dass er sie durchschaut hat, wie man wirklich über sie denkt.

  69. Das Jubiläum. Trotz umfangreicher Vorbereitungen ziert sich der wegen einer Kleinigkeit grollende Chef, der großartigen Betriebsfeier beizuwohnen. Um Blamage zu vermeiden münzt Prokurist die zum Glück etwas geheimnisvoll vorbereitete Veranstaltung in eine Ehrung anlässlich des 50. Betriebsjubiläums der Putzfrau um, die trotz sonstiger Ruppigkeit in Rührung zerfließt. Als Programm beendet, lässt Chef mitteilen, dass er in einer Viertelstunde doch zu der angesetzten Betriebsfeier zu seinen Ehren erscheinen wolle.

  70. Die Einheirat. Hospitierender Kollege wird durch Klatsch für den Künftigen der Tochter des Chefs gehalten und den kommenden neuen Mann des Betriebes. Man orientiert sich zu ihm hin und lässt den Prokuristen, dessen Tage gezählt zu sein scheinen, links liegen. Als es nicht stimmt, sofortige Rückorientierung.

  71. Die Bewährungsprobe. Anlässlich bevorstehenden Ministerbesuchs ringt der Prokurist dem Chef immer neue Schönheitsreparaturen ab. Infolge scharfer Sparmaßnahmen wird zuletzt am Ministerimbiss gespart, der dann in der Eile versehentlich vierfach besorgt wird. Der Minister erscheint nicht, weil er zu lange bei der Ballettprobe war.

  72. Der Betriebsausflug. Die Weiblichkeiten haben sich schön gemacht. Um dem Prokuristen zu gefallen. Dieser lautet jedoch mit einer Betriebsfremden und wird nach sehr unbefriedigender Schifffahrt zur Straße nicht mit dem heimwärts fahrenden Bus mitgenommen.

  73. Das schlechte Gewissen. Lehrling versetzt nach dem Muster des englischen Witzboldes, der zwölf Freunden anonyme Telegramme „Alles entdeckt, flieh!“ sandte, und sie sämtlich zum Verlassen Londons veranlasste, die gesamte Firma in Angst und Schrecken. Dadurch werden verschiedene Großaktionen begraben, weil alle Initiatoren mit ihrem eigenen schlechten Gewissen zu tun haben. Prokurist kann ohne die erwarteten Widerstände seine heimliche Braut in den Betrieb schmuggeln.

  74. Der schwarze Tag. Ein Fleck im Anzug des Chefs, der in einer Stunde bei großer städtischer Feier sprechen soll, geht trotz allgemeiner Bemühungen nicht weg, sondern wird größer. Chef muss in geborgtem Anzug reden. Chemisch gereinigtes eigenes Jackett kommt im letzten Augenblick zurück, wird hinter Hecke am Podium vertauscht, aber Manuskript der Rede steckt in ausgetauschtem Rock. Freie Rede wird jammervoll, Manuskript schließlich aufs Pult geschmuggelt.

  75. Der Anbau. Schmarotzender Kriegskamerad des Chefs nistet sich im Betrieb ein und lähmt durch kleine Erpressungen Widerstand des Chefs. Ausbootung scheint unmöglich. Durch Trick des Prokuristen, bzw. des Lehrlings, der ihn wissen lässt, die Kriminalpolizei habe nach ihm gefragt, verschwindet er lautlos.

  76. Die Briefumschläge. Artikel „Mehr Frauen in die Politik“ löst Abbestellungswelle und scharfen offenen Briefwechsel zweier Stadtgrößen aus. Diese sollen mit Briefen beruhigt werden, deren Umschläge unglücklicherweise vertauscht werden. Dadurch noch schärfere Kampfstimmung und Schiffbruch des Prokuristen. Chef engagiert Mann, der alles retten soll (Fortsetzung unter 77)

  77. Die teure Kraft. (Fortsetzung von 76) der Retter belebt den Kampf, statt ihn zu unterdrücken und schafft dadurch ungeahnte Auflagensteigerung, obwohl alle zunächst seine pomadige Sachlichkeit für den Ruin des Betriebes halten. Da er am Umsatz beteiligt ist, verdient er zu viel und wird ausgebootet.

  78. Das Taschentuch. Ein Damentaschentuch unbekannter, aber falsch vermuteter Herkunft in Vaters Bürojacke und von Mutter entdeckt und gewaschen, führt zum Aufbau eines Lügengebäudes, um Mutters Fragen über die Herkunft des Taschentuch zuvorzukommen. Mutter fragt gar nicht, weil das Taschentuch der Tochter gehört, aber Vater ist dadurch der Appetit an einer geplanten Dienstreise mit Sekretärin genommen. Leider hat er den Prokuristen in die Sache mit eingespannt.

  79. Vorsicht, Feind hört mit. Geltungsbedürfnis und Gehaltserhöhungswunsch des Buchhalters lassen diesen Sabotagegefahren wittern und ungerechtfertigte Beschuldigungen vorbringen. Nach Aufklärung verliert er den Mut, um mehr Gehalt zu bitten, obwohl Chef schon zu Konzessionen bereit war.

  80. Konkurs. Vater überlässt die Firma dem Prokuristen, als durch Verwandtenmachinationen Firma an den Rand des Konkurses gebracht wird. Prokurist, der aussteigen wollte, steckt gesamte Ersparnisse in Betrieb und rettet ihn.

  81. In der Wildnis. Nähmaschinenvertreter, der mit keinem Menschen sprechen kann, ohne nach zwei Minuten mit Verkaufsverhandlungen für Nähmaschinen zu beginnen, gerät nach Afrika und in eine Expedition. Nachdem alle Mitglieder mit Nähmaschinen versorgt sind, fällt er Kannibalen in die Hände, verkauft Häuptling aus dem Kochkessel heraus Nähmaschine und rettet sich und die Gefährten.

  82. In Wirklichkeit ist alles anders. Liebesabenteuer verliert langsam an Reiz, weil alles anders ist und kommt, als man es sich vorstellt. Tourist dritter Klasse spielt Mitreisenden und sich selbst Rolle eines Generaldirektors vor und gerät an ein Mädchen, das in gleicher Weise eine Filmschauspielerin zu sein vorgibt. Statt ihren Urlaub zu genießen und sich ihre Sympathie zu gestehen, verplempern sie ihn mit ihren Lügen und lassen die Zurückhaltung erst fallen, als es zu spät ist. Ein fetter, der den Mann aus dem Gefängnis auslöst, gewinnt das enttäuschte Mädchen.

  83. Eine Nacht in Paris. Angestellter einer Pariser Außenstelle soll dem Firmenchef Tipps für nächtliche Pariser Erlebnisse geben und währenddessen seine eifersüchtige Frau irgendwie beschäftigen. Die Zeit geht furchtbar langsam herum, in der Not muss er mit ihr Flirten, wird aber von ihr durchschaut und zum Strafgericht an den Garten mitgeschleppt. Da er seiner Entlassung sicher ist, rächt er sich, indem er behauptet, von ihr geküsst worden zu sein. Damit gewinnt der Chef Oberwasser, befördert ihn und verschwindet aus Paris.

  84. Das Alibi. Überängstlicher hört in nächtlichem Park Frauenschrei, entflieht, fürchtet, dass er als Mörder verdächtigt wird, beschafft sich umständlich ein Alibi, fällt dadurch der Polizei auf, wird verhaftet, mit Schwerverbrecher in Celle zusammen gesperrt. Kommt frei, da Schrei von kitzeligem Mädchen stammte.

  85. Der Rivale. Schulkamerad, der immer schöner, klüger und erfolgreicher war, hat ihm schließlich auch die Braut ausgespannt. Er grollt darüber seit Jahrzehnten. Trifft das Ehepaar wieder. Sie ist hart und geschwätzig, der Rivale völlig unter dem Pantoffel. Jetzt hat er seine Rache.

  86. Die dumme Sache. Er hat Zwetschgenbaum an Chaussee gepachtet, bewacht ihn, als Diebstähle bekannt werden. Zwetschgen werden trotzdem vom Baum gestohlen. In der Wut stiehlt er die Zwetschgen vom Nachbarbaum. Gewissensbisse, schenkt Zwetschgen an Krankenhaus, erkundigt sich vorsichtig nach Pächter des Bestohlenen Baums, um ihm anonym den Verlust zu vergüten. Erfährt dass er den falschen Baum bewacht und seine eigenen Zwetschgen gestohlen hat.

  87. Der Besuch. Er hat auf einen Heiratsinserat geschrieben, weil er aus seinem möblierten Dasein heraus will. Vorbereitung ihres Besuchs mit furchtbaren Zwischenfällen. Dann kommt künftige Schwiegermutter. Wird sie nur mit Mühe los. Empfindet sein möbliertes Dasein jetzt als herrliche Freiheit.

  88. Der große Entschluss. Er findet Brieftasche mit 20.000 Mark, kämpft lange mit sich, ob er sie abgeben soll, beschwerliche Versuche, den Fund zu verstecken und zu verheimlichen, fühlt sich nicht zur Verbrecher geboren, gibt Fund bei Polizei ab, alle Scheine sind falsch und werden gesucht.

  89. Schwein muss man haben. Er erhält ein Schwein, um billigeres Fleisch zu bekommen. Unterbringung, Fahrten und Spesen Kosten mehr als das Schwein wert ist.

  90. Es war bloß der Frühling. Er verliebt sich in kleine Nichte, die zu ihm geflüchtet ist und sich bei ihm ausweint wegen missglückter Liebesaffäre. Besucht mit ihr Kostümfest, sie trifft dort Freund mit einer anderen. Dadurch glaubt er seines Sieges sicher zu sein, aber sie hat durch das Erlebnis ihre Melancholie abgeworfen und die Sache überwunden. Sie gibt ihm zu verstehen, dass sie sich vielleicht in ihn verliebt hätte, wenn er 30 Jahre jünger wäre und ahnt nicht, was sie bei ihm angerichtet hat. Er bringt sie zum Zug und ist sehr erleichtert, dass ihm alles erspart geblieben ist, was bei einer solchen Ehe todsicher an Unannehmlichkeiten auf ihn zugekommen wäre.

  91. Der Verrückte. Er soll als Trauzeuge fungieren und nimmt seine Verpflichtung ernst, sich über den Bräutigam zu erkundigen. Erfährt, dass er verrückt ist, teilt es nach langem Zögern der Familie mit, bringt Eheschließung beinahe zum Scheitern, bringt des Bräutigam Vermieterin als Kronzeugen und lässt den künftigen Schwiegervater mithören, wie der an religiösem Wahnsinn leidende mit sich spricht. Dieser kann aber bloß die neugierige Vermieterin nicht leiden und hat sie absichtlich nicht darüber informiert, dass er lediglich im kleinen Hoy übt.

  92. Die alte Rechnung. Er verzehrt sich in einem wütenden Hass gegen einen Arbeitskollegen, der vor 25 Jahren seine Verlobung auseinander gebracht hat. Stellt fest dass es gar nicht dieser Arbeitskollege, sondern sein jetziger Freund war, soll er auf diesen jetzt seinen Hass übertragen? Sieht, wie lächerlich so etwas ist und begräbt Hass ganz.

  93. Der teure Spaß. Um seinem Freund, der mit adligen Bekanntschaften um sich wirft, einen Streich zu spielen, lässt er für ein paar Mark ein kleines Mädchen die Rolle einer leibhaftigen Gräfin spielen, um sich an dem Getue des Freundes zu weiden. Die Gräfin begeht bei dem Freund, dessen Wohnungsverhältnisse sie genau kennen gelernt hat, mit ihren Komplizen einen Einbruch. Sie schaffen die Wohnungseinrichtung auf Lastwagen weg und verdächtigen obendrein ihn. Er wird verhaftet und gesteht den teuren Spaß.

  94. Nie wieder Zeuge. Ein neben ihm wohnender Ehemann behandelt seine Frau schlecht. Er bietet sich empört als Zeuge für Sie an. Da die Eheleute sich inzwischen wieder versöhnt haben, bestreiten beide seine wahrheitsgemäßen Aussagen und bringen ihn in den Ruf eines Intriganten, der ihre Ehe zerstören wolle. Er will sich nie wieder einmischen und als Zeuge zur Verfügung stellen, aber damit macht er es auch wieder falsch.

  95. Der Talisman. Seine Cousine ist drauf und dran, sich scheiden zu lassen. Ihr Sohn, sein Lieblingsneffe, ahnt nichts, ebenso wenig der Ehemann. Ein Porzellanelefant, der eine Art Talisman für die Eheleute ist, zerbricht ihm, und er weiß, dass dies für seine etwas abergläubische Cousine eine Bestärkung ihres Entschlusses bedeuten könnte. Er lässt die Figur eiligst kitten und gibt damit auch der Ehekrise eine Wendung zum Guten.

  96. Gesundheit frei Haus. Heilmittelschwindler verkauft Wunderkuren im Haus. Er gerät in einen Vertreter- Lehrkursus für die Anpreisung dieser Kuren und lernt die Bauernfängermethode kennen. Merkwürdigerweise wollen sich die Hausgenossen nicht von ihm aufklären lassen. Jede der Frauen hat einen eigenen Gesundheitsglauben, den sie mit Fanatismus verficht, nur die offizielle Medizin hat wenig Kredit. Obwohl er doch über die Schliche jetzt orientiert ist, erliegt er der Überredungskunst eines anderen Vertreters, der ihm etwas antreten will.

  97. Der Vormund. Die Aussicht, Vormund eines 18 jährigen Mädchens zu werden und die Kenntnisnahme von allen Pflichten und Risiken eines Vormunds, verschaffen ihm schreckliche Visionen von den kommenden Dingen. Die Vormundschaft wird dann nicht nötig, weil das junge Mädchen heiratet.

  98. Der Weg zum Glück. Er gehört zu einer Erbengemeinschaft, die eine Millionenerbschaft in Amerika heiß umkämpft. Er beteiligt sich nicht daran. Die Braut seines Neffen tötet ihm den Nerv und erweist sich als charakterlich unerfreulich. Als Gegenschlag tritt er ihr seine Rechte an dem Erbteil ab, worauf sie den Neffen sofort verlässt, um sich in den zermürbenden Kampf um das Geld zu stürzen. Er hat nicht nur seine Ruhe gerettet, sondern auch den Nerven vor Schlimmen bewahrt.

  99. Das Gerücht. Von Hausbewohnern missverstandene Abholung zur Polizei fördert die Gerüchtebildung und macht ihn zum Mörder, obwohl er lediglich deshalb so schnell gerufen worden ist, weil er einen Bekannten identifizieren musste, dem seine Brieftasche gestohlen wurde.

  100. Der Abgeordnete. Unwichtiger, gern politisierender und unter dem Pantoffel stehender Generalvertreter wird von seinem Bruder angeführt. Glaubt, er sei als Ersatzmann für verstorbenen Abgeordneten ins Parlament entsandt, wird sofort zum häuslichen Diktator und lässt sich, trotz krönender Rede über seinen Idealismus von Familienmitgliedern, Freunden und Untergebenen unverzüglich in allerlei krumme Dinge hineinziehen. Die unvermeidliche Aufklärung stürzt ihn in seine alte Bedeutungslosigkeit zurück.

  101. Das Christkind. Russland Heimkehrer mit einem von dort mitgebrachten kleinen Kind gewinnt eine in ihrem Schmerz um den in Gefangenschaft gestorbenen Sohn verhärtete alte Frau wieder zur Beteiligung am Leben zurück.

  102. Der Unentbehrliche. Ein penibler und quengeliger Mann, der allen Menschen auf die Nerven geht, hält sich für Betrieb und Familie unentbehrlich. Seine Krankheit muss daher eine Katastrophe sein. Ohne ihn läuft aber alles besser, und er erkennt mit maßloser Enttäuschung, dass alle ihm nur Theater vorspielen, nicht aus Liebe, sondern um keinen Ärger mit ihm zu haben. Wirklich unentbehrlich ist er nur für seinen kleinen Enkel, der ihn zu seinen Spielen braucht und ihn als einziger liebt. Zum Staunen aller zieht er sich in Pension zurück und wird verträglich und sogar so rücksichtsvoll, die anderen nicht so deutlich merken zu lassen, dass er ihr Theater durchschaut.

  103. Sie stehen im Verdacht. Ein mit einem scharfkantigen Gegenstand unter einem Viadukt begangener Mord erweist sich als Unglücksfall. Die nicht auffindbare Mordwaffe ist ein durch Erschütterung des Viadukts abgebrochener Eiszapfen, der weggeschmolzen ist.

  104. Die Sekretärin. Neue Sekretärin wird von den alt eingesessenen Sekretärinnen so madig gemacht, dass Chef sich für sie interessiert und sie heiratet.

  105. Der gute Geist. Eine despotische Patentante, die sich für den guten Geist vieler befreundeter Familien hält und dort zu endlosen Besuchen auftaucht, kann von niemandem abgeschüttelt werden. Als es gelingt, sie zu verheiraten, glaubt man die Gefahr für immer gebannt. Aber sie kommt bald wieder, denn ihre Pflichten für ihre Familie gehen ihr über alles.

  106. Männerhüte. Die Zerstreutheit einer Stammtischrunde ist schuld, dass zwei Herren in verkehrten Hüten weggehen und ein Fremder sich bestohlen glaubt. Polizeiliche Untersuchung eines zufällig anwesenden Inspektors löst alles in Wohlgefallen auf. Als man sich getrennt hat, hat der Inspektor einen falschen Hut auf.

  107. Stilles Glück stark gefragt. Ein Heiratsschwindler mit klingendem Namen betört Frauen mittleren Alters, die ihn vor Gericht verteidigen, obwohl er sie um Geld betrogen hat, nachdem er von einer Detekteiangestellten zur Strecke gebracht worden ist. Das Verhalten der Betrogenen in der Verhandlung zeigt, warum immer wieder Dumme auf Heiratsschwindler herein fallen.

  108. Die Flucht. Soeben pensionierter Amtsarzt fährt nach mäßiger Zecherei einen Mann tot und begeht Fahrerflucht. Gewissen lässt ihm keine Ruhe, er kümmert sich um die Witwe des Überfahrenen, die in schlechter Ehe gelebt hat. Um sie zu sichern, will er sie heiraten. Offenbart sich aber trotzdem seinen Stammtischfreunden, einem Landgerichtsrat, einem Bankdirektor und dem Polizeichef und will sich der Gerichtsbarkeit stellen. Man bringt ihn davon ab, weil niemandem damit genutzt wäre, zumal der Arzt objektiv unschuldig ist, denn der überfahrene hat seinen Selbstmord wegen begangener Unregelmäßigkeiten getarnt, in dem er sich unter das nächste um die Ecke kommende Auto warf.

  109. Das Käsebrot. Besatzung eines Abteil, die nach der Quelle eines käseartigen Gestank des fahndet, stellt fest, dass der Geruch von einer herrenlosen Tasche ausgeht, und dass es offenbar auch kein Käse, sondern eine gefährliche Säure ist und dass ferner in der Tasche etwas tickt. Man steigert sich unter vielem Hin- und Her in die Vorstellung, dass in der Tasche eine Bombe sei, die den in einem benachbarten Sonderwagen mitfahrenden Politikern gelte. Alle reden, niemand unternimmt etwas. Schließlich erscheint der Besitzer der Tasche, der sie nur deshalb in ein anderes Abteil gestellt hat, weil das darin befindliche Käsebrot so saumäßig gestunken habe.

  110. In dieser Minute. Ein Lebensmüder wird durch Wiederbelebungsmittel eines Arztes körperlich und durch eine eigenartige Therapie auch seelisch dem Leben zurück gewonnen. Der Arzt hat erkannt, dass der Lebensmüde nicht ohne eine gewisse Eitelkeit Briefe an die Menschen hinterlassen hat, die er für seinen Tod verantwortlich macht. Der Arzt beweist ihm, dass die Briefe nicht die erwartete Wirkung haben werden und dass man seinen Tod nicht als ein bedeutsames Ereignis betrachten, sondern flüchtig darüber hinweg gehen wird. Es ist auch nicht anders möglich, denn in dieser Minute passiert so unendlich viel, was die Betroffenen für wichtig halten. Aber in der nächsten Minute passiert schon wieder anderes, und das ist für andere das Wichtigste. Auch für den Lebensmüden hat sich die Situation von Minute zu Minute geändert. Ein mit der Post kommender Brief ist zwar nicht sensationell, aber er enthält Möglichkeiten eines Stellungsantritts in einer anderen Stadt, die ihm seine bisherige Umgebung plötzlich als lange nicht mehr so interessant erscheinen lassen. Noch eine Minute später erscheint ihm sein Selbstmordversuch so absurd, dass er kaum selber noch daran glaubt.

  111. Anm.: 111. - 135. behandelt die Motive für "Alte Geschichten - neu berichtet"
  112. Der Kaiser des Pazifik. (Twain) Einsame Insel mit hundert Bewohnern wird durch zuziehenden Angeber in eine Entwicklung von patriarchalischer Demokratie zu konstitutioneller Monarchie und schließlich Diktdur gestürzt, die mit Katastrophe endet. Politische Weltgeschichte en miniature.

  113. Kleider machen Leute. (Keller)Ehrlicher Handvverksbumche durch Zufälle in die Rolle eines Edelmannes gedrängt, beweist echten Adel der Gesinnung und behält das Herz der unter falschen Voraussetzungen gewonnenen Braut auch nach seiner Entlarvung. Antithese: Es kommt auf die Kleider an - es kommt nicht auf die Kleider an.

  114. Pariser Abenteuer. (Maupassant) Vom Provinzleben enttäuschte, sehnsüchtige Frau eines biederen eichters will in Paris die Sünde kennen lernen, trifft einen von ihr als Idol verehrten Schriftsteller, den sie durch erwiesene Gefälligkeit veranlaßt, ihr die große Welt zu zeigen und die Nacht mit ihr zu verbringen. Sie erkennt die Hintergründe der Fassade ihrer Träume und kehrt enttäuscht nachhause zurück.

  115. Das Gespenst von Canterville. (Wilde) Amerikanisches Botschafterpaar mit zwei Kindern bezieht englisches Gespensterschloß und behandelt das Gespenst mit so entwaffnender Sachlichkeit, daß es einen Nervenzusammenbruch erleidet. Die Tochter allein hat Mitleid und erlöst durch die Reinheit ihres Herzens den Verdammten.

  116. Der Nerventöter.(loo1 Nacht) Aufdringlicher Schwätzer, der einem jungen Mann die Wohltaten vergelten will, die ihm dessen Vater erwiesen hat, bringt seine Liebesgeschichte durdheinander bis zur Todesgefahr. Kann nur mit schwersten Drohungen weggeschreckt werden.

  117. Akulina. (Puschkin) Ein Fräulein gewinnt in Verkleidung als Bauernmädchen die Liebe eines Bauernburschen, der ebenfalls ein Bdelmann und zwar der Sohn eihes E7, bfeindes ihres Vaters ist.

  118. Der Schuß von der Kanzel. (Meyer) Kauziger General bringt es zuwege, daß sein Bruder auf der Kanzel heimlich an einer Pistole herumspielt, aus der sich ein Schuß löst. Reuevoll schafft er es aber dann, daß das, was alle gehört haben, dennoch als nicht existent betrachtet wird, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, und das die Lieblingsnichte ihren Vikar bekommt.

  119. Die Rache. (Boccacio) Gefoppter Student, den eine Schöne eine Nacht lang im Schnee in geschlossenem Hofe eingesperrt warten ließ, rächt sichpindem er ihren Aberglauben benutzt, um sie nackt auf die Plattform eines verfallenen Turmes steigen und nach V/egziehen der Leiter einen Tag lang in glühender Sonne schmoren zu lassen.

  120. Lord Arthur Savilles Verbrechen. (Wilde) Ein Lord wird durch berühmten Wahrsager zu dem Glauben gebrachter werde demnächst einen Mord begehen. Um die Sache möglichst schnell hintersich zu bringen, vergiftet er eine liebe alte Tante, deren Leben seiner Ansieht nach am wenigsten Wert hat. Als er erfährt, daß Tante gar nicht an Gift gestorben, sücht er anderes Opfer, trifft im Nebel den Wahrsager und wirft ihn in die Themse. Hocherfreut, daß Sache bestens erledigt.

  121. [[Blatt fehlt]]Standhafte Liebe. (Balzac) Berühmter Goldschmied liebt Leibeigene eines Klosters und wird freiwillig Leibeigener, wo sie heiraten zu können, ist aber dann nur noch zu leibeigenen Arbeiten bereit. Erst jetzt läßt die Kirche mit sich handeln und gibt beiden die Freiheit um den Preis eines Sakramentshäuschens, das der Gipfel seiner künstlerischen Leistung wird.

  122. Die Million in der Westentasche. (Twain) Infolge Wette wird Schiffbrüchigem eine einzigartizge Banknote über eine Million Pfund in die Hand gespielt. Niemand kann sie wechseln, aber überall erhält er Kredit, wird berühmt, tätigt Geschäfte, lernt reizendes Mädchen kannen. Als er Banknote zurückgibt, hat er ein fast ebenso hohes eigenes Eankkontok und gewinnt das ;äädchen, die Tochter eines der 'letter.

  123. Der Schmied seines Glückes. (Keller) Überbetriebsamer schmiedet zuviel an seinem Glück und verscherzt lukrative Adoption durch planvolle Verführung der jungen Frau seines künftigen AdoPtivvaters. Diese bekommt dao langersehnte Kind, sodaß kein Interesse an Adoption mehr besteht.

  124. [[Blatt fehlt]]Der Eifersüchtige. (Cervantes) Alter Mann heiratet junge Tochter verarmter Litern und hütet sie aus Eifersucht wie eine Gefangene. Junge Tunichtgute wetten, daß sie verführbar sei. Einem gelingt es, in ihr Schlafzimmer vorzudringen, als sie itle von Ehemann überrascht werden. Auf dem Totenbett bereut er die unnatürliche Sklaverei, iri die er seine junge Frau gebracht hat, vermacht ihr sein. Vermögen. Ihr Stiefbruder, der sie immer geliebt hat, heiratet sie.

  125. Das verpasste Glück. (Tschechow) Junger Mann kann sich nicht aufschwingent geliebtes Mädchen um giiir seine Hand zu bitten und sie damit aus dem Muff eines pseudokünstlerischen Haus— halts zu befreien. Ihr Klavierspiel kommt im entscheidenden Moment dazwischen. Nach mehrjähriger Abwesenheit findet er sie noch immer klavierspielend vor, kann sich wiederum nicht entschließen. Nach 2o Jahren ist er hart, geldgierig und sich selbst zum Ekel geworden. Vor dem Haus der noch immer Klevierspielenden findet e4claß es nun zu spät sei und er sein Glück verpasst habe.

  126. Die Großmutter. (Maupassant) Scheintote Großmutter erlebt Erbteilung ihrer bescheidenen Habe durch ihre unerfreulichen Nachkommen. Verläßt das Haus mit Dienstmädchen, der einzigen, die sich wirklich um sie kümmerte und sie deshalb liebt, weil sie sich immer eine Großmutter gewünscht hat.

  127. Der Landvogt von Greifensee. (Keller) Der vitale Landvogt versammelt seine fünf einstigen Liebsten auf seiner Burg und läßt die Vergangenheit an sich vorüberziehen.

  128. Die Frau des Postmeisters. (Tschechow) Um seine junge Frau vor den Nachstellungen der Männer zu schützene verbreitet älterer Postmeister das Gerücht, sie habe ein Verhältnis mit dem gefürchteten Polizeimeister. Diesem macht er weiß, sie sei die uneheliche Tochter des Gouverneurs, des einzigen Manschen, den der Polizeimeister fürchtet, und der bereits zwei ihr, r Liebhaber nach Sibirien geschickt habe. Als Postmeister pensioniert wird und mit seiner ahnungslosen Frau wegzieht, sieht sich die Männerwelt genasführt und beschließt bei der Frau des Nachfolgers solle ihnen das nicht passieren.

  129. Die Studienreise des Teufels. (Macchiavelli) In der Hölle taucht Grundsatzfrage auf, ob erlittener Ehestand den Männern als mildernder Umstand auf die Höllenstrafen angerechnet werden soll. Oberteufel prüft in Menschgestalt auf Erden die Ehe und befürwortet dann die Vorlage. (Anm.: Machiavellis satirische Novelle hatte den langen Titel „Der Erzteufel Belfagor wird von Pluto auf die Erde gesandt, mit der Verpflichtung, eine Frau zu nehmen. Er kommt, nimmt eine Frau, und unvermögend ihren Hochmut zu ertragen, kehrt er lieber in die Hölle zurück, als sich wieder mit ihr zu vereinigen.“)

  130. Das Duell. (Thoma) Wichtigtuerischer Hohlkopf treibt junge Leufe in ein Duell, das aber durch den gesunden Menschenverstand anderer verhindert wird.

  131. Der große Rindfleischvertraz. (Twain) An einer Froderung gegen die Regierung der Vereinigten Staaten aus einer Rindflischlieferung werden alle Inhaber des Vertrages verrückt oder sterben. Der Weg eines Inhabers durch die Wirrnisse des Behördenapparates endet damit, daß er seinen Vertrag dem widerlichsten aller Beamten schenkt und diesen damit zum Irrenhaus verurteilt.

  132. Der Stoppezieher. (Stoltze) Verunglückter Empfang des Reichsverwesers durch die Stadt Frankfurt wird durch die Ausnutzung eines pikanten Abenteuers in einen Erfolg umgemünzt.

  133. Onkel Benjamin. (Tillier) Aufrechter Wundarzt mit Mut und trockenem Witz setzt sich gegen die Unverschämtheit adliger Gutsbesitzer und Offiziere durch.

  134. Das Himmelbett. (Kuprin) Junges Paar hat Heiratsschwierigkeiten wegen einem Monstrum von Himmelbett, das es los werden will, aber immer wieder in die Hände bekommt.
    .

  135. Der Orden. (Maupassant) Privatier, der keinalgrößeren Wunsch hat, als Ritter der Ehrenlegion zu werden, wird von Abgeordnnten zwecks angeblich wichtigen Studien in die Provinz geschickt und derweil betrogen. Natürlich besteht keinerlei Aussicht für das rote Band. Bei verfrühter Rückkehr des Gatten kann sich der Liebhaber über den Balkon entfernen, muß aber seinen Mantel mit dem roten Band zurück lassen. Die Frau redet dem mißtrauischen Mann ein, es sei sein eigener Mantel und das Band sei die große Überraschung. Nach acht Tagen steht die Ernennung im Staatsanzeiger.

  136. Die Reise in den Himmel. (Twain) Verstorbener Kapitän trifft seinen Bootsmann im Himmel und wird von seinen kleinlichen und engen Illusionen über die Seligkeit geheilt, vor allem, dass der Himmel nur für Erdenbewohner bestimmt sei. Jeder Wunsch, den er äußert, wird ihm erfüllt. Zuletzt wünscht er sich auf sein altes Schiff zurück und bemerkt jetzt erst daß das Leben, daß er auf Erden führte, die eigentliche Seligkeit für ihn bedeutete.

  137. Banalisierung des Erhabenen. Übertragung hehrer Begriffe, Reden Dichtwerke oder Szenen in einen Alltagsjargon a) mit Hilfe des Dialekts b) mit Hilfe eines bestimmten Fachjargons c) durch Betonungsveränderungen d) durch eine trockene Wiedergabe in ganz normaler Sprache.

  138. Ich sichere meine Zukunft. Vorwand für aktuelle Weltbetraohtung unter politischen, wirtschaftlichen, technischen und anderen Aspekten.

  139. Lob durch Beschwerde. Um die Richtigkeit einer Institution oder Meinungsrichtung zu unterstreichen, tritt ein dummer Beschwerdeführer auf, der sich mit den landläufigen Argumenten selbst ad absurdum führt.

  140. Ein Mann wartet. Erwägungen ob man auf die Elektrische warten oder bis zur nächsten Haltestelle laufen soll. Sie kommt und rechten Moment, Aufspringen im Fahren, kein Portemonnaie, Abspringen im Fahren, Knieverletzung, ganze Fahrt erweist sich als überflüssig.

  141. Der werdende Vater. Empfindungen des Vaters unmittelbar vor der Geburt seines Sohnes, der dann ein Mädchen ist.

  142. Vaterfreuden. Torheiten eines von der Frau mit dem Kinderwagen und Baby aus geschickten Vaters, um das Baby vom Brüllen abzubringen.

  143. Beim Rasieren. Durch Hitzigkeit und Unkonzentriertheit fällt die aus besonderem Anlass wichtige Rasur miserabel aus und verhindert sogar seine Wahrnehmung.

  144. Kochen telefonisch. Zwei Strohwitwer beraten sich von Küche zur Küche telefonisch zwecks Herstellung von Pfannkuchen. Nachdem Küche in Chaos verwandelt, verabreden sie sich in Restaurant.

  145. Natugenuss. Er ist entschlossen, das Erhabene der Natur auf sich wirken zu lassen und es in vollen Zügen zu genießen, wird durch einen drückenden Knopf daran gehindert und pfeift auf die ganze Natur.

  146. Die Vorladung. Bei Empfang polizeilicher Vorladung regt sich Gewissen und rekapituliert alle in Betracht kommenden Delikte. Bereitschaft zu tätiger Reue und große Zerknirschung. Als Vorladung harmlos ist, sind alle guten Vorsätze vergessen.

  147. Moralisch bleiben. Er sieht ein hübsches Mädchen im Café, stellt gewagte Erwägungen an, ist aber zu feige, mit ihr anzuwenden, redet sich selber ein, es sei ein Sieg der Moral.

  148. Auskunft. Er gibt umständliche Auskunft und stiehlt der fragenden nur die Zeit. Zum Schluss muss er zugeben, dass er von der gesuchten Straße noch nie etwas gehört hat.

  149. Der Hausfrauenkongress. Er spricht mit seiner Frau in London Fremdsprachen in Heimatdialekt, Protzerei vor den Telefonistinnen, schrittweise Enthüllung seines Versagens in der Haushaltsführung während ihrer Abwesenheit.

  150. Der Ofen. Kampf eines Mannes mit seinem Ofen, der zu Gunsten des Ofens endet.

  151. Die Kunst des Einschlafens. Man versucht alle bekannten und einige unbekannte Mittel zum Einschlafen. Es gelingt ihm dann mithilfe der Lektüre von Thomas Mann.

  152. Das ewig Männliche. Verschiedene Reaktionen eines Mannes bei Ankündigung des Besuches erst einer vierzigjährigen Dame, dann ihrer zwanzigjährigen Tochter.

  153. Der Querulant. Ein Querulant im Abteil wird nach längeren Kämpfen dadurch zur Strecke gebracht, dass man alle seine Wünsche sofort wortwörtlich erfüllt.

  154. Der Beschützer er bietet einem auf Parkbank weinenden Mädchen Schutz in seiner gesicherten Häuslichkeit an. Nach überströmenden Dankzeugungen schält sich heraus, dass der ihr zugedachte Aufgabenkreis den dreier Leibeigener weit überschreitet. Sie verzichtet auf Beschützung.

  155. Ordnung muss sein. Pedant richtet durch seine betonte Ordnungsliebe größte Unordnung an.

  156. Das Testament. Nach entnervendem Ehekrach will er sich umbringen, verfasst ein Testament, dessen edle Großzügigkeit sie nach seinem Ableben tief beschämen soll. Er gerät mit sich selbst in Streit über die einzelnen Punkte, findet, dass sie seine Großzügigkeit nicht verdient und verzichtet auf Beschämung und Ableben.

  157. Nicht sentimental werden. Er erhält Brief einer Tanzstunden Liebe und wird von sentimentalen Erinnerungen durchweht. Für die gute könnte er alles tun. Als sich herausstellt dass er wirklich etwas für sie tun soll, lässt er den Brief mit „Adresse unbekannt“ zurückgehen.

  158. Beim Zahnarzt. Mit nächtlichem Zahnschmerz gerät er einer Zahnärztin in die Finger, der er bei Verkehrsunfallschaden und Schmerzen zugefügt und finanziell sehr ruppig behandelt hat. Unter dem Eindruck des Burmas verspricht er tätige Reue.

  159. Der Hundebiss. Lockere Dame hat ihren Hund abgerichtet, gut situiert aussehende Herren in die Wade zu beißen, damit sie diese zwecks Wiedergutmachung und Pflege in ihrer Wohnung mitnehmen kann, um sie dann auszunehmen.

  160. Rotkäppchen. Einkleidung einer aktuellen Situation, einer bestimmten Geistesrichtung oder politischen Auseinandersetzung in die Form eines bekannten Kindermärchens.

  161. Die Kondolation. Er kondoliert seinem Kompagnon zum Hinscheiden eines Onkels, gerät aber dabei immer tiefer in eine Kritik des Onkels und des Neffen. Kondolation endet mit geschäftlicher Trennung.

  162. Das Inserat. Man will Heiratsinserat aufgeben und ringt mit dem Mädchen von der Annahmestelle um jede einzelne Formulierung. Lässt die Sache fallen, weil ihm der Preis zu hoch ist. Außerdem ist er noch verheiratet und lässt sich vielleicht doch nicht scheiden.

  163. Die Beratung. Unterrichtsstunde für einen Ausländer in Dialektformulierung, so, als ob es sich um einen richtigen Sprachunterricht handele.

  164. Der Flirt. Kurzsichtiger flirtet mit Dame im Café, stellt dann fest, dass alle ihre ihn erregenden Blicke und Gebärden gar nicht für ihn bestimmt waren.

  165. Der Kriminalfilm. Nach Besuch eines Kriminalfilmes benimmt er sich auf dem Heimweg ganz im Stile dieses Films, um seine Angst sich selbst gegenüber zu überspielen.

  166. Der Sänger. Star eines ländlichen Gesangsvereins treibt mit der Bitte um Engagement als Operntenor Sekretärin einer Staatsoper zur Verzweiflung.

  167. Die Rede. Sekretärin, die angeblich einige goldene Worte aus dem Munde des Chefs nicht mitgeschrieben hat, wird bei Kündigungsandrohung verpflichtet, kein Wort des Chefs auszulassen. Er diktiert eine Rede, und sie schreibt stur seine sämtlichen Zwischenbemerkungen - zum Teil nicht salonfähiger Art - mit und verpatzte ihm so seine wichtige Rede, da er Manuskript nicht mehr durchlesen konnte.

  168. Der Damenringkampf. Diskussion zweier Männer, ob sie der häuslichen Überwachung entgehen und in einen Damenringkampf gehen sollen. Die Annehmlichkeiten, die Sie beim Damenringkampf erwarten, wiegen aber die sich zuhause ansammelnden Unannehmlichkeiten nicht auf, und so verzichten sie.

  169. Die Flucht. Man trägt sich mit Fluchtgedanken, als kurze Abwesenheit der Frau gute Gelegenheit ergibt. Er mischt romantische Jungenträume hinein, gerät so ins Spintisieren, dass er die Zeit vergisst. Die Frau kommt zurück, und er ist im Grunde ganz froh, dass er nicht zu fliehen braucht.

  170. Der Schuhkauf. Mann probiert den halben Schuhladen durch. Als man ihm nichts annähernd so Bequemes bieten kann wie seine alten Latschen, verzichtet er auf den Kauf und bleibt bei den Latschen.

  171. Der Fensterplatz. Man kämpft wütend um einen von ihm nicht ordnungsgemäß belegten Fensterplatz in D-Zugabteil. Die Dame gibt schließlich um der Ruhr willen nach und tauscht den Platz mit ihm weil er beharrlich behauptet nicht rückwärtsfahren zu können als Tausch und Friede wiederhergestellt…[[unleserlich]].

  172. Der Koffertrick .

  173. Der Retter. Er rettet Frau vorm Überfahrenwerden. Sie fühlt sich ihrem Lebensretter zu ewigem Dank verpflichtet, lässt sich nicht mehr abschütteln und wird zur Landplage.

  174. Kollegen. Bürointrige dreier Kollegen, die jeweils zu zwei und zwei über den dritten Reden und zum Schluss nicht mehr wissen, wer eigentlich was über wen gesagt hat.

  175. Der Benediktiner. Er soll kleines Mädel beaufsichtigen und bemerkt nicht, dass es sich an einem Benediktiner betrinkt. Liefert sie der Mutter in desolatem Zustand ab.

  176. Der Wecker. Geräusch des durch die Wand dringenden Weckers veranlasst ihn zu geharnischter Beschwerde bei Nachbarin. Da er sich selbst an den Wecker gewöhnt hat, verschläft er seinen Dienst, als sie am nächsten Morgen den Wecker nicht mehr bemühen lässt.

  177. Der Lift. Er erlebt in steckengebliebenem Lift Todesängste und Umkehr zu guten Vorsätzen und sieht bereits eine Vorschau auf seine Beisetzung. Als gerettet, vergisst er sofort alles.

  178. Die Beleidigung. Mann begreift nicht, dass man den Wahrheitsbeweis für eine Beleidigung nicht erbringen kann und beleidigt bei seiner Verteidigung immer neue Leute.

  179. Anschluss. Er hat sich auf Heiratsinserat hin mit Dame im Park verabredet, wird aber von deren Mutter verarztet und hat so genug von ihr, dass er die Tochter gar nicht erst noch kennenlernen will.

  180. Die Dame im Café. Durch gedankenlose Wiedergabe von Klatsch und angeblichen Äußerungen wird er Ruf einer Dame schwer geschädigt, und sie schlägt zurück.

  181. Das Los. Er lässt sich von Studentin beschwatzen, ein Los zu kaufen, macht aber gleich einen Rückzieher, als diese das Kuvert bereits geöffnet hat. Er bestreitet nachdrücklich seine Verpflichtung zur Abnahme des Loses. Sie wird es also selbst bezahlen. Sie hat einen großen Treffer gemacht. Er kauft ihr ihre gesamten restlichen Lose ab, um auch noch einen großen Treffer zu kriegen, trägt aber keinen.

  182. Der Minister. Gedanken eines Ministers während der Teilnahme an Standardveranstaltung und während seiner Standardrede. Er ist überlastet und kommt überhaupt nicht mehr zum Arbeiten und weiß schon gar nicht mehr, was er eigentlich einweiht.

  183. Der Krankenbesuch. Besucher einer operierten Obermieterin will ihr angeblich eine Freude mit seinem Besuch machen, gerät aber in eine Aufzählung ihrer Schandtaten und vor allem des Krachs über seinem Kopf. Benimmt sich so unverschämt, dass ihn Schwester hinausweist. Die Kranke aber erfasst neuer Wille zum gesundwerden, weil sie ihren ersten Hausputz jetzt nicht mehr abwarten kann.

  184. Der Zeuge. Wichtigtuerischer Zeuge bereitet sich im Gerichtskorridor auf seine Zeugenaussage vor. Um sich in immernoch günstigeres Licht zu versetzen, verwandelt er den zu bezeugenden Vorgang bis zur Unkenntlichkeit. Zum Glück wird er zum Schluss gar nicht aufgerufen.

  185. Der Bruch. Ein Mann, dem im Ersten Weltkrieg Einbruch gute Dienste geleistet hat, hat ihn sich nie operieren lassen und der Zweite Weltkrieg gab ihm darin recht. Auch jetzt kann er sich noch immer nicht zur Operation entschließen.

  186. Die Beschwerde. Er renommiert Kollegen gegenüber, wie scharf er sich beim Chef beschweren und wie er es ihm dabei geben würde. Bei dem entscheidenden Telefonat sagt er aber nur Jawohl und sonst keinen Mucks. Renommiert aber gleich wieder mit vollem Erfolg seiner Beschwerde. (Aussterbende Zivilcourage)

  187. Unfallverhütung. Einige Fälle der Unfallnichtverhütung.

  188. Frau ist weg. Aufkeimende Angst Ehemanns um die nach Krach verschwundene Ehefrau. Nachforschungen bei Freundinnen, Schwiegermutter und Polizei. Sie lebt und hat einen teuren Mantel gekauft. Nach anfänglicher Erleichterung ist der Krach wieder da.

  189. Der Pickel. Mann entdeckt kurz vor Rendezvous einen Pickel an der Lippe, den er rasch ausdrückt und mit allen möglichen Mitteln bekämpft, ohne verhindern zu können, dass die Stelle immer größer und auffälliger wird. Nachdem er sich zu erbärmlichem Provisorium durchgerungen hat, lässt die Dame durch ihr Hausmädchen telefonisch wegen Migräne absagen. Das Hausmädchen vertraut ihm an, dass es keine Migräne, sondern ein Pickel sei, der sie zurück halte.

  190. Der Amateurfotograf. Anerbieten, die Frau eines Freundes mit Kind zu fotografieren, führt zu unübersehbaren Schwierigkeiten, lächerlichen Unfällen und schließlich zum Bruch mit dem Freund, aber nicht zu einem gelungenen Bild.

  191. Die Reise. Skeptiker verwirft alle Vorschläge des Reisebüros für Urlaubsreise. Entscheidet sich schließlich unter dem Gesichtspunkt der auf dem Prospekt abgebildeten Pinup-Girls und der angekündigten Schönheitskonkurrenzen, aber diese Reisen genehmigt seine Frau nicht.

  192. Der Protest.

  193. Die Schachpartie. Ein herablassend behandeltes Kind, das ihm reparierte Schachfiguren zurückbringt, wird von ihm zum Spaß zu einer Partie eingeladen. Schlägt ihn dreimal so vernichtend, dass er die Figuren auf die Erde schmeißt und das Kind sie gleich wieder zur Reparatur mitnehmen kann.

  194. Prominenter Besuch. In einem Betrieb auftauchende Filmschauspielerin löst sofort Kombinationen über ein Verhältnis des Chefs mit ihr aus. Ihre Fragen über seine Vermögensverhältnisse nähren den Verdacht. Sie hat ihn aber lediglich mit dem Wagen angefahren und will möglichst billig dabei wegkommen.

  195. Elektrizität. Versuch, einem Kind die Elektrizität wissenschaftlich zu erklären, endet mit Fiasko und einem Schlag.

  196. Abgeschlossen? Er hat bei jedem Ausgang die fixe Idee, er habe vergessen, die Wohnung abzuschließen, läuft immer noch einmal zurück und sieht nach. Sie ist immer abgeschlossen. Endlich bezwingt er sich und sieht nicht nach. Diesmal war sie nicht abgeschlossen, und man hat tatsächlich die Wohnung ausgeraubt.

  197. Die Verleumdung .

  198. Die Scheidung. Sie unterhalten sich telefonisch über die bereits fest beschlossene Scheidung. Lediglich Möbelverteilung noch zu klären. Da sie sich über das Klavier nicht einigen können, bleiben sie zusammen. Beide können übrigens nicht Klavier spielen.

  199. Anruf aus Paris. Er fürchtet, dass sie ein etwas kompromittierendes Foto vom Betriebsausflug in seinem Anzug finden und daraufhin eine Verkürzung seines Pariser Aufenthaltes fordern könnte. Prophylaktisch bereitet er sie auf den Fund des Bildes vor, sie tobt prompt und fordert seine Rückkehr. Hinterher stellte er fest, dass er das Bild überhaupt bei sich hat.


Alle Original-Texte von Wolf Schmidt


Zum Seitenanfang